Das Kapitol - Ein Thronsaal für Kaiser Wilhelm II.

Ein Stadtspaziergang

Einen überraschenden Wandel erfährt das Kapitol im 19. Jahrhundert durch die Ansiedlung deutscher Institutionen. Geht man auf Michelangelos Kapitols-Treppe nach oben, dann rechts durch einen Torbogen, durch die einzig offene Tür, weiter hinauf bis auf die Terrasse – und steht im Thronsaal von Kaiser Wilhelm II. Heute ist es die Museumsterrasse mit einem atemberaubenden Blick auf die Stadt, je nach Lichtverhältnissen ein wahres Erlebnis für die Sinne. Erst durch Abriss des Thronsaals 1918 konnte die Terrasse entstehen. Wie kam ein deutscher Kaiser zu einem Thronsaal auf dem Kapitol und was hatte zu seinem Abriss geführt?

 

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Kapitol, Palazzo Caffarelli

Schaut man von der Terrasse hinunter auf das antike Marcellus-Theater aus der Zeit des Kaisers Augustus, erkennt man gut die Wohnbauten, die sich im 16. Jahrhundert in die Ruinen eingenistet, beziehungsweise darauf gesetzt hatten. Eine dieser Wohnungen wurde 1816 Sitz der preußischen Gesandtschaft in Rom und ein Jahr später Sitz der ersten Lutherischen Gemeinde. Freiherr Josias von Bunsen, erst Sekretär, dann Nachfolger des Gesandten Georg Niebuhr, wollte nicht in dem alten Theater-Gemäuer wohnen. Bunsen mietete eine Wohnung, die ihm gleichzeitig als Amtssitz diente, im Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol. Es war ein einfacher Palast aus dem 16. Jahrhundert, aber die Aussicht auf die Stadt umso bestechender. Bunsen fand heraus, dass genau unter dem Palazzo Caffarelli die Ruinen des berühmten antiken Jupiter-Tempels lagen, was für ihn den Wert seines Domizils noch steigerte. So begann mit Bunsens Wohnung die hundertjährige deutsche Geschichte auf dem Kapitol.

 

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Kapitol, Casa Tarpea

Seinen kapitolinischen Wohn- und Amtssitz machte Bunsen bald zum kulturellen Mittelpunkt deutscher Künstler und Musiker. „Die schönste Wohnung der Welt“ schrieb Friedrich Schinkel bei seinem Rombesuch 1824. Mit preußischen Geldern erwarb der Botschafter ein zum Forum Romanum hin gelegenes größeres Gebäude‚ die sogen. „Casa Tarpea“. Dieses Haus wurde 1929 Sitz des neu gegründeten „Istituto di Corrispondenza Archeologico“ (das spätere Deutsche Archäologische Institut), zu dem auch ein eigener Bibliotheksbau gehörte, dessen kleine Tempelfassade man heute noch sieht. In einen anderen Bereich des Baus wurde ein Lutherisches Krankenhaus mit 20 bis 30 Betten eingerichtet.

Wenige Jahre danach kam der kunstsinnige preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm zu Besuch. Von Bunsens Bauaktivitäten auf dem Kapitol begeistert, wollte er den ganzen Palazzo Caffarelli kaufen, was sich allerdings als äußerst schwierig erwies. Erst sechzig Jahre später, als die Familie Caffarelli finanziell ruiniert war, gelang es dem deutschen Botschafter Bernhard von Bülow 1895, den Palazzo Caffarelli für den deutschen Staat zu erwerben.

Woher das große Interesse der Preußen an Grundbesitz in Rom? War es nur eine Prestigefrage? Nicht unerheblich mag gewesen sein, dass andere ihnen zuvorgekommen waren: König Ludwig I. von Bayern war seit 1828 im Besitz der Villa Malta unweit der Spanischen Treppe. Österreich war seit 1800 im Besitz des Palazzo Venezia, mitten im Herzen Roms. Die Franzosen waren seit Napoleon im Besitz der Villa Medici. Preußen hatte seinen Botschaftssitz zwar auf dem Kapitol, aber nur zur Miete.

Während der langen Kaufverhandlungen um den Palazzo Caffarelli traten Kaufgegner auf die Bühne. Lange schon verfolgte der Vatikan mit Misstrauen die deutsche Ansiedlung auf dem Hügel, es war ihm ein Dorn im Auge, „dass diese preußisch protestantische Stadt von dort oben auf das katholische Rom herabschaue und es gar noch beherrschen wolle“. Auch die Stadtverwaltung Roms nebenan auf dem Kapitols-Platz, begründete Besitzanspruch damit, den unter dem Palazzo Caffarelli gelegenen Jupiter Tempel ausgraben zu wollen. Sie verdächtigte sogar die Deutschen, im Tempelbereich gefundene antike Kunstwerke bei Nacht und Nebel nach Berlin zu schaffen. Alles Bestreben ging ab jetzt dahin, „diese deutsche Ketzerhochburg“ von IHREM Kapitol zu vertreiben.

 

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Kapitol, Widmungsinschrift DAI

Ungeachtet dessen richtete das seit 1871 geeinte Deutschland im Palazzo Caffarelli den Sitz der neu akkreditierten deutschen Botschaft ein und ließ am Abhang zum Marcellus-Theater ein fünfstöckiges Gebäude als neuen Sitz des Archäologischen Instituts erbauen. Seit der Gründung hatte sich dieses Institut mit seiner bedeutenden Bibliothek zu einem beispielhaften Vorreiter europäischer Zusammenarbeit in der Erforschung der klassischen Archäologie entwickelt! Eine Widmungsinschrift, die heute noch im Foyer des ehemaligen Institutes zu sehen ist, dokumentiert dies. Ausdrücklich werden die vier beteiligten europäischen Länder genannt: England, Frankreich, Deutschland und Italien.

 

Widmungsinschrift mit Übersetzung

INSTITVTVM . ARCHEOLOGICVM . ROMANVM / CONDITVM . A CIVIBVS . BRITANICIS . GALLIS . GERMANIS . ITALIS . A(NN)O . MDCCCXXVII / PRAESIDE . ODOARDO . GERHARDO . GERMANO / FACTVM . R(EGIVM) . BORVSSICVM . A(NNO) . MDCCCLXX . IMP(ERIALE) GERMANICVM . A(NNO) MDCCCLXXIIII / IVSSV . GVILELMI / IMPERATORIS . GERMANIAE / HVC . TRANSLATVM . A(NNO) . MDCCCLXXVII . VRBIS AETERNAE . A(NNO) . MMCCXXX

Das Archäologische Institut, als Römisches gegründet von englischen, französischen, deutschen (und) italienischen Landsleuten im Jahr 1829 unter dem Vorsitz des Deutschen Eduard Gerhard*; erhoben zum Königlich-Preußischen (Institut) im Jahr 1870, zum Kaiserlich-Deutschen im Jahr 1874, wurde auf Geheiß Wilhelms, des deutschen Kaisers, hierher verlegt im Jahr 1877, im Jahr 2230 der Ewigen Stadt. (Übersetzung Dr. Eberhard Nikitsch)

 

Als 1888 Kaiser Wilhelm II. zu Besuch in Rom war, spitzte sich der Konflikt um die deutsche Präsenz auf dem Kapitol zu. Im Palazzo Caffarelli, dem deutschen Botschaftssitz, vermisste er für künftige Besuche einen standesgemäßen Thronsaal. Des Kaisers Wunsch wurde umgehend erfüllt, indem der große Festsaal im Palazzo Caffarelli in diesem Sinne umgestaltet, prunkvoll eingerichtet und im großen Stil mit germanischen Mythen ausgemalt wurde, auch installierte man den gewünschten Thron mit Baldachin.

 

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Kapitol, Blick auf Rom

Jetzt war die Geduld der Italiener erschöpft. Der Sturz der Deutschen von ihrem Kapitol war absehbar. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges verlangte Italien die definitive Rückgabe aller deutschen Immobilien auf dem Kapitol und ordnete die Zerstörung des Thronsaales des deutschen Kaisers an. Unmittelbar nach Kriegsende 1918 wurde dieser dann auch abgerissen. So entstand die Terrasse, die heutige „Terrazza Caffarelli“. Das verbliebene Erdgeschoss mit der ehemaligen Lutherischen Kapelle, wie der ganze restliche Palazzo Caffarelli wurden den Kapitolinischen Museen übergeben. Die anderen ehemals deutschen Institutsbauten erhielt die Stadtverwaltung zur Nutzung.

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Literatur

 

 

 

  • Golo Maurer, Preußen am tarpäischen Felsen, Chronik eines absehbaren Sturzes 2005
  • Hartwig Fischer, Hermann Prell und die deutsche Einrichtung des Thronsaals der deutschen Botschaft zu Rom 1998
  • Arnold Esch, Wege nach Rom 2004