Hermes, Andreas

Reichsminister, Verbandspräsident, Dr. phil., * 16.07.1878 Köln, † 04.01.1964 Krälingen/Eifel, römisch-katholisch

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1905 Promotion, 1919-20 Ministerialdirektor im Reichswirtschaftsministerium, 1920–1922 Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, 1921–1923 auch der Finanzen, 1924–1928 MdL Preußen (Zentrum), 1928–1933 Präsident verschiedener landwirtschaftlicher Organisationen, 1928–1933 Mitglied des Reichstages; 1936–1939 Wirtschaftsberater in Bogotá, nach dem 20.07.1944 zum Tode verurteilt, 1945 stellvertretender Oberbürgermeister von Berlin und Leiter des Ernährungsamtes, Mitgründer und (bis Dezember 1945) Vorsitzender der CDU; 1947–1949 Mitglied des Wirtschaftsrates der Bizone, 1947–1954 Mitgründer und Präsident des Deutschen Bauernverbandes und 1948–1961 des Deutschen Raiffeisenverbandes, 1954–1958 Präsident des Verbandes der Europäischen Landwirtschaft (CEA).

Der Kreis deutscher Politiker ist nicht groß, die in der ersten und in der zweiten Republik Spitzenpositionen eingenommen haben. Zu ihnen zählt Hermes, der als Agrarfachmann wie als Politiker nachhaltige Spuren hinterließ. Vom März 1920 bis März 1922 leitete er das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, vom Oktober 1921 bis August 1923 auch das in jenen Jahren undankbare Reichsfinanzministerium. In seiner dreijährigen Ministerzeit war er neben Matthias Erzberger einer der am schärfsten kritisierten Politiker der Weimarer Aufbaujahre. Parallel zu seiner Tätigkeit als Zentrumsparlamentarier baute er in verschiedenen landwirtschaftlichen Organisationen eine beträchtliche Machtposition auf: mit der Präsidentschaft der Vereinigung der deutschen (christlichen) Bauernvereine, dem Präsidentenamt des „Reichsverbands der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften-Raiffeisen e.V.“ sowie dem Vorsitz der landwirtschaftlichen Spitzenorganisationen („Grüne Front“) 1929. Als missliebiger Repräsentant der Weimarer Republik und als weltanschaulicher Gegner des Nationalsozialismus - sein Reichstagsmandat hatte er vor dem "Ermächtigungsgesetz" niedergelegt - wurde Hermes am 21. März 1933 verhaftet und 1934 wegen angeblicher Veruntreuung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Ein neues Betätigungsfeld fand er im Dritten Reich nicht. So emigrierte er 1936 für drei Jahre als Wirtschaftsberater nach Kolumbien. Als er 1939 seine Familie nach Kolumbien nachholen wollte, brach der 2. Weltkrieg aus und hinderte ihn an seiner Wiederausreise. Während des Krieges kam er in Verbindung zu Widerstandskreisen. Carl Goerdeler führte ihn in einer seiner Ministerlisten als Landwirtschaftsminister. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, kam jedoch mit dem Leben davon. 1945 wurde er zum Zweiten Bürgermeister und Ernährungskommissar in Berlin ernannt. Sein Versuch, ein Reichsernährungsministerium für Gesamtdeutschland aufzubauen, scheiterte an den Alliierten. Als Gründungsmitglied der CDU in Berlin und der SBZ und 1. Vorsitzender gestaltete er Aufbau und erste programmatische Leitlinien der neuen Partei maßgeblich mit, die er als Sammelbecken aller christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte der Mitte verstand. Seine gesamtdeutsche Ausrichtung und die Ablehnung einer entschädigungslosen Bodenreform führten zu seiner Absetzung durch die sowjetische Besatzungsmacht. Als Mitglied im Frankfurter Wirtschaftsrat wandte er sich verstärkt wieder der Agrarpolitik zu: Als Präsident des Deutschen Bauernverbandes und des Deutschen Raiffeisenverbandes prägte er die neugeschaffenen Organisationen und gliederte sie in internationale Gremien ein. Beteiligt war er an der Gründung des Verbands der europäischen Landwirtschaft, dessen Präsident er 1954 wurde. Gegen Konrad Adenauers Westorientierung und Europapolitik hatte er Vorbehalte, aus Sorge, die Frage der Wiedervereinigung werde durch die europäische Einigung in den Hintergrund gedrängt. Als politisch unbelasteter Mann war Hermes nach dem 2. Weltkrieg prädestiniert für Spitzenämter in der deutschen und internationalen Landwirtschaft. Sein großes Verdienst war das Zusammenführen und Zusammenfügen der unterschiedlichen landwirtschaftlichen Interessen.

Literatur

A. Hermes (Hg.): Und setzet ihr nicht das Leben ein (1971); G. Buchstab, in: ZGiLB 6 (1984).

Günter Buchstab