Sündenböcke

Mehr als zweitausend Menschen sind nach offiziellen Angaben in Iran seit den Protesten nach den Präsidentenwahlen im Juni verhaftet worden: Studenten, Demonstranten, Menschenrechtler, Reformpolitiker. Nun geraten auch unabhängige Intellektuelle in Gefahr, die weder politisch aktiv waren noch sich an den Protesten beteiligt haben. Einer von ihnen ist Bijan Khajehpour Khoi, Gründer und CEO der angesehenen Beratungsfirma Atieh Bahar Consulting, die vor allem ausländische Investoren in Iran berät. Khajehpour wurde am 27. Juni am Flughafen in Teheran auf der Rückkehr von einer Europa-Reise verhaftet. Er hatte in Wien vor der Handelskammer gesprochen und in London Vertreter der iranisch-britischen Handelsgesellschaft getroffen, um ausländische Investitionen in Iran zu fördern.

Der 42 Jahre alte Khajehpour stammt aus Khoi in der Provinz West-Aserbaidschan im türkischsprachigen Nordwesten. In seinen Analysen und Artikeln vor allem zur iranischen Wirtschaftspolitik hat er sich als scharfsichtiger und unabhängiger Denker hervorgetan. Im Ausland war er ein perfekter Vertreter, geradezu ein Botschafter seines Landes: Mit unermüdlicher Rationalität und nie nachlassendem Optimismus beleuchtete er die oft schwer verständlichen Zusammenhänge der iranischen Politik. Er argumentiert dabei nie als Regimekritiker, sondern als Patriot, der sein Land auf einem schwierigen, aber stetigen Weg in die Moderne sieht. Seine persönliche Integrität, sein ruhiges Temperament und sein moderates Denken frei von ideologischen Scheuklappen verleihen ihm eine auch unter iranischen Intellektuellen hervorragende Glaubwürdigkeit. Für Khajehpour, der fließend Englisch und - dank seines Studiums in Mannheim - auch hervorragend Deutsch spricht, wäre es leicht gewesen, in den Westen zu emigrieren. Aber er zog es vor, mit seiner Familie in Iran zu leben. Er sieht es als seine Aufgabe an, dort Arbeitsplätze zu schaffen und internationale Wirtschaftskontakte aufzubauen. Darüber hinaus engagiert er sich sozial und kulturell, unterstützt sportliche Talente und Studenten und ist Vorsitzender einer Stiftung, die das Computer-Wissen iranischer Jugendlicher fördert.

Khajehpour ist nun seit fast drei Wochen verschwunden. Von wem und warum er verhaftet wurde, ist unbekannt. Bisher wurden weder Haftgründe angegeben noch Anklage erhoben. Seine Familie - Khajehpour ist verheiratet und hat zwei minderjährige Töchter - hat keinen Kontakt zu ihm. Wo Khajehpour, der an Diabetes leidet und eine strikte Diät einhalten muss, festgehalten wird, ist unbekannt. Als wahrscheinlich gilt das Teheraner Evin-Gefängnis. Es ist zu vermuten, dass er wegen seiner Kontakte ins Ausland verhaftet wurde. Dass die Proteste zu einer vom Ausland organisierten "samtenen Revolution" führen sollten, ist eine gängige Unterstellung der Machthaber, für die jetzt Sündenböcke gesucht werden. In dieses Muster passt auch die Verhaftung von Kian Tajbakhsh, einem Intellektuellen mit amerikanischer und iranischer Staatsbürgerschaft, der am vergangenen Donnerstag aus seiner Wohnung in Teheran abgeholt wurde.

Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erschienen am 17. Juli 2009, Nr. 163, Seite 10.

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