„Aber einmal die Woche 45 Minuten – ich sehe, es bringt nicht viel. Ich muss meinen Sohn selber unterstützen.“

Reportage zur Publikation "Jedes Kind ist anders"

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Bild: Robert Kneschke, shutterstock

„Politik wird nicht viel bringen“, so lautet die ernüchternde Botschaft einer vierfachen Mutter, deren jüngster Sohn Förderbedarf aufgrund einer Lernschwäche hat.

Von den vier Kindern sind zwei bereits im Beruf, die beiden Jüngeren besuchen noch die Schule. Der Jüngste in der Familie, ein zehnjähriger Junge, besucht derzeit die vierte Klasse einer Regelgrundschule und hat Förderbedarf in sämtlichen Fächern. Die Beeinträchtigung ist spürbar, nach Meinung der Mutter merkt man sie ihm auch im Alltäglichen an. Er sei in allem langsam, in seinem Verhalten auffällig, er könne schnell wütend werden: „Wenn man ihn anguckt, dann sieht man es gleich“, fasst seine Mutter zusammen.

Der Alltag der Familie ist bestimmt von der Berufstätigkeit beider Eltern, der Berufstätigkeit der beiden älteren Kinder und der Schulpflicht der beiden jüngeren. Alles muss wie in einem Zahnrad ineinandergreifen, damit die alltägliche Routine gemeistert werden kann. Um 06:00 Uhr morgens steht die Mutter auf, um Frühstück für die Familie vorzubereiten. Wenn die Kinder nach und nach aus dem Haus sind, geht auch sie zur Arbeit und kehrt mittags zurück, um da zu sein, wenn der Zehnjährige aus der Grundschule zurück ist. An ein gemeinsames Mittagessen schließt sich der vermutlich anstrengendste Part des Tages an, das Erledigen der Hausaufgaben: „Wenn er Hausaufgaben macht, er braucht immer Hilfe. Und wenn ich ihm nicht helfen will, dann ist er auch sehr wütend. Aber er braucht immer Hilfe, ohne meine Hilfe kann er keine Hausaufgaben machen“, doch sei die Belastung durch den täglichen „Kampf“ mit Hausaufgaben eine große Belastung: „Manchmal wird es auch mir zu viel“, so seine Mutter.

Der Förderbedarf des Sohnes stellt für die Familie ein Problem dar. Anfangs schämte sich die Mutter hierfür und vermied es, darüber zu reden, vor allem nicht innerhalb der Familie. Nun aber kommuniziert sie besonders mit den Eltern anderer Schulkameraden offen darüber, auch um sich Ratschläge einzuholen. Der Familienvater hingegen tut sich nach wie vor schwer damit, das Schicksal seines Jungen hinzunehmen. „Von Anfang an hat mein Mann es nie wahrhaben wollen“, kommentiert die Mutter.

Zwar spürt der Sohn seine Beeinträchtigung vor allem in der Schule, wenn er merkt, dass Gleichaltrige viel weiter und schneller sind als er, aber dies spiegelt sich nicht im Freundeskreis wider. Hier pflegt der Junge Freundschaften mit Gleichaltrigen mit und ohne Förderbedarf.

Die Beeinträchtigungsbiographie begann bereits im Kindergarten. Dort wurde ein Förderbedarf festgestellt und den Eltern nahegelegt, ihren Jungen auf eine Förderschule zu schicken. Damit konnte sich allerdings vor allem der Vater nicht abfinden. Auch wenn der Vater dagegen war, so einigten sich schließlich die Eltern, ihren Sohn ein Jahr in eine Vorschulklasse auf die Förderschule zu schicken. „Aber ich habe es ja gesehen und gesagt, er muss zu dieser Schule“, so die Mutter. Im Anschluss hieran besucht das Kind seither eine Regelgrundschule – gegen den Rat der Schulleitung der Förderschule, die es für sinnvoller gehalten hatte, dass der Sohn mindestens ein weiteres Jahr die Förderschule besucht. „Er sollte ein Jahr hier in der Förderschule weitermachen. Wir haben es nicht zugelassen.“ Grund hierfür war, dass die Eltern die Befürchtung hatten, dass, wenn er ein weiteres Jahr zur Förderschule ginge, er dann nicht mehr eine normale Grundschule hätte besuchen können. Dies bereut seine Mutter inzwischen. Hätte sie ihn bloß auf der Förderschule belassen, nun aber habe er große Schwierigkeiten, räumt sie ein. In seiner Klasse, die der nun besucht, sind fünf weitere Kinder mit Förderbedarf. Diese erhalten auch eine Förderung neben dem normalen Unterricht, die allerdings nur aus einer 45 minütigen Extrastunde pro Woche besteht – viel zu wenig nach Meinung der Mutter, aber mehr kann die Grundschule nicht anbieten. „Es müsste mehr sein, 45 Minuten ist ganz wenig“, befindet sie und fährt fort: „Aber einmal die Woche 45 Minuten – ich sehe, es bringt nicht viel. Ich muss meinen Sohn selber unterstützen.“ Im privaten Rahmen ermöglichen die Eltern ihrem Kind – neben der täglichen Hilfe bei den Hausaufgaben – den Besuch von Ergotherapie und Logopädie.

Nach dem Abschluss der Grundschule erhoffen sich die Eltern, dass er eine Hauptschule besuchen und zumindest einen Hauptschulabschluss erreichen kann. Weiterhin sehen sie davon ab, ihr Kind eine weiterführende Förderschule besuchen zu lassen. Am liebsten wäre der Mutter, dass ihr Kind eine Schule besucht, die weniger Kinder und mehr Lehrer pro Klasse anbietet und mindestens zwei Mal pro Woche Förderunterricht ermöglicht.

Die Eltern der Familie arbeiten beide im Niedriglohnbereich, der Vater arbeitet darüber hinaus noch im Schichtsystem in einer Fabrik, so dass sich die Mutter, die in Teilzeit in der Textilbranche arbeitet, zugleich um die Erziehung der vier Kinder sowie um den Haushalt kümmern muss – eine deutliche Belastung. Der Begriff der Inklusion ist ihr nicht bekannt, mit Skepsis sieht sie das Konzept, das hinter dem Begriff steht.