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Das Buch ist tot? Es lebe der Leser!

Kleine Bücherschau zur Frankfurter Buchmesse

Von Michael Braun10. Okt. 2017


Hilfe, das Buch geht unter. Die rituelle Klage der Feuilletons, zuletzt in der F.A.Z. vom 21.09.2017, ist nicht grundlos. Der Umsatz gedruckter Bücher brach binnen fünf Jahren um 13 Prozent ein. Nur noch jeder fünfte Deutsche liest. Andererseits steigt die Buch-Produktion weiter. Lesungen und Literaturfestivals florieren. Und gute Bücher finden nach wie vor ihre Leserkreise, kleiner oder größer. Was machen die Literaturpreisträger der Stiftung?

Bücher wollen gelesen werden... Doch welche lohnt es sich zu lesen?

Die Richterin und ihre Denker

Petra Morsbach (Literaturpreis der KAS 2007) erzählt stets nach dem Grundsatz der teilnehmenden Beobachtung. Sie recherchiert ihre Stoffe genau, sei es in der Oper oder im kirchlichen Milieu. Neun Jahre hat sie an den neuen Roman „Justizpalast“ verwandt, mit über 30 Zivil-, Straf- und Verwaltungsrichtern gesprochen. Die juristischen Fallgeschichten, die internen Gerangel und die privat-familiären Engpässe von Richtern sind gebündelt im Schicksal der Hauptfigur Thirza Zorniger. Sie entstammt einer desolaten Schauspielerfamilie, die Mutter stirbt früh, das Mädchen bleibt beim Großvater, selbst Jurist, will unbedingt Richterin werden und auf der "richtigen Seite der Verbote" stehen. So arbeitet sie sich ebenso kontinuierlich wie beharrlich nach oben, wird Vorsitzende Richterin der 44. Kammer im Münchner Justizpalast. Mit Sinn für Komik, Tragik und sprechende Details von Strafsachen schickt Morsbach ihre Heldin auf eine nie langweilige Reise ins Innere eines Rechtssystems, das bei aller Demokratie seine Unüberschaubarkeit behält. Großartig etwa im Kapitel über die Gnadenbürokratie: ein romantisches Instrument im Orchester der Justiz. Dahinter stehen viele Fragen: Worin liegt die Kraft des Urteils, wozu ist Gerechtigkeit gut, warum ist die Justiz permanent überarbeitet, was hat Rechtsprechung im Richteramt mit dem Glauben an ein gelingendes Leben und mit privatem Glück zu tun? Ein brillanter Roman, ein Lesegenuss, nicht nur für Juristen, lehrreich, unterhaltsam, spannend bis zur letzten Seite, hochgradig empfehlenswert.

Für Liebhaber von Skizzen

Vor neun Jahren erschien „Der Turm“, Uwe Tellkamps Rhapsodie auf die verlöschende DDR. Der Autor (Literaturpreis der KAS 2009) kündigte eine Fortsetzung an. „Lava“ sollte sie heißen und das Schicksal der Hoffmanns und der anderen Personen vom Weißen Hirsch fortschreiben. Bislang ist nur der Stadtbild-Band „Die Schwebebahn“ erschienen. Und jetzt ein schmuckes kleines Bändchen, „Die Carus-Sachen“. Ist das die „Zinne“ des neuen „Turms“ (Elmar Krekeler)? Nun, es handelt sich um eine Skizze im doppelten Sinne. Gerahmt von kristallinen Dresden-Zeichnungen Andreas Töpfers, lässt Tellkamp Carl Gustav Carus auftreten (1789-1869), einen berühmten Dresdner Chirurgen und Zeitgenossen Goethes. Die Handlung spielt in der Gegenwart. Das Leitmotiv der skizzenhaften Erzählungen sind die „Carus-Sachen“, die dem Erzähler (der nicht der Autor ist) von seinem Vater, einem Arzt, zugetragen werden: medizinische, politische, kulturgeschichtliche Exkurse aus postromantischem Impuls. Es geht um Geburtshilfe auf dem Dorf, um Naturphilosophie, um Honeckers Frau, um Kunstateliers – und immer wieder um das Arbeitszimmer des Vaters, das „Sternwarte“ heißt. Ein schmuckes Bändchen, vielleicht ein Vorspiel zum „Turm 2.0“.

Nicht nur für historisch Interessierte

In seinem Bestseller „Vermessung der Welt“ hat Daniel Kehlmann (Literaturpreis der KAS 2006) einige VIPs aus der deutschen Geschichte legendarisiert, den Mathematiker Gauß zum Beispiel, die Humboldt-Brüder und Goethe. Das Ausschmücken historischer Figuren ist das Erfolgsrezept von Kehlmanns magischem Realismus. Er hat es nahezu perfektioniert, jetzt auch wieder in einem neuen Roman. „Tyll“ heißt er, und damit ist natürlich Tyll Ulenspiegel gemeint, Vagant, Schausteller und agent provocateur. Anfang des 17. Jahrhunderts wird er in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, kommt mit der Kirche in Konflikt, Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Kehlmann erzählt vom Schicksal eines gebildeten Schelms, der in den Wirren des Krieges Gelehrten und Schriftstellern, Henkern und Jongleuren, Jesuiten und Weltweisen, einem sprechenden Esel namens Origenes, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen und dem Dichter-Arzt Paul Fleming begegnet. Ein lehrreiches Lesevergnügen, Kehlmann at his best.

Und die Lyrik?

Der Georg-Büchner-Preis 2017 geht an Jan Wagner (Else-Heiliger-Stipendiat der KAS). Der Autor ist nach eigenen Worten in der ‚Dreifelderwirtschaft‘ tätig: er schreibt Lyrik, er übersetzt sie, vorzugsweise aus dem angloamerikanischen Raum, und er sammelt und kommentiert sie, etwa in der Anthologie Lyrik von Jetzt (drei Bände seit 2003). Gerade erscheinen seine Essays über Lyrik in Der verschlossene Raum und die von ihm dirigierte Minnesang-Anthologie Unmögliche Liebe (beide 2017). Jan Wagners Gedichte gelten als spielfreudig und zugleich formbewusst deswegen, weil sie, ganz ohne modernistische Berührungsangst, den Dialog mit Tradition, Religion, Natur und Kultur aufnehmen, gemäß seiner Devise: „Fortschritt ist das, was man aus dem Rückgriff macht“.

Beispiel gefällig? Als der 1971 geborene Autor am Trinity College studierte, gab es einen stummen, kleinwüchsigen, asiatisch aussehenden Herrn, der jahrelang unbehelligt Seiten aus wertvollen Enzyklopädien und Erstausgaben in der Bibliothek herausriss und verspeiste. In dem Gedicht "bibliotheken" (2014) hat Wagner dem Bücherfresser ein Denkmal gesetzt:

"... doch denke ich am meisten an die stadt-

bibliothek, an jenen, der vom ersten tag an
immer auffiel, immer da war, heimlich blatt um blatt

die bücher aufaß, fraß, mit irgendwelchen geistern
zu ringen hatte, bis man ihn verbannte,

matteo, den ich sehen kann, als ob es gestern

gewesen wäre, der nie sprach, weil er nicht konnte
vielleicht, bis auf ein grunzen, ein paar gesten,

oder weil er nicht wollte, oder weil er längst brannte."

Jan Wagner weiß, dass man ein Buch verschlingen kann. So oder so. Die Stiftung hat ihn im Dezember in Berlin zu einer Lesung gewonnen.

Michael Braun

  • Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Reinbek: Rowohlt, 2017
  • Petra Morsbach: Justizpalast. München, Knaus, 2017
  • Uwe Tellkamp: Die Carus-Sachen. Mit Zeichnungen von Andreas Töpfer. Eckernförde: Edition Eichthal, 2017
  • Jan Wagner (Hrsg.): Unmögliche Liebe. München: Hanser, 2017

Kontakt

AbbildungProf. Dr. Michael Braun ›
Leiter des Referates Literatur
Tel. +49 2241 246-2544
Michael.Braun(akas.de


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