„Bei ihm dauert alles ein bisschen länger“,...

Reportage zur Publikation "Jedes Kind ist anders"

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Bild: Robert Kneschke, shutterstock

„Du bist ja eh zu doof, du kannst das sowieso nicht!“ Wenn Kinder an einer Regelgrundschule solche Worte von der Lehrerin hören, prägt sich dies verständlicherweise negativ auf das Selbstwertgefühl des Kindes aus. Der inzwischen 12 Jahre alte Junge besucht die sechste Klasse einer Regelsekundarschule. Seine Mutter ist enttäuscht über das Unverständnis, das ihrem Sohn vonseiten seiner Lehrerin entgegengebracht wurde. Weil bei ihrem Sohn eine Lese- und Rechtschreibschwäche diagnostiziert wurde, entschieden sich die Eltern, den Jungen mit dem Wechsel von der Grund- auf eine weiterführende Schule an einer Schule unterzubringen, die eine gesonderte Klasse für Kinder mit Förderbedarf hat.

Die Familie mit zwei Kindern, von denen das jüngere ein zwölfjähriges Kind mit Lernschwäche ist, geht offen mit der Schwäche ihres Kindes um. „Unser Bekannten- und Familienkreis kennt die Situation“, sagt die Mutter. Anfangs war es schwer, mit der Schwäche des Kindes umzugehen, diese zu akzeptieren, aber: „Sicherlich, man macht sich als Eltern schon Gedanken, vielleicht schämt man sich ja auch – aber nein, warum eigentlich.“ „Es ist halt so, er hat halt diese Schwäche und man muss halt mit dieser Schwäche leben.“ Wichtig ist den Eltern außerdem, dass ihr Sohn auch Freunde ohne Förderbedarf hat. Zwar ist die Klasse, die er besucht, an einer Regelschule untergebracht, besteht aber nur aus Kindern mit Förderbedarf. Dennoch pflegt der Sohn auch Freundschaften außerhalb der Klasse, beispielsweise mit gleichaltrigen Mitschülern, die eine Klasse ohne Förderbedarf besuchen, oder im Rahmen seines Engagements bei der freiwilligen Feuerwehr.

Bei der Familie läuft der Alltag strukturiert ab, da beide Eltern vollberufstätig sind und im Schichtsystem arbeiten. Da bleibt nicht viel Zeit für die Familie übrig. Dennoch versuchen die Eltern, diese zu nutzen, wo es nur geht: „Gerade an den Wochenenden, wo wir frei haben, ist es so dass wir viel mit den Kindern gemeinsam unternehmen.“ Im Alltag ist auch die Freizeit bei der Jugendfeuerwehr beeinträchtigt, da er auch immer wieder Prüfungen ablegen muss, berichtet die Mutter. Er kann dies nicht in der hierfür anberaumten Prüfungszeit schaffen – im Gegensatz zu den anderen Kindern. „Bei ihm dauert alles ein bisschen länger“, fasst seine Mutter zusammen.

Mit der Regelschule und ihrem Modell einer Sonderklasse für Förderbedarf ist die Mutter nicht vollends zufrieden. Es sind verschiedene Dinge, an denen sie sich stört, beispielsweise an der Klassengröße: „Die Schwächeren sind schon in einer Extraklasse, aber trotz alledem ist die Klassenstärke genauso hoch wie bei einer normalen Sekundarschulklasse.“ Es sei keinem geholfen, wenn die Kinder mit Förderbedarf zwar in einer eigens hierfür eingerichteten Klasse zusammen unterrichtet würden, aber dennoch mit 25 bis 30 Kindern zu viele in einer Klasse seien, die dann dennoch nur von einer Lehrperson unterrichtet würden. Auch die Hausaufgabenbetreuung nach der Schule im Hort sei nicht zufriedenstellend, empfindet die Mutter. Häufig kommt der Sohn nachmittags von der Schule bzw. vom Hort und hat noch immer nicht alle Hausaufgaben erledigt. Dann setzten sich Vater oder Mutter nochmal mit dem Kind hin, was nicht unbedingt förderlich für den Haussegen ist, da man nur wenig Geduld nach einem langen Arbeitstag aufbringen könne, wie die Mutter erzählt. Ein zweites Problem, was die Betreuung nach dem Unterricht anbetrifft, sind die viel zu oft ausfallenden Förderangebote. Zwar biete die Schule ein Förderprogramm auch nach Beendigung des Unterrichts an, dieses falle aber viel zu häufig aus. Außerdem bemängelt die Mutter, dass zu wenig Lehrer für die Arbeit mit Kindern mit Förderbedarf ausgebildet seien.

Grundsätzlich, so betont die Mutter mehrfach, mangelt es einfach an Personal. In der Förderklasse sind zu wenig Sonderpädagogen, die Nachmittagsbetreuung wird von zu wenigen Erzieherinnern und Erziehern angeboten, das Förderprogramm außerhalb des Unterrichts fällt zu oft aus – letztendlich lassen sich alle Kritikpunkte unter dem Stichwort des Personalmangels subsumieren, nach Meinung der Mutter.

Inklusion ist ihr kein Begriff: „Sagt mir gar nichts.“ Auf die Erklärung hin, was Inklusion ist, äußert die Mutter Bedenken. Das Gesamtkonzept kann sie nachvollziehen und begrüßt es, wenn Kinder mit und ohne Förderbedarf auch gemeinsam unterrichtet werden, zweifelt aber die Praktikabilität der Inklusion an, vor allem, wenn es darum geht, verschiedene Stufen von Förderbedarf zu vereinen – seien es Kinder mit geistiger Beeinträchtigung, Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung oder, so wie ihr Sohn, Kinder mit einer Lernschwäche.

Es wird deutlich, worum es der Mutter geht: Sie wünscht sich eine Schule, an der auf die individuellen Förderbedürfnisse der Kinder eingegangen wird, an der es ausreichend geschultes Personal gibt und an der die Klassengrößen dem Förderbedarf der Kinder entsprechend klein gehalten sind. Das sind die Erwartungen einer Mutter mit einem förderbedürftigen Kind an die Politik und das Schulsystem.