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JONA besucht die USA und berichtet über German American Conference

JONA Stipendiaten, Oktober 2015, vor dem White House, Washington
JONA Stipendiaten vor dem Weißen Hause in Washington

Die Journalistische Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) hat ihren Stipendiaten im Rahmen einer stiftungsweiten transatlantischen Initiative erstmals eine Recherche-Reise in die USA ermöglicht: Vom 25. Oktober bis 2. November 2015 erkundeten 18 JONAlisten mit JONA-Seminarleiterin Astrid Csuraji, Jasmin Off (Schwäbische.de, Ravensburg) und Marco Maas (OpenDataCity) Washington D.C. und Boston. Das Auslandsbüro der KAS in den USA unterstützte das Projekt organisatorisch und inhaltlich.

JONA@USA begann am Montag 26. Oktober mit einem fröhlichen Willkommen durch Sabine Murphy, Projektkoordinatorin der KAS, und einem gedecktem Frühstückstisch im KAS-Büro in D.C. Um 8.30 Uhr stand bereits das erste Gespräch auf dem Programm, und der Gast hatte Schwarzbrot im Gepäck. Dr. Charles Ludolph, Lobbyist bei Relians und Träger des Bundesverdienstkreuzes, dozierte über die Vorteile und Chancen von TTIP aus US-amerikanischer Sicht. Die Teilnehmer waren kein bisschen müde, diskutierten engagiert mit. Kritische Frage eines Stipendiaten zum Schluss: „Angenommen, der BND hätte das Handy von Obama in NSA-Manier ausgespäht, würde die US-Regierung die Verhandlungen zu TTIP dann überhaupt weiter in Betracht ziehen?“ Antwort von Ludolph: „No, absolutely not.“

Direkt im Anschluss an die TTIP-Diskussion gaben Emily Schultheis, Reporterin beim Magazin National Journal, und Soren Dayton, Strategieberater, Einblicke in den Vorwahlkampf ums Präsidentenamt, erläuterten Themen und Kandidatenprofile. Ihr vorläufiges Fazit: Die Republikaner sind zerstritten und wissen nicht so recht, was sie vom Flirt ihrer Wähler mit Donald Trump halten sollen. Auf demokratischer Seite sorgt nur Bernie Sanders für etwas Spannung, denn dort könne Hillary Clinton nur noch über sich selbst stolpern – dabei gebe sie sich aber durchaus Mühe.

Vom KAS-Büro ging es im Dauerlauf (zum Teil mit Fahrrädern) zum Capitol Hill und dort zu einer Führung durch das historische, leider eingerüstete Gebäude. Die Gruppe bekam auch Zugang zum House of Representatives und konnte auf der Besuchertribüne Platz nehmen. Leider fand just dann keine Debatte statt – die Abgeordneten hatten Pause. Stattdessen genossen die Stipendiaten das spontane Referat eines Teilnehmers, der zurzeit in Washington studiert und der ihnen das parlamentarische System der USA genauer erklärte.

Anschießend sollte es bei der Sunlight Foundation eigentlich um Lobbyismus und den Umgang mit Datenschutz gehen – doch der Termin entfiel krankheitsbedingt. Kurzerhand wurde eine Unterrichtseinheit zum Live-Reporting-Tool Flypsite vorgezogen, welches die JONA erstmals bei einer Harvard-Konferenz in Boston testen wollte.

Am Dienstag joggten die ersten schon um acht Uhr ums Weiße Haus. Um halb zehn begann der Check-In beim State Department. Man muss es wohl Check-In nennen: In allen öffentlichem Gebäuden, besonders in denen der Regierung, herrschen strenge Sicherheitsvorkehrungen: Durchleuchten, Abtasten, Taschen-Check, Passkontrolle, Listenkontrolle, Anrufe, Eskorte in die richtige Etage. Ein Aufwand, der sich lohnte: Anderthalb Stunden lang sprachen vier Diplomaten des German Desk über die Chancen und Herausforderungen der deutsch-amerikanischen Beziehung. Tenor: Wir müssen uns gegen die Bedrohung aus China und Russland wappnen. Die transatlantische Partnerschaft liegt außerdem nicht in unserer DNA, sie muss immer wieder neu gelehrt, gelernt und gestärkt werden.

Nach dem Besuch im mächtigsten Außenministerium der Welt ging es zu Fuß über die Mall, vorbei am Lincoln Memorial (nicht „Washington in Washington“, wie Renate Künast am selben Tag bei Facebook postete) und am Vietnam Memorial entlang bis hin zum Weißen Haus. Dort: Fotostopp. Und tatsächlich ist in diesem Moment @POTUS alias Präsident Barack Obama in einer Autokolonne vorbeigefahren.

Am Nachmittag besuchte die JONA dann das Center for American Progress (CAP), ein liberales Think Tank, das den Demokraten nahe steht. Dort sprachen sie mit Sam Fulwood und Daniella Gibbs Léger über die Diskriminierung und gesellschaftliche Ungleichheit in den USA. Rassismus, wie er sich im Sommer 2015 in Baltimore und Ferguson gezeigt habe, sei fester Bestandteil der Gesellschaft. Aus ihm resultiere strukturelle Ungerechtigkeit und Ungleichheit in einem Land, das spätestens im Jahr 2050 nicht mehr mehrheitlich weiß sein werde. Die Gesprächspartner bestachen durch differenzierte Antworten auf schwierige Fragen – für viele Teilnehmer das inhaltliche Highlight der Woche.

Von der CAP ging es zur Deutschen Botschaft. Pressesprecher Markus Knauf hatte alle Hände voll zu tun, die zahlreichen Fragen zu beantworten: Wie kann die Botschaft das Deutschlandbild in den USA gestalten, ohne die immer gleichen Stereotypen – Wende und Weihnachtsmarkt – zu besetzen? Wie und wo kommt der deutsche Botschafter in US-Medien vor und warum erstellen die Botschaftsmitarbeiter allmorgendlich einen US-Medienspiegel für das Kanzleramt und die Ministerien? Welche Themen interessieren hochrangige deutsche Besucher in DC und welche Themen eher Amerikaner? Meinen Deutsche und Amerikaner dasselbe, wenn sie Freiheit und Sicherheit sagen? Wie unterschiedlich sind unsere Sichtweisen auf TTIP und die NSA? Und freuen sich die Amerikaner eigentlich über den VW-Skandal? Pressesprecher Knauf hatte auf alle Fragen eine Antwort, und das durchaus unterhaltsam.

Der Mittwoch begann im vermutlich interaktivsten Museum der Welt, dem Newseum. Dort kann man die Geschichte des Journalismus, von den Anfängen um 1450 bis zum digitalen Heute, erleben. Alte Druckerplatten der Washington Post, Teile der Berliner Mauer und des World Trade Center, tausende Fotos und Videos, Bildschirme, um Nachrichtenseiten selbst zu gestalten oder Aufsager vorm Weißen Haus zu proben: Das Museum kann seine Besucher durchaus den ganzen Tag beschäftigen.

Vom Newseum ging es zum Leuchtturm des Journalismus, der New York Times. Elisabeth Bumiller, frisch gekürte Leiterin des gerade sanierten Washingtoner Büros, empfing die JONA zwischen Umzugskartons. Flugs Klappstühle aufgestellt und los ging's: Was macht die Digitalisierung mit der Marke NYT? Wie wird man hier Reporterin und warum darf ein Nachwuchsreporter im ersten Jahr nur die Post öffnen und das Telefon bedienen? Wie arbeitet eigentlich ein White-House-Korrespondent und wie nah kommt er dem Präsidenten? Neben Bumiller sprachen die JONAlisten mit Nachwuchsreporterin Emmarie Huettmann, die vor kurzem aus Bayern von der Flüchtlingskrise berichtet hatte, sowie White-House-Korrespondent Peter Baker, der alle Fragen zum Weißen Haus, zu Obama, selbst zur Air Force One geduldig beantwortete. Das Gespräch machte beiden Seiten Spaß. „You were a fun group – we really enjoyed your visit!“

Zwei Blocks weiter residiert der Erzrivale Washington Post, ebenfalls zwischen Umzugskartons, denn der Verlag zieht in Kürze in ein neues modernes Redaktionsgebäude um. Im Keller des alten war alles für einen Ausflug in die Moderne vorbereitet: Mit Virtual-Realtiy-Brille und Card Boards sauste die JONA in die journalistische Zukunft. Die Leiterin des Graphics Department, Kat Downs Mulder, und der Manager Digital Strategies, Emilio Garcia-Ruiz, erklärten, mit welchen technischen Entwicklungen sie sich gerade beschäftigen. Ihr Appel: „We live in adventurous times – the new chances are endless and have just begun!“ Es herrsche Goldgräberstimmung, nicht Weltuntergang. Virtual Reality (VR), Drohnenjournalismus, Sensoren, Roboter – das sei alles da, alles gut, „you need to embrace it.“ Und tatsächlich gilt die Post neben dem britischen Guardian derzeit als Avantgarde der Digitalisierung im Journalismus. Auf die Frage eines Teilnehmers: „Would you hire me?“ war Garcias Antwort klar: „If you bring your own audience, for example more than 500 Followers on Twitter, and if you can fly a drone – you have a job today.“ Computer Science, das wurde schnell klar, ist der Schlüssel zu allem. Journalisten, die den Beruf auch in zehn Jahren noch erfolgreich ausüben wollen, müssen Programmierer verstehen, technik- und experimentierfreudig sein. Die Entwicklung wird nicht länger von Medienhäusern bestimmt, sondern von Technikfirmen wie Microsoft, Google, aber auch der Game-Industrie, die längst mit virtuellen Realitäten arbeitet. Was die in der journalistischen Praxis leisten können, durfte ein JONAlist mit Oculus Rift probieren, einer Brille für VR: Er spazierte damit durchs Oval Office und setzte sich kurz auf die Couch neben Barack Obama. Ein Imagefilm von Microsoft zeigte allen dann, was Hologramme sind und wie die in der Zukunft journalistisch genutzt werden könnten. Schon 2016 wird Microsoft die ersten Versuche auf den Markt bringen – mit der Washington Post im Schlepptau. Das alles sei kein Grund zur Furcht, davon ist Garcia überzeugt. Seine Begeisterung für die Zukunft hat an diesem Tag alle mitgerissen und inspiriert. Und eines, das sagte er zum Schluss, sei in der journalistischen Arbeit unveränderlich: „You need to tell the truth – in the most powerful way.“

Mit einem Besuch im ZDF-Studio und einem Gespräch mit Korrespondent Daniel Pontzen endete der dreitägige Aufenthalt in Washington – leider viel zu schnell.

Die nächsten vier Tage verbrachte die JONA dann in Boston, um von der German American Conference an der Harvard Universität zu berichten. Boston empfing mit 20 Grad und Sonnenschein sowie einem appetitlichen Farmer's Market, auf dem das Essen per Iphone an Foodtrucks bestellt und – natürlich – mit Kreditkarte gezahlt wird. Die Digitalisierung hat hier schon den Wochenmarkt erreicht.

Gestärkt ging's dann ans journalistische Experiment dieser Reise: Mit Flypsite, einem Programm für Social-Media-Live-Berichterstattung, das u.a. beim Eurovision Song Contest in der ARD eingesetzt wird, würde die JONA die Harvard-Konferenz redaktionell begleiten. Flypsite kann Social-Media-Posts, z.B. von Twitter, Facebook, Youtube und Instagram, nach #Hashtag oder Schlagworten sortiert, automatisch einsammeln und veröffentlichen. Flypsite empfängt auch RSS-Feeds und verfügt über ein eigenes Chat-, Kommentar- und Pollingsystem. So lassen sich Inhalte in Echtzeit publizieren – für die JONAlisten ihre erste Berührung mit Realtime-Publishing. Lernziel: Inhalte schnell erfassen und zusammengefasst präsentieren, dafür Social-Media-Tools wie Twitter professionell nutzen und Konferenzbesucher zur Diskussion auf der Social Media Wall einladen. Das Ergebnis des Experiments ist hier zu finden: http://gac15.harvard.flyp.tv.

Die Konferenz war gut besetzt, unter anderem fand eine Diskussion zwischen dem ehemaligen NSA-Chef Michael Hayden und Deutschlands oberstem Datenschützer Peter Schaar statt, Thomas Gottschalk philosophierte über Pop, andere diskutierten über Innovationen, Industrie 4.0 und die Flüchtlingskrise. Insgesamt gab es Interessantes zu hören und zu erleben und zudem jede Menge Netzwerkmöglichkeiten auf dem wohl begehrtesten Universitätscampus der Welt. Ein absolutes JONA-Highlight.

Nach getaner Arbeit konnten die JONAlisten noch einen Tag lang Boston auf eigene Faust entdecken und den Indian Summer erleben. Vor der imposanten Stadtkulisse gaben die Teilnehmer an der Hafenkante kurze Videostatements und resümierten ihr persönliches JONA@USA-Erlebnis. „Wow! Fantastisch! Einmalig!“

von Astrid Csuraji

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Seminarleiterin
Astrid Csuraji
Astrid.Csuraji(akas.de