„Die freut sich auf die Schule.“

Reportage zur Publikation "Jedes Kind ist anders"

„Es kam dann für mich so rüber, als ob sie nicht so geistig auf der Höhe wäre, geistig behindert ist. So kam es bei mir dann rüber. Und das war für mich wie so ein Blackout.“ Als der Kinderarzt der Mutter mitteilte, ihr Kind habe Förderbedarf, war das zunächst ein Schock für die Mutter. Doch die Familie kennt dieses Phänomen: Selbige Schwäche trat bereits bei einem weiteren der vier Kinder sowie auch bei der Mutter selbst zutage.

Obwohl die zehn Jahre alte Tochter schon im Kindergarten eine gesonderte Förderung erfuhr, weil bereits früh ein Lerndefizit festgestellt wurde, besuchte sie zunächst eine Regelgrundschule. Hier wurde bereits im ersten Schuljahr auffällig, dass das Mädchen nicht mit dem Lerntempo seiner Mitschüler und Mitschülerinnen mithalten konnte. Im Laufe der Grundschulzeit entschieden sich die Eltern schließlich, ihr Kind auf eine Förderschule umzuschulen. Die Entscheidung fiel nicht leicht: „Ich muss auch ehrlich sagen, erst mal habe ich mich bisschen schwer getan.“ Nun, da das Kind eine Förderschule besucht, entwickelt es sich deutlich besser als zuvor.

Die alltägliche Routine der Familie ist nicht beeinträchtigt vom Förderbedarf der jüngsten Tochter. Zwar beginnt auch in dieser Familie der Tag sehr früh, um 05:45 Uhr steht die Mutter auf und bereitet ihren Kindern das Frühstück. Aber dadurch, dass die Familie auf dem Land wohnt, müssen auch die anderen Kinder weite Wege in Kauf nehmen. Angenehmerweise gibt es seitens der Förderschule einen Fahrdienst, der die Zehnjährige morgens um 06:30 Uhr abholt und am Nachmittag gegen 15:30 Uhr zurückbringt. Den freien Restnachmittag und Abend verbringt das Mädchen im Regelfall mit Freizeit. Selten gibt es Hausaufgaben, die noch zu Hause erledigt werden müssen. Bereits früh am Abend, gegen 18:30 Uhr, geht die Tochter erschöpft vom Tage schlafen.

Zwar hatte die Mutter anfangs mit Beschämen auf den diagnostizierten Förderbedarf reagiert, doch bekam sie schnell Rückendeckung aus ihrer Familie, aus dem Freundeskreis und der Nachbarschaft. Freunde, Verwandte, Nachbarn – alle reagierten mit Verständnis auf die Lese- und Rechtschreibschwäche: „Die haben ja auch wirklich gesehen, dass sie sich nur gequält hat. Und jetzt ist sie schon ganz anders drauf. Ganz anders motiviert.“

Auch im Freundeskreis des Mädchens macht es keinen Unterschied, dass sie Förderbedarf hat. Ihr Freundeskreis, der vor allem aus Kindern in der Nachbarschaft ihres Dorfes besteht, hat sich seither nicht geändert. Zu den alten Klassenkameradinnen und -kameraden der Regelschule besteht zwar kein Kontakt mehr, dies ist allerdings auch der Entfernung zwischen den Dörfern in der ländlich geprägten Region geschuldet. Das Mädchen hat nun nach etwa einem Jahr auf der Förderschule auch Freundschaften an ihrer neuen Schule geschlossen.

Mit der Förderschule, die ihre Tochter nun besucht, sind alle äußerst zufrieden. Das Mädchen freut sich stets auf die Schule – anders als noch zu Zeiten der Regelschule: „Muss mal sagen, die steht früh auch auf und freut sich, wenn der Fahrdienst kommt. Dann ist sie ganz happy.“ Im Gegensatz zu früher: „Da war eher ‚Kein Bock, keine Lust‘.“ Wenn sie früher in der Regelschule beispielsweise vor der Klasse lesen sollte und ihre Defizite offenbar wurden, wurde sie von ihren Mitschülern dafür ausgelacht und gehänselt. Nun ist das anders: „Die freut sich auf die Schule und kommt nachmittags auch fröhlich nach Hause. Und früher sind dann schon mal Tränen gelaufen. Jetzt ganz anders motiviert.“ Dabei ist ihr Kind mit der diagnostizierten Lese- und Rechtschreibschwäche eher eines der Kinder mit geringerem Förderbedarf. Es sind auch Kinder mit schweren körperlichen Behinderungen an der Schule, Kinder im Rollstuhl oder mit Sprech- und Hörbehinderungen. Den Kindern wird eigenständige Arbeit beigebracht. Außerdem stehen auch pragmatische Aspekte aus dem Alltag auf dem Stundenplan. Einkaufen, Kochen, all das lernen die Kinder ebenfalls an der Förderschule. Ferner finden auch viele Ausflüge und Exkursionen statt. Die etwa sieben Kinder umfassende Klasse wird von zwei Lehrkräften betreut, was die Eltern ebenfalls für gut befinden.

Auch die Mutter ist äußerst zufrieden mit der derzeitigen Schule. „Zufrieden bin ich sehr. Hätte auch nicht so gedacht, dass sie so einen riesen Fortschritt macht“ und präzisiert: „Mir persönlich gefällt es, dass die Kinder lernen, einkaufen zu gehen. Und das Kochen.“ Doch nicht nur die pragmatischen Aspekte des Unterrichts gefallen der Mutter. Auch die Förderung neben dem Unterricht befindet sie für sehr gut: „Bin da zufrieden, finde ich sehr gut. Die haben auch jedwede Arbeitsblätter.“ Es werden für jedes Kind individuelle Förderpläne erstellt, so dass eine bestmögliche Förderung geboten werde, was der Mutter am Herzen liegt. Neben der Förderung sei auch die Betreuung durch die Lehrer gut, man nehme sich viel Zeit für die Kinder.

Den Wechsel ihrer Tochter an eine Förderschule empfindet sie als absolut richtige Entscheidung, so bilanziert sie: „Ich bin auch zufrieden, dass ich das so entschieden habe“ und fügt dem an: „Da habe ich wirklich keinen Fehler gemacht.“ Mit dem Begriff der Inklusion ist sie nicht vertraut. Obgleich sie den Gedanken dahinter begrüßenswert findet, hält sie die Praktikabilität für nicht gegeben, wie sie am Beispiel ihrer Tochter illustriert, denn eine Rückkehr ihrer Tochter an eine Regelschule ist für sie ausgeschlossen: „Und wenn wir jetzt sagen, sie soll wieder auf eine Grundschule gehen, würde sie in das gleiche Schema wieder zurückfallen. Und dann haben wir gesagt, sie bleibt da.“