Am 29. und 30. Juni veranstaltete das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Ukraine gemeinsam mit dem Zentrum für Sicherheitsstudien „CENSS“ eine zweitägige Veranstaltung, die der Rolle von Veteranen beim Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg gewidmet war. Die Konferenz „Veteranenpolitisches Kapital: Von Kampfgefährten zum Staatsaufbau und zur Parteientwicklung“ sowie die anschließenden Begegnungen ukrainischer Veteranen mit einer Delegation von Veteranen aus dem Westbalkan boten eine Plattform für den Austausch darüber, wie Kriegserfahrungen zu einer Ressource für demokratische Entwicklung, gute Regierungsführung und die Stärkung staatlicher Institutionen werden können.
An der Konferenz nahmen ukrainische Veteranen, Abgeordnete der Werchowna Rada, Vertreter staatlicher Institutionen, Experten, Vertreter der Zivilgesellschaft sowie Veteranen und Politiker aus Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo und Kroatien teil, die nach den Kriegen in ihren Heimatländern ihren Dienst für die Gesellschaft als Abgeordnete, Minister, Kommunalpolitiker oder zivilgesellschaftliche Führungspersönlichkeiten fortgesetzt haben.
In seiner Eröffnungsrede betonte der stellvertretende Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Ukraine, Dr. Jan Philipp Wölbern, dass die Unterstützung von Veteranen zu den zentralen Arbeitsschwerpunkten der Stiftung in der Ukraine gehört. Er unterstrich, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung ihr Engagement für Initiativen zur Unterstützung ukrainischer Veteranen auch künftig konsequent fortsetzen werde, und dankte den ukrainischen Verteidigern dafür, dass sie nicht nur die Ukraine, sondern auch die Sicherheit Europas schützen.
Im Rahmen von vier thematischen Panels diskutierten die Teilnehmer die Rolle von Veteranen für die demokratische Entwicklung des Landes, ihre politische Teilhabe, die Erfahrungen der Staaten des Westbalkans bei der Nachkriegstransformation sowie rechtliche und reputationsbezogene Herausforderungen der Integration von Veteranen in den öffentlichen Dienst.
Eines der zentralen Themen der Konferenz war die politische Repräsentation von Veteranen. Die Diskutierenden waren sich einig, dass Veteranen bereits heute ein unverzichtbarer Teil der ukrainischen Gesellschaft sind und ihre Erfahrungen stärker in politische Entscheidungsprozesse einfließen müssen. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass die größten Herausforderungen der Reintegration auf der kommunalen Ebene entstehen werden, wo sich Städte und Gemeinden auf die Rückkehr einer großen Zahl von Veteranen vorbereiten und ihre aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen müssen.
Ein weiterer Schwerpunkt galt der politischen Beteiligung von Veteranen. Die Teilnehmer waren sich einig, dass das hohe gesellschaftliche Vertrauen in Veteranen einzigartige Chancen für ihre Mitwirkung am Staatsaufbau eröffnet. Gleichzeitig reicht militärische Erfahrung allein nicht aus, um erfolgreich politische oder administrative Verantwortung zu übernehmen. Erforderlich sind ebenso fachliche Qualifikationen, Führungskompetenz, ein Verständnis demokratischer Prozesse sowie die Bereitschaft, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen.
Die Experten betonten zudem, dass die Gründung eigenständiger Veteranenparteien wenig wahrscheinlich sei. Dies liege nicht nur an den erheblichen finanziellen und organisatorischen Anforderungen, die der Aufbau einer tragfähigen politischen Partei mit sich bringt, sondern auch am weit verbreiteten Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, das häufig auf Veteranen übergeht, sobald sie politisch aktiv werden. Wie Ivona Kostyna, Mitbegründerin von Veteran Hub, hervorhob: „Es gibt ein Stigma selbst innerhalb der Veteranengemeinschaft. Sobald sich jemand politisch engagiert, gilt diese Person als Verräter, Politiker oder jemand, der sich verkauft hat. Genau hier braucht es Aufklärung.“
Zugleich machte der Veteran und Berater des ukrainischen Innenministers Dmytro Finaschyn deutlich, dass der Veteranenstatus allein keine erfolgreiche politische Laufbahn garantiert: „Ein Veteran ist nicht zwangsläufig ein guter Politiker ... Der eine sagt: ,Ich habe meinen Beitrag geleistet, lasst mich in Ruhe.‘ Ein anderer sagt: ,Ich kann, ich will und ich werde.‘“ Umso wichtiger sei es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Veteranen, die sich weiterhin für ihr Land engagieren möchten, den Erwerb neuer Kompetenzen sowie den Zugang zu Wissen, Netzwerken und Entwicklungsmöglichkeiten ermöglichen.
Einen besonderen Mehrwert erhielt die Konferenz durch die Beteiligung von Veteranen aus Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo und Kroatien, die ihre Erfahrungen bei der Reintegration nach dem Krieg und beim Aufbau demokratischer Institutionen teilten. Trotz unterschiedlicher historischer Voraussetzungen bestand Einigkeit darüber, dass nachhaltiger Frieden nicht allein mit dem Ende bewaffneter Auseinandersetzungen erreicht wird. Entscheidend ist vielmehr, Veteranen Perspektiven zu eröffnen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Potenzial auch im zivilen Leben einzubringen.
Eine der eindrucksvollsten Botschaften formulierte der ehemalige Verteidigungsminister des Kosovo, Anton Quni: „Veteranen sind nicht bloß Empfänger staatlicher Leistungen – sie sind die größte Quelle des menschlichen und politischen Kapitals einer Nation.“
Diese Diskussion mündete in konkrete Empfehlungen der Gäste aus dem Westbalkan. Nach den Worten des ehemaligen stellvertretenden Direktors des Kroatischen Zentrums für Minenräumung, Miljenko Vahtarić, besteht die wichtigste Aufgabe des Staates nach einem Krieg nicht allein in der sozialen Absicherung von Veteranen, sondern vor allem darin, ihnen gute berufliche Perspektiven zu eröffnen: „Mein Rat an die Ukraine lautet: Geben Sie Veteranen gute Arbeitsplätze – keine Vergünstigungen, sondern gute Arbeit. Sie müssen aktiv bleiben, sich als Teil der Gesellschaft fühlen und das Bewusstsein haben, dass ihr Land sie braucht. Veteranen sind Teil dieser Gesellschaft und dürfen nicht von ihr getrennt werden.“
Der zweite Veranstaltungstag stand ganz im Zeichen der praktischen Dimension dieser Diskussionen. Die Delegation aus Bosnien und Herzegowina sowie dem Kosovo besuchte eines der Rehabilitationszentren des Recovery-Netzwerks in Kyjiw. Dort informierten sich die Gäste über die Arbeit des modernen Rehabilitationszentrums, das auf die Behandlung und Rehabilitation schwer verwundeter ukrainischer Soldaten spezialisiert ist, tauschten sich mit Patienten und medizinischem Personal aus und berichteten von ihren eigenen Erfahrungen der Rückkehr in ein aktives Leben nach dem Krieg.
Besonders beeindruckt zeigte sich die Delegation vom Willen vieler ukrainischer Soldaten, nach Abschluss ihrer Rehabilitation trotz schwerer Verletzungen in den Militärdienst zurückzukehren und die Ukraine weiter zu verteidigen. Gleichzeitig bot sich ukrainischen Veteranen die Gelegenheit, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die einen ähnlichen Weg bereits vor Jahrzehnten gegangen sind und heute Verantwortung in Politik, Verwaltung oder kommunaler Selbstverwaltung tragen.
Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Networking-Brunch ukrainischer Veteranen mit der Delegation aus dem Westbalkan. In offener und persönlicher Atmosphäre tauschten sich die Teilnehmer über die Herausforderungen der Reintegration, ihre individuellen Erfahrungen beim Übergang in das zivile Leben, die Beteiligung von Veteranen an staatlichen Institutionen sowie die Rolle von Veteranengemeinschaften für die demokratische Entwicklung aus. Gerade das informelle Format schuf Raum für Gespräche, die weit über politische Fragen hinausgingen und den menschlichen Aspekt von Krieg, Genesung und gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft der eigenen Länder in den Mittelpunkt rückten.
Die zweitägige Veranstaltung machte einmal mehr deutlich, dass die Erfahrungen von Veteranen nicht mit dem Ende ihres Militärdienstes enden. Werden sie durch den Staat unterstützt, erhalten sie Zugang zu Weiterentwicklung und trifft ihr Engagement auf eine offene Gesellschaft, können sie zu einer der wichtigsten Triebkräfte für demokratische Entwicklung, Staatsaufbau und den Wiederaufbau der Ukraine werden. Der internationale Dialog und der Austausch praktischer Erfahrungen tragen bereits heute dazu bei, Lösungen zu entwickeln, die die Rolle von Veteranen in einer starken, demokratischen und europäischen Ukraine nachhaltig prägen werden.
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