Länderberichte

Lateinamerika – Wer fürchtet sich vor Wikileaks?

von Peter-Alberto Behrens, Markus Dominic Winter
Seit Tagen dominieren die Schlagzeilen über die Enthüllungsplattform „WIKILEAKS“ und die jüngste Veröffentlichung von Dokumenten der US-Botschaften die Berichterstattung auf der ganzen Welt. Auch in Lateinamerika fand „Cablegate“ ein breites Medienecho, doch die Reaktionen in den einzelnen Ländern fallen sehr unterschiedlich aus. Zugleich wirft nicht nur die Publizierung unredigierter Informationen existentielle Fragen hinsichtlich der Zukunft des investigativen Journalismus auf.

„We open governments” („Wir öffnen Regierungen”) lautet WIKILEAKS’ Slogan. Die Offenlegung vertraulicher und geheimer Dokumente der US-amerikanischen Botschaften auf der ganzen Welt soll nach dem Willen der Organisation um Mitgründer Julian Assange dem Ziel eines freien Zugangs zu Information dienen. Dabei ist der Informationsgehalt der schrittweise veröffentlichten Depeschen – in den nächsten Monaten sollen die insgesamt 250.000 Cablegate-Dokumente „in Etappen“ veröffentlicht werden – vergleichsweise gering.

WIKILEAKS und der Journalismus

Auf seiner Internetseite schmückt sich WIKILEAKS mit einem Zitat des TIME Magazines, wonach seine zukünftige Bedeutung als journalistisches Werkzeug mit der des Freedom of Information Act verglichen wird. Dieser ermöglicht US-Bürgern spätestens seit 1974 die Einsicht von Regierungsdokumenten, die auch mit Hilfe richterlicher Mittel erstritten werden kann.

In der Gegenwart jedoch ist die Bedeutung WIKILEAKS’ für den Journalismus noch umstritten. Als zum Teil „wichtige“ Informationsquelle ist die Seite inzwischen weitgehend anerkannt, was auch die konstante Verbreitung ihres Inhalts in beinahe allen großen Medien auf der ganzen Welt zeigt. Insofern steht die Verlautbarung der brasilianischen Journalistenvereinigung ABRAJI stellvertretend für andere Organisationen, die die Veröffentlichung der Dokumente damit verteidigt, dass es sich bei diesen um „Informationen von öffentlichem Interesse“ handele. Ebenso argumentiert beispielsweise die Organisation Reporter Ohne Grenzen, die WIKILEAKS und seinen Einsatz für mehr Transparenz verteidigen. Ein bedeutender Kritikpunkt ist jedoch immer wieder der mangelhafte Schutz sensibler Daten. Besonders bei der Veröffentlichung der Papiere zum Konflikt in Afghanistan im Juli des Jahres 2010 war WIKILEAKS kritisiert worden, die afghanischen NATO-Informanten durch die Publizierung ihrer Namen unnötig in Lebensgefahr zu bringen.

Kontrovers diskutiert wird die Einordnung WIKILEAKS’ in den Journalismus sowie seine möglichen Auswirkungen. Einschätzungen, die WIKILEAKS als „eine der wichtigsten und aufregendsten Entwicklungen des Journalismus“ bezeichnen – wie El País den Journalisten und ehemaligen Vietnamkorrespondenten John Pilger zitiert – sind die Ausnahme. Vielmehr überwiegen Meinungen, die Assange und seinen Mitarbeitern jegliche journalistische Tätigkeit absprechen. Der spanische Kommunikationswissenschaftler José Luis Orihuela hält auf seinem Blog für die Zeitung ABC fest: „WIKILEAKS ist kein Journalismus“. Der Journalist und Direktor der Journalistenvereinigung IPYS (Instituto Periodismo y Sociedad), Ricardo Uceda, erklärte gegenüber der Zeitschrift „SOMOS“, er lehne es ab, WIKILEAKS mit investigativem Journalismus zu vergleichen.

Das immer wiederkehrende Argument besteht darin, dass das bloße Hochladen von Dokumenten noch lange keine journalistische Arbeit beinhalte. Ganz in Abgrenzung zu den Veröffentlichungen der Zeitungen The New York Times, The Guardian, El País und Le Monde sowie der Zeitschrift Der Spiegel, die durch ihren privilegierten Zugriff auf die Informationen diese jeweils als erste analysieren, kontextualisieren und somit für die Leserschaft aufbereiten. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass beispielsweise Der Spiegel in seiner Ausgabe über die Botschaftsdepeschen (Nr.48/2010) WIKILEAKS nirgendwo an prominenter Stelle erwähnt. Das Magazin stellte den Inhalt der Veröffentlichungen in den Mittelpunkt und titulierte: „Enthüllt: wie Amerika die Welt sieht“. WIKILEAKS wird hier wie jede andere journalistische Quelle behandelt.

Als solche sieht auch Martín Dinatale von der argentinischen Zeitung La Nación die Plattform an. WIKILEAKS sei eine Informationsquelle, wie sie dem Journalismus vorher nicht zur Verfügung gestanden habe, stelle jedoch keine Bedrohung für die traditionellen Medien dar. Dinatale gab am Telefon jedoch zu bedenken, dass sich die Arbeit der Journalisten nach Cablegate dahingehend erschweren werde, als gleichartige Dokumente von nun an vermutlich besser unter Verschluss gehalten würden. Kevin Marsh vom BBC College of Journalism warnt vor der Gefahr, die Plattform fälschlicherweise für einen „Ersatz des investigativen Journalismus“ zu halten und nicht nur für den „Vorläufer in Sachen der journalistischen Möglichkeiten“, den sie eigentlich darstelle. Rückendeckung für ihre Aktivität erhält WIKILEAKS von IPYS Venezuela, die der Organisation ihre Unterstützung aussprach und die kursierende Unterstützungserklärung des „Global Investigative Journalism Network“ zugunsten der Enthüllungsplattform unterzeichnete.

Julian Assange selbst sieht sich mehr als „Herausgeber“ denn als Journalist. Dennoch verwies er in einem Live-Chat auf der Seite des Guardian auf seine gesammelten journalistischen Erfahrungen und gab an, ein Team aus Journalisten zu beaufsichtigen. Laut Medienberichten sichten diese das vorhandene Material und entscheiden anschließend darüber, was veröffentlicht wird und was nicht. WIKILEAKS-Mitarbeiter Daniel Domscheit-Berg (alias Daniel Schmitt) betonte im April 2010 auf dem Bloggerkongress re:publica in Berlin die Notwendigkeit, in demokratischen Gesellschaften Zugang zu den Primärquellen zu schaffen. Die Arbeit der Journalisten solle in der Zukunft der eines Wissenschaftlers nahekommen, „der seine Quellen offenlegt, um die Glaubwürdigkeit zu sichern“, zitiert ihn die Online-Ausgabe der WELT.

Genau diese Quellen liegen im Falle von WIKILEAKS im Verborgenen. Dennoch werden die von der Plattform veröffentlichten Informationen von Medien auf der ganzen Welt weiterverbreitet. Zu verdanken ist dies sicherlich auch den genannten fünf privilegierten Medien, deren Reputation den Depeschen Glaubwürdigkeit verleiht. Dies wiederum zeigt, dass WIKILEAKS – unabhängig davon, ob man die Plattform nun als journalistisch einordnet oder nicht – nicht funktionieren kann ohne Unterstützung durch die traditionellen Medien.

Diese wiederum werden vielleicht in Zukunft in zunehmendem Maße auf derartige Quellen angewiesen sein, die lediglich die „rohe“ Information zur Verfügung stellen, die von den Medien journalistisch aufbereitet werden muss. Auch der Professor für Onlinejournalismus Ramon Salaverría von der Universidad Navarra prophezeit, dass die Arbeit des Onlinejournalisten einen immer stärker interpretativen Charakter annehmen wird. WIKILEAKS sieht er lediglich als weiteres Symptom dieser Tendenz.

Insofern sollte man die Enthüllungsplattform als Quelle mit wachsender Bedeutung ernst nehmen, eine Revolutionierung des Journalismus geht von ihr aber wohl nicht aus. Vergleiche mit „Deep Throat“, dem legendären Informanten in der Watergate- Affäre im Richard Nixon Anfang der 1970er Jahre, hinken besonders in Bezug auf Cablegate noch etwas an der unterschiedlichen Sprengkraft der Informationen in beiden Fällen – dies kann sich in Zukunft aber noch ändern. Dadurch, dass WIKILEAKS nicht alle 250.000 Dokumente auf einmal veröffentlicht, sondern das Material nach eigener Aussage „in Etappen über die nächsten paar Monate“ der Öffentlichkeit zugänglich machen will, wird Cablegate jedoch noch lange Zeit ein Thema bleiben, zumal die Verhandlungen um Julian Assange erst vor Kurzem mit seiner Festnahme aufgenommen wurden. Die Verhaftung eines ihrer Gründer wird die Plattform allerdings nicht von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abhalten, die unter anderem eine US-Großbank betreffen sollen.

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Die Politische Meinung
2. November 2010
Die Politische Meinung: WikiLeaks - Geheimnisverrat online

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