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Die Rolle der Türkei als Vermittler zwischen Ost und West

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„Die Rolle der Türkei als Vermittler zwischen Ost und West“

21. Deutsch-türkisches Journalistenseminar am 23.-26.05.2007 in Antalya

- Seminarbericht -

Ein etwas breiter gefasstes, aber sehr aktuelles Thema diskutierten die Teilnehmer des Deutsch-türkischen Journalistenseminars am 23.-26. Mai 2007 in Antalya: Die mögliche Rolle der Türkei als Vermittler zwischen Ost und West. Bereits zum 21. Mal organisierte die Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Türkischen Journalistenverband und der Deutsch-Türkischen Stiftung das alljährliche Zusammentreffen von Medienvertretern beider Länder mit dem Ziel, sich über aktuelle Themen des Journalismus, der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auszutauschen. Die Veranstaltungsreihe soll dazu beitragen, das Deutschlandbild und das Türkeibild in den Medien zu verbessern. Und natürlich ist auch ein wichtiger Aspekt dieser Seminare die Vermittlung von persönlichen Kontakten und die Förderung der Bildung von Netzwerken zwischen Journalisten.

Die Türkei ist seit ihrer Staatsgründung durch ihre europäische Ausrichtung, durch ihre Mitgliedschaft in der NATO und die laizistische Staatsordnung ein traditioneller Verbündeter des Westens. Aufgrund ihrer geographischen Lage, ihrer historischen Wurzeln und der aktuellen geopolitischen Situation hat die Türkei aber auch einen Wichtigen Einfluss auf die Region des Ostens. Diese beiden Faktoren ermöglichen ihr, die Rolle eine Brückenfunktion zu übernehmen, die sowohl im westlichen als auch im östlichen Interesse sein kann. Deutschland und die Europäische Union haben ganz klare außenpolitische Prioritäten in Bezug auf die Nahost-Region. Dabei geht es um sicherheits-, um wirtschafts-, um energiepolitische Ziele genauso wie um Fragen des interkulturellen Dialogs und der Förderung der friedlichen Koexistenz verschiedener Kulturen. Auch die Türkei hat Interesse daran, pragmatische, konstruktive und friedliche Beziehungen zu seinen Nachbarn zu unterhalten. Wie diese mögliche regionale Rolle der Türkei in den türkischen und den deutschen Medien reflektiert wird, darüber haben an den drei Tagen des Seminars etwa 50 Vertreter deutscher und türkischer Medien intensiv diskutiert. Um einen besseren Gesamteindruck zu bekommen, haben die Organisatoren auch einige Korrespondenten aus den Nahostländern eingeladen.

In der gegenseitigen Wahrnehmung herrscht zwischen der Türkei und der arabischen Welt nach wie vor viel Unkenntnis. Dies führt oft zu Vorurteilen und Klischees in den Artikeln und Kommentaren der Medien. Der ägyptische Autor Tarik Bary berichtete in seinem Referat sehr ausführlich über die Berichterstattung der ägyptischen Presse über die Türkei. Das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Staat in der Türkei wird von den Arabern als „Identitätskrise“ wahrgenommen. Im Gegensatz zu der in den westlichen Ländern verbreiteten Auffassung, die Türkei könne mit ihrer laizistischen Staatsordnung als Beispiel für die muslimische Welt dienen, wird das türkische Prinzip des Laizismus in der islamischen Welt abgelehnt. Bewunderung wird jedoch für die Annäherung der Türkei an die Europäische Union empfunden. Auch die Erfolge im Bereich der Wirtschaftsentwicklung, der Modernisierung der Verwaltung, des Bildungssystems und der Demokratie werden in der arabischen Welt mit positiver Resonanz wahrgenommen. Und die aktuelle türkische Außenpolitik der Regierung Erdoğan, die die türkisch-arabischen Beziehungen „nach Jahrzehnten der Vernachlässigung“ wieder Pflege, kommt ebenfalls gut an. Erstaunlicherweise habe unter der Neuakzentuierung dieser Außenpolitik das traditionell enge Verhältnis der Türkei zu Israel nicht gelitten, berichtete der israelische Journalist Gil Yaron. Der Türkei fühle man sich schon deshalb verbunden, so Yaron, weil sie mit Israel das Schicksal teile, „nicht-arabischer Staat in einem tief-arabischen Raum zu sein“. Israel versuche auch, als Lobby für Ankara in der EU zu wirken. Sein Land Hoffe, „dass der laizistische, moderate Islam der Türkei eines Tages Vorbild für die arabischen Staaten sein könnte,“ meinte Yaron seinem Referat.

Diese Meinung teilten auch die deutschen Journalisten. Sie sprachen über die Bedeutung, die der Türkei als strategischer Brückenkopf für Europa in die Nahostregion zukomme. Eine wirtschaftlich entwickelte, politisch demokratische und moderne Türkei könne sich stabilisierend auf ihre Nachbarländer auswirken. Allerdings dürften dabei die derzeitigen Krisenherde und Konfliktpotentiale - insbesondere im Nordirak - nicht übersehen werden. Eine militärische Intervention der Türkei im Norden Iraks würde zu einer Destabilisierung der gesamten Region führen.

Die politische Spaltung, in der sich die Türkei derzeit befindet, spiegelte sich auch in den Beiträgen der türkischen Kommentatoren wider. Einerseits wurden Ängste geäußert, die AKP könnte den Staat von unten, den Stadtteilen her – ähnlich der von der Hamas in Gaza praktizierten Taktik – unterwandern und politisch beherrschen. Anderseits wurde das im Internet veröffentlichte Memorandum des Militärs zur Gefahr der Islamisierung in der Türkei als Affront gegen die Demokratie bezeichnet.

Von einer wirksamen Brückenrolle zwischen Ost und West sei die Türkei noch entfernt, waren sich die Seminarteilenehmer mehrheitlich einig. Sie habe aber dafür gute Voraussetzungen. Entscheidend sei, dass es gelingt, den eingeschlagenen Weg der Reformen und der Transformation zu einer modernen, wirtschaftlich entwickelten und politisch stabilen Türkei fortzusetzen. Die laufenden EU-Beitrittsverhandlungen könnten dafür als Katalysator wirken. Dem Ziel der Verbesserung des deutsch-türkischen Dialogs in den Medien ist man mit dieser Veranstaltung näher gekommen, wie etliche Artikel in deutschen (Süddeutsche Zeitung, Hannoversche Allgemeine Zeitung) und türkischen (Hürriyet, Sabah, Zaman) Zeitungen bezeugen.

Jan Senkyr

Ankara, 16. 07. 2007

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