Veranstaltungsberichte

Im "Ersatzkanzleramt" zu Besuch

Godehard Schramm stellte sein neues Cadenabbia-Buch "Der Kanzler und der See" (Hamburg 2012) vor

Auch 45 Jahre nach seinem Tod ist die Erinnerung an Konrad Adenauer, den ersten Bundeskanzler, am Comer See noch immer präsent. Woher die Verbundenheit des ersten Bundeskanzlers mit seinem "Ersatzkanzleramt" in Cadenabbia rührte, beleuchtet der Schriftsteller Godehard Schramm in seinem Buch "Der Kanzler und der See".

Warum Konrad Adenauer sogar beim Bocciaspielen am Comer See eine Krawatte getragen habe, fragte sich Dr. Hans-Gert Pöttering MdEP in seinen einleitenden Worten zur Vorstellung von Godehard Schramms Buch "Der Kanzler und der See". Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident des Europäischen Parlaments a.D. erntete überraschtes Lachen des Publikums im voll besetzten Saal des Bonner Hauses der Geschichte. Tatsächlich zeigen viele zeitgenössische Aufnahmen Adenauer akkurat gekleidet, wenn er auf der Bocciabahn der Villa "La Collina" schwungvoll zum Wurf mit der Kugel ausholt.

"Ersatzkanzleramt"

Eine Erklärung für Adenauers Krawattenwahl konnte Godehard Schramm nicht liefern, dafür aber viele Einblicke in Adenauers Aufenthalte in Cadenabbia geben. Auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung, die den Abend zusammen mit der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus ausrichtete, ging das Publikum auf eine vielfarbige visuelle und akustische Reise nach Oberitalien. Im Rahmen einer multimedialen Präsentation zeigte Godehard Schramm, welche Faszination die Region auf ihn und zuvor auf viele andere Persönlichkeiten ausgeübt hatte. Zu den prominentesten Besuchern zählt Konrad Adenauer, der seit 1957 über Jahre hinweg am Comer See Abstand vom Bonner Regierungsalltag suchte. Er wohnte in der Villa "La Collina", heute eine internationale Begegnungsstätte.

Für den ersten Bundeskanzler verwandelte sich die Landschaft am Lago di Como im Laufe der Zeit zu einer vertrauten Umgebung, in der er stets einen "Urlaub ohne Ferien" (so der Titel eines WDR-Films von 1960) verbrachte. Zwar kam das Boccia-Spielen nicht zu kurz, die Bälle im politischen Spiel der Staatsinteressen behielt er dort dennoch in der Hand. Die Villa galt bald als "Ersatzkanzleramt". Viele Gespräche mit deutschen und internationalen Weggefährten führte Adenauer fern vom Bonner Medienrummel und von Repräsentationspflichten in entspannter Atmosphäre in Cadenabbia. Wie beim Boccia-Spiel bereitete er mit sicherer Hand politische Richtungsentscheidungen vor.

Erinnerungen an Adenauer noch heute am See präsent

Zum Erfolg seiner Bemühungen trug die besondere Atmosphäre rund um den Comer See bei, die seit Vergils Zeiten immer wieder Dichter und Denker zu künstlerischen Werken anregt. Bis in die Gegenwart reichen die literarischen Zeugnisse, in dessen Reihe sich nun Godehard Schramm mit seinem Buch eingliedert. Einprägsame Kostproben gab er während seiner Präsentation. Von eigenen Erlebnissen und Begegnungen führten Querverweise zu Künstlern, Komponisten, Schriftstellern, die Cadenabbia in ihren Kunstwerken ein Denkmal gesetzt hatten. Parallel dazu flocht er in das kulturelle Verweisnetz Reflexionen zur Politik und Person Adenauers ein. Schließlich ist die Erinnerung an den ersten Kanzler noch heute am Comer See präsent. So beschrieb Schramm Fotos und Bildnisse Adenauers, die sich an mehreren Stellen in Cadenabbia finden. Ihr Anblick veranlasste den Autor, Anekdoten und Berichte aus Adenauers Leben zu erzählen.

Geist und Macht, Kultur und Politik treffen in seinem Buch aufeinander. Sie inspirieren sich gegenseitig. Die multimediale Präsentation führte dem Publikum diesen Aspekt deutlich vor Augen. Aktuelle Fotos von den Naturschauspielen rund um den Comer See mischten sich mit musikalischen Einlagen und Videoaufnahmen aus den 1960er Jahren. Natürlich durften Filmsequenzen vom Boccia-Spiel nicht fehlen, in denen der Kommentator Adenauers Gelassenheit im Spiel mit der Beständigkeit seiner Politik verglich. Dazwischen las Schramm in einem lebendigen und packenden Vortragsstil Passagen aus seinem Werk über den Comer See.

Ein "Europaort"

Er schätzt die Gegend nicht nur vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen, sondern weist ihr politische Bedeutung als "Europaort" zu. Hier vergegenwärtige sich der "geistige Zusammenhalt" in Europa.

Inspiration zum Nachdenken über Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft Europas lieferte die Buchpräsentation ohne jeden Zweifel – auch wenn die Frage nach Adenauers Kleiderordnung beim Boccia-Spiel ungeklärt blieb. Dennoch bekam das Publikum am Ende eine Vorstellung von den Herausforderungen dieses Sports. Als kurzzeitige Leihgabe für den Rest des Abends übergab Professor Michael Braun (Leiter Referat Literatur der KAS) Schramm eine Boccia-Kugel des ersten Kanzlers, die er von Dr. Corinna Franz aus den Beständen der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus ausgeliehen hatte. Der gefeierte Autor ließ es sich nicht nehmen, dies schwere dunkelhölzerne Kugel mit einer adenauergetreuen Armbewegung durch die Luft zu schwingen. Einzig die Krawatte fehlte, Schramm trug einen Schal um den Hals.

Hannah Schepers, politikwissenschaftliche Doktorandin an der Universität Bonn

Ansprechpartner

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

Bestellinformationen

erscheinungsort

Berlin Deutschland