„Dadurch, dass man arbeitet, ist man in diesem Staat nicht gut dran.“

Reportage zur Publikation "Jedes Kind ist anders"

http://www.kas.de/upload/bilder/2015/10/151001_inklusion.jpg
Bild: Robert Kneschke, shutterstock

„Die Schulen werben mit Inklusion und ‚Wir sind so eine tolle Inklusionsschule‘“, befindet die Mutter eines geistig behinderten Mädchens, doch fühlt sie sich im Stich gelassen: „Und wenn man selber so ein Kind hat und es findet gerade nichts statt: Blödsinn!“

Ihre Tochter besucht derzeit die zweite Klasse einer Regelgrundschule. Bei der Tochter wurde zunächst eine Lernschwäche diagnostiziert, doch inzwischen wurde die Diagnose geändert und eine geistige Behinderung festgestellt. Dies ist aber nach dem Dafürhalten der Mutter unzutreffend. Sie hält ihr Kind nicht für geistig behindert, sondern für lernbehindert und sozial-emotional beeinträchtigt. Im Alltag, der einer steten Struktur bedarf, damit die Mutter ihrem Beruf nachgehen und zugleich ihren Pflichten als Mutter nachkommen kann, stellt sie immer wieder fest, dass eine geistige Behinderung nicht vorliege. „Bei meinem Kind ist die geistige Behinderung auch erst jetzt anerkannt, vorher, bevor sie eingeschult wurde, war es eine Lernbehinderung. Und ich sehe es immer noch so, mein Kind wird nicht richtig gefördert. Die haben sie dort hingetrieben, wenn ich das so sagen darf. Und es ist so, gerade jetzt so im Alltag, wo man sagt, es ist keine geistige Behinderung. Das tut mir extrem weh und ich muss da extrem gegen ankämpfen.“ Ihr Sozialverhalten sei „sehr temperamentvoll“, wenn sie mit anderen Kindern spiele, könne das eine Zeit lang gutgehen, bis es immer wieder ein Streit ausbreche. Deshalb ist ihr Kind auch eher Einzelgängerin und spiele nur mit ihren Cousins, die in der Nähe wohnen. An der Schule habe sie keine Freunde. Die Klassenkameradinnen und Klassenkameraden hänselten sie für ihre Lernbehinderung. „Das verletzt sie schon sehr doll.“

Was die Lernbehinderung anbetrifft, macht ihre Tochter weniger Fortschritte als Gleichaltrige, was aber auch vor allem darin begründet liege, dass sie falsch und zu wenig gefördert werde.

Wichtig für die Mutter wie auch für ihr Kind ist der Rückhalt aus der Familie. Besonders die Schwester reagiert mit Verständnis. Auf der einen Seite sieht sie zwar die Lernbehinderung und die sozial-emotionale Beeinträchtigung. Andererseits sei ihr Kind sehr selbstbewusst, gehe beispielsweise alleine einkaufen und habe immer wieder Momente, in denen die Mutter „Lichtblicke“ bei ihrer Tochter ausmache. Sie schildert: „Wo ich denke, das kommt jetzt von ihr? Aus ihrem Mund? Das ist dann keine geistige Behinderung – tut mir leid.“

In diesem Punkt ist sie deshalb auch nicht zufrieden mit der Schule. Ihrer Meinung nach wird ihre Tochter zu wenig gefördert und es wird zu wenig auf sie eingegangen. Die Regelgrundschule habe große Klassen – bei ihrer Tochter sind es 17 Schüler – und nur eine Lehrkraft. Eine Schulbegleitung stehe ihrer Tochter zwar zu, das habe sie mit Schule und Schulamt abgeklärt – aber es sei bisher noch keine Schulbegleitung gekommen: „Sie hat auch den Status und die Fördergelder laufen dafür auch. Aber da ist keiner gewesen. Das ärgert einen schon extrem. Dem Kind steht was zu, was es nicht bekommt.“ Ihre Tochter wird ihrer Meinung nach ruhig gestellt: „Kindergartenaufgaben kriegt sie vorgesetzt“, außerdem gehen die Lehrer zu wenig auf die emotionale Beeinträchtigung ein, Geborgenheit und ein Gefühl des Vertrauens zwischen Lehrer und Kind fehlten. Mit den Lehrern und den Erziehern im Hort, in dem die Tochter nach dem Unterricht betreut wird, komme man kaum in Kontakt und könne nicht über die Probleme reden. Kommunikation und Informationsaustausch zwischen ihr und der Schule funktionieren nur sehr schlecht, befindet die Mutter.

Die Mutter hält es für sinnvoll, ihr Kind von der Regelschule zu nehmen und umzuschulen auf eine Förderschule, an der schwerpunktmäßig Kinder mit Lernbehinderung unterrichtet werden. Da aber bei ihrer Tochter nicht mehr nur eine Lernbehinderung, sondern eine geistige Behinderung festgestellt wurde, sei der Wechsel auf eine Förderschule für Lernbehinderte nicht möglich. Sie könne ihr Kind entweder nur auf eine Förderschule für geistig behinderte Kinder umschulen oder müsse ihre Tochter auf der aktuellen Regelschule belassen. Das ist in den Augen der Mutter zu starr und wird dem Kind nicht gerecht. Auf der einen Seite seien die Förderung und die individuelle Behandlung ihrer Tochter zu gering auf der Regelschule, auf der anderen Seite sei sie, da sie nicht wirklich geistig behindert sei, für eine Förderschule für geistig Behinderte überqualifiziert und könne dort nicht angemessen unterrichtet werden. Auch hatte die Mutter überlegt, ihr Kind auf eine andere Regelgrundschule umzuschulen, aber dort wurde ihre Tochter abgelehnt: Man habe zu wenig Erfahrungen im Umgang mit diesem Förderbedarf.

Grundsätzlich unzufrieden ist sie außerdem mit den zuständigen Behörden, wie beispielsweise dem Schulamt. Dies sei zu wenig flexibel und sehe nicht die Notwendigkeit, ihre Tochter gemäß ihrem Förderschwerpunkt umschulen zu lassen. Auch Fördermaßnahmen außerhalb der Schule würden nicht bezahlt, und mit ihrem Beruf könne sie schlichtweg wichtige Fördermaßnahmen, die der Entwicklung ihrer Tochter zugutekämen, nicht finanzieren. „Dadurch, dass man arbeitet, ist man in diesem Staat nicht gut dran.“ Um Förderung bezahlt zu bekommen, „muss man am besten arbeitslos sein. Hört sich böse an, aber so ist es, sind so meine Erfahrungen zurzeit.“

Die optimale Schule, die sich die Mutter für ihre Tochter wünscht, ist trotz der negativen Erfahrungen eine Regelschule, denn sie ist vom Konzept der Inklusion überzeugt. Zur Inklusion befindet sie: „Das kann toll sein. Wenn es gut umgesetzt wird, ist es toll.“ Die Klassen müssten aber an der Inklusions-Regelschule kleiner sein, so dass individuell auf die beeinträchtigten Kinder eingegangen werden könne. Auch das Lehrpersonal müsse im Umgang mit Kindern mit Förderbedarf besser ausgebildet sein. Ferner hält sie es für sinnvoll, wenn ihre Tochter in einem Klassenverband sei, der von der ersten bis zu zehnten Klasse zusammenhängend ist, damit ein Team- und Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt werden kann, so dass die Mitschüler auch die zu inkludierenden Kinder zu respektiere und einzubinden lernen.

Ganz wichtig ist es der alleinerziehenden und Vollzeit berufstätigen Mutter, dass der Förderbedarf noch differenzierter festgestellt werden muss und Behörden sowie Schulen individueller und flexibler auf diesen Förderbedarf reagieren. Denn ihre Tochter fällt in die Grauzone zwischen Lernbeeinträchtigung und geistiger Behinderung, was sie in ihrem Lernfortschritt hemmt, so die verzweifelte Mutter.