„Da würde sie untergehen, weil das zu schnell ist“

Reportage zur Publikation "Jedes Kind ist anders"

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Bild: Robert Kneschke, shutterstock

„Ich würde sagen, Inklusion sollte erst einmal bei den Eltern in den Köpfen reinkommen“, befindet eine Mutter dreier Kinder, von denen alle Förderbedarf haben, auf die Frage hin, was Inklusion für sie bedeutet.

Im Folgenden handelt es sich um eine Familie mit drei Kindern, von denen alle drei ausgeprägten Förderbedarf haben. Es sind zwei Mädchen (zehn und vier Jahre alt) und ein Junge (neun Jahre alt) mit Down-Syndrom. Darüber hinaus hat der neunjährige Sohn Hyperaktivität und die Jüngste leidet unter einer Hörschädigung.

Der Alltag „muss immer gleich ablaufen, damit Ruhe einkehrt“, betont die Mutter. An drei Tagen in der Woche kommen die Kinder um 15:00 Uhr nach Hause, an zwei Tagen um 13:30 Uhr. Die vierjäh-rige Tochter ist noch nicht schulpflichtig und daher von morgens bis nachmittags zu Hause oder im sonderpädagogischen Kindergarten. Nachmittags haben die Kinder Gelegenheit, gemeinsam im großen Garten zu spielen, dann wird immer um 18:00 Uhr gemeinsam zu Abend gegessen und anschließend das Sandmännchen geschaut. Daraufhin gehen die Kinder schlafen und ab 20:00 Uhr können die Eltern ihren Feierabend genießen und Zeit miteinander verbringen. Vor allem der große Garten kann zum Spielen gut genutzt werden. Es befindet sich zwar auch ein Spielplatz in der Nähe, der aber nicht aufgesucht wird, weil das Miteinander mit den nicht beeinträchtigten Kindern in der Nachbarschaft nicht so recht gelingt.

Die Beeinträchtigung der drei Kinder ist omnipräsent: „Man muss ständig die Kinder im Auge behalten, man läuft immer hin und her.“ Außerdem nehme die „geistige Forderung“ der Kinder einen großen Raum ein, man müsse alles mehrfach erklären, damit es bei den Kindern „auch haften bleibt.“ Das soziale Umfeld reagiert mitunter negativ auf die Familie mit den drei geistig behinderten Kindern. Es sei kein wirklicher Kontakt zur Nachbarschaft vorhanden, man grüße sich auf der Straße, aber viele Nachbarn pflegten keinen weiteren Kontakt zur Familie. Auf dem zuvor angesprochenen Spielplatz könnten die Kinder nicht spielen, sie würden regelmäßig von den gesunden Kindern ausgegrenzt. Einzig ein älteres Ehepaar ist in der Nachbarschaft vorhanden, zu dem regelmäßiger Kontakt besteht. Dieses Ehepaar springt des Öfteren als „Ersatzoma und -opa“ ein, indem es ab und an auf ein Kind aufpasst.

In der Familie hingegen ist die Integration gänzlich intakt, „da sind die voll akzeptiert.“ Die Kinder würden, betont die Mutter, von den Großeltern genauso behandelt, wie die gesunden Enkelkinder. Das intakte Familienverhältnis ist vor dem Hintergrund umso wichtiger, als dass die drei Down-Syndrom-Kinder allesamt adoptiert sind und die Eltern keine leiblichen Kinder haben.

Kontakt zu anderen gleichaltrigen Kindern pflegen die beiden älteren Kinder nur in der Förderschule, was die Mutter sehr schade findet – sie wünscht sich für ihre Kinder mehr Kontakt zu gesunden Gleichaltrigen, nicht nur um des Wohles der eigenen Kinder, sondern auch für die gesunden Kinder, damit diese die Scheu abbauen, mit der sie auf die geistig behinderten Kindern reagieren. In der Förderschule, die die beiden älteren Kinder besuchen, funktioniert die Integration sehr gut. Dort ist „alles in Ordnung, alles gut.“

Die beiden „Großen“ wurden zwar zunächst auf einer Regelgrundschule angemeldet, doch reagierte dort die Schulleitung äußerst reserviert und ablehnend auf die Anmeldung. „Ich habe gesagt, man kann es doch mal probieren, mit einer Schulbegleitung, warum nicht? Wir wurden aber gleich abgewiesen. Richtig so negativ“, merkt die Mutter hierzu an. „Wissen Sie, ich wollte nur mal sehen, wie eine Inklusion ist“, sagt die Mutter und fährt fort: „Mal zu sehen, wie Downkinder auf der normalen Grundschule mitkommen. Ob es was bringt und ob es gehen würde?“ Aber die Familie ist auch nicht enttäuscht darüber. Im Gegenteil – sie sieht die Kinder auf der Förderschule sehr gut aufgehoben, „weil die da sehr gut gefördert werden.“ Die Lehrer sind „wirklich hilfsbereit“, man steht in regelmäßigem intensiven Kontakt mit dem Lehrkörper und der Zusammenhalt unter den Schülern wird als sehr positiv beschrieben. Den Kindern selbst gefällt es auch sehr gut in der Schule, es ist, so berichtet die Mutter, immer schade, wenn beispielsweise Ferien sind und die Kinder nicht in die Schule können. Neben dem Unterricht, der auch die motorischen und sensitiven Fähigkeiten der Kinder anspricht und ausbaut, werden auch Logopädie und Ergotherapie angeboten. Außerdem begrüßt die Mutter, dass individuell auf die Kinder eingegangen wird. Während beispielsweise die älteste Tochter, die in ihrer Entwicklung und Behinderung etwas weniger eingeschränkt ist, eigene Kurse, beispielsweise in Deutsch oder in Mathematik, besuchen kann, wird der jüngere Sohn, dessen Down-Syndrom ausgeprägter ist, auf einem anderen, ihm zuträglichen Niveau unterrichtet.

Mit dem Lernfortschritt der Kinder ist die Mutter äußerst zufrieden. Dadurch, dass mehrere Sonderpädagogen für eine Klasse zuständig sind, könnten sich diese auch mehr Zeit für die Kinder nehmen, berichtet die Mutter. Außerdem sind die Klassen mit sieben bis acht Schülern auch deutlich kleiner. Die Lehrer „sind sehr gut. Sehr verständnisvoll, gehen auf das Kind ein.“ Von der Inklusion ihrer geistig belastbareren zehnjährigen Tochter in einer Regelschule würde die Mutter nicht viel halten: „Da würde sie untergehen, weil das zu schnell ist“, befürchtet die Mutter. Ihrer Meinung nach sei Inklusion nur mit nicht geistig behinderten Kindern möglich.

Wie eingangs zitiert, ist für die Familie Inklusion nicht nur ein Thema, das sich auf den Schulbereich beschränken ließe. Inklusion müsse zu allererst in den Köpfen der Eltern gesunder Kinder anfangen, damit diese ihre Scheu ablegten und die behinderten Kinder so akzeptierten, wie sie sind. „Zusammenarbeiten, das ist für mich Inklusion – aber nicht so gegeneinander.“ Es ärgert sie, wenn sie mitbekommt, dass Eltern ihren gesunden Kindern den Umgang mit den Kindern mit Down-Syndrom erschwerten, denn „Kinder selber sind ja neugierig“ und würden mitunter auf die behinderten Kinder unverkrampft zu gehen. Die Eltern selbst müssten sich aber in dieser Hinsicht ändern. Von der Inklusion im Allgemeinen, so wie sie derzeit stattfindet, hält die Mutter nichts. Es ließe sich, so ihre Meinung, schlichtweg nicht umsetzen, die Lehrer an Regelschulen seien nicht ausgebildet dafür, es sei darüber hinaus überhaupt nicht genug Lehrpersonal an den Schulen vorhanden, um den Kindern mit Förderbedarf gerecht werden zu können. Ihre Wunschschule bestünde aus gemischten Klassen von 10 bis 15 Schülern, sowohl mit als auch ohne Förderbedarf, mit einer „normalen“ Lehrkraft und einem Sonderpädagogen.

„Mein Mann und ich sagen auch, es ist gar nicht umsetzbar.“ Ihrer Meinung nach wird Inklusion erst in Zukunft umsetzbar sein, wenn die „alten“ Lehrer ohne sonderpädagogische Ausbildung pensioniert werden und neue mit sonderpädagogischer Ausbildung nachrücken werden. Von der Politik wünscht sich die Mutter, bei Eltern von gesunden Kindern mehr Verständnis für Kinder mit Behinderungen zu erzeugen, das Miteinander in der Gesellschaft zu intensivieren.

Eltern dreier Kinder mit Down-Syndrom zu sein, bedeutet eine enorme Belastung und verlangt einem alles ab, so viel ist sicher. Aber mit dem System der Förderschulen kann man den Alltag strukturieren, die Kinder fördern und fordern und ihnen etwas zurückgeben – Bildung und Hilfe.