„Das ist ja auch wichtig, dass auch Kinder mit Behinderung andere Kinder akzeptieren, weil es ist ja nicht nur umgekehrt.“

Reportage zur Publikation "Jedes Kind ist anders"

http://www.kas.de/upload/bilder/2015/10/151001_inklusion.jpg
Bild: Robert Kneschke, shutterstock

„Für mich ist Inklusion der Punkt, wo Kinder voneinander lernen. Nicht nur, ich lerne das, was die anderen jetzt gerade als Stoff haben, sondern‚ ‚Mensch, ich habe da eine Schwäche, kannst du mal gucken‘, dass die Kinder sich austauschen. Nicht nur Stoff, sondern komplett: Sozial, kulturell, alles, was dazugehört.“ So sieht es die Mutter eines zehnjährigen, körperlich behinderten Jungen, der eine Regelschule besucht.

Ihr Sohn ist körperlich schwer beeinträchtigt, sitzt im Rollstuhl, ist allerdings in der Lage, kurze Strecken, beispielsweise zu Hause, mit speziell angefertigten Krücken zu gehen. Außerdem ist er in seiner Motorik eingeschränkt, was vor allem beim Schreiben zu Tage tritt. Ferner leidet er unter einer leichten Form der Inkontinenz, die der Junge aber für gewöhnlich unter Kontrolle hat. Geistig ist der Junge allerdings in keiner Weise beeinträchtigt, im Gegenteil, er sei ein „schlaues Kerlchen“.

Der Alltag der vierköpfigen Familie – neben dem zehnjährigen behinderten Sohn haben die Eltern noch eine siebenjährige, gesunde Tochter – gestaltet sich „chaotisch“, wie die Mutter befindet. Wobei der Alltag dennoch streng getaktet ist und klaren Regeln zu folgen hat. Beide Kinder besuchen Regelschulen, allerdings unterschiedliche, der Vater arbeitet voll berufstätig, die Mutter arbeitet in Teilzeit und kümmert sich zugleich um den Haushalt. Wenn der Sohn aus der Schule kommt – dreimal wöchentlich nachmittags, zweimal wöchentlich mittags – stehen noch Hausaufgaben und der tägliche Besuch von Therapiestunden auf dem Programm.

Der Freundeskreis der Familie ist durch die Behinderung des Sohnes stark geschrumpft. Aber auch wenn das im ersten Moment schmerzlich sei, so könne man doch sicher sein, dass die Freunde, die blieben, wahre Freunde seien: „Die Freunde, die geblieben sind, das sind die Freunde, die auch tatsächlich damit umgehen können“, fasst sie zusammen.

Der Freundeskreis des Sohnes hingegen ist weit weniger betroffen von seiner Behinderung. Der Zehnjährige ist ein beliebter Junge in seiner Klasse. Natürlich sei er aufgrund des Rollstuhls bei manchen Spielen eingeschränkt, aber seine Freunde versuchen, ihn soweit wie möglich zu integrieren. Spielen seine Freunde beispielsweise Fußball, so spielt der Zehnjährige mit, indem er den Schiedsrichter gibt. Er hat keine weiteren, körperlich beeinträchtigten Kinder in seinem Freundeskreis, sondern ist nur mit nicht beeinträchtigten Kindern befreundet.

Das mag auch darin begründet sein, dass der Junge eine inkludierende Regelschule besucht und somit automatisch viel Umgang mit gleichaltrigen, gesunden oder nicht beeinträchtigten Kindern, aber auch mit in anderer Form beeinträchtigten Kindern pflegt.

Von der Schule ist die Mutter begeistert. Zwar sei es nicht die nächste Regelschule vor Ort, aber diese hätte ihr Kind nicht besuchen können, da der dortige Schulleiter ihn aufgrund seiner Behinderung ablehnte. Zunächst fühlten sich die Eltern brüskiert, sahen dann aber von weiteren Schritten ab: „Ich habe damals gesagt, ich möchte die Kraft, die ich habe, nicht in sowas investieren.“ Dadurch sei man gezwungen gewesen, eine andere Regelschule für ihr Kind zu suchen, die Entscheidung für die andere Schule sei aber absolut richtig und sinnvoll gewesen. Ausschlaggebend war unter anderem, dass die Schule, die ihr Sohn nun besucht, seit über 20 Jahren Kinder mit und ohne Förderbedarf - und hierunter auch verschiedene Formen des Förderbedarfs - gemeinsam unterrichtet.

Ihre Erwartungen wurden erfüllt: Es gebe viel Positives und kaum Negatives zu berichten, so die Mutter. Zufrieden ist sie unter anderem mit den Lehrern: Die seien „ein eingeschworenes Team“ und gingen individuell auf den Förderbedarf jedes einzelnen Kindes ein. Neben den Regelpädagogen stehen auch Sonderpädagogen regelmäßig im Unterricht bereit, um diejenigen Kinder, die Förderbedarf haben, zu unterstützen. Bei ihrem Sohn komme ein Sonderpädagoge regelmäßig in den Matheunterricht. Als der Junge aufgrund einer schwerwiegenden Operation über Wochen hinweg nicht am Unterricht teilnehmen konnte und sich die Eltern schon sorgten, ihr Kind könne den Anschluss verpassen, waren es seine Lehrer, die den Eltern den Unterrichtsstoff privat zur Verfügung stellten, so dass ihr Kind den Stoff nachholen konnte. Mit dem Lernfortschritt und der Entwicklung ihres Kindes ist die Mutter ganz allgemein sehr zufrieden. Auch ihr Kind ist zufrieden: „Er findet die Schule toll“.

Neben dem oben beschriebenen Förderangebot der Schule ermöglichen die Eltern ihrem Kind weitere Fördermaßnahmen. So besucht ihr Sohn therapeutisches Reiten, was sehr gut für die körperliche Entwicklung und Stabilität seiner Wirbelsäule ist, ferner nimmt er an Physiotherapie, Krankengymnastik und Schwimmkursen für Körperbehinderte teil. Hierbei tun sich auch die einzigen Defizite der Schule nach dem Dafürhalten der Mutter auf. Eben, weil dies keine Förder-, sondern eine Regelschule ist, sei das Angebot an Therapiestunden und Förderangeboten, die nicht direkt den Unterricht beträfen, zu gering. Auch müsse man sich als Eltern um alles kümmern, vonseiten der Schule komme zu wenig. Sie fände es schön, wenn an der Schule mehr außerunterrichtliche Förderung ermöglicht würde, „dass man vielleicht sagen könnte, da ist diese halbe Stunde, wo eine Physiotherapeutin kommen kann oder da ist ein Raum, wo das gemacht werden kann. Das ist bei der Regelschule halt der Nachteil bei Körperbehinderungen.“

Die Vorteile der Regelschule überwiegen ihrer Meinung nach aber deutlich: „Die Regelschule ist definitiv besser, gerade für körperbehinderte Kinder, die einigermaßen fähig sind, im Schulunterricht mitzukommen. Es ist einfach positiv für die Kinder. Die lernen auch, mit anderen Kindern ohne Behinderung klarzukommen. Das ist ja auch wichtig, dass auch Kinder mit Behinderung andere Kinder akzeptieren, weil es ist ja nicht nur umgekehrt.“

Grundsätzlich würde die Mutter wieder diesen, doch sicherlich schwierigen Weg gehen und eine Regelschule für ihr Kind suchen. Vieles wäre auf der Förderschule einfacher, aber es hat nach Meinung der Mutter schon seinen Sinn, es dem Kind nicht allzu leicht zu machen: „Ihm dieses Selbstbewusstsein zu geben, du bist genau so gut wie die anderen“, das gehe nun mal nur, indem ihr Kind mit anderen, gesunden Kindern gemeinsam unterrichtet werde.

Dennoch sieht die Mutter auch hierbei Grenzen. Wenn es um das Thema Inklusion geht, ist sie per se eine große Befürworterin des gemeinsamen Unterrichts, nicht jedoch um jeden Preis. Es müsse eben individuell abgestimmt werden, welches Kind aufgrund welcher geistigen und körperlichen Beeinträchtigung für eine Regelschule geeignet sei oder für welches Kind eine Förderschule sinnvoller sei. Auch die vom Staat bereitgestellte Infrastruktur zeige der Inklusion ihre Grenzen auf, weil oftmals nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stünden. Daher wünscht sie sich von der Politik, vor allem die finanzielle Grundlage des Inklusionsprojektes breit genug aufzustellen. Außerdem, so die Mutter, entscheiden Politiker gerade in puncto Inklusion oftmals, ohne persönliche Erfahrungen im Umgang hiermit zu haben. Es täte vielen Politikern gut, sich einmal für eine Woche in eine Inklusionsschule zu setzen und die Realität zu erleben.