Veranstaltungsberichte

Israelische Scharfschützen

von Ulrich W. Sahm
Prof. Ben Ari legt in seiner Forschungsarbeit über Scharfschützen in der israelischen Armee dar, wie sich die Soldaten in der Kampfzone verhalten und wie sie ihre Aufgabe psychologisch bewältigen.

"Was hat die israelische Armee noch zu tun, sowie der Friede ausbricht."

Diese Frage wurde dem Forscher Eyal Ben Ari nach dem Rückzug aus Südlibanon im Mai 2000 gestellt. Sein Team dachte über die Beteiligung an "Friedenstruppen" nach. Im Sommer 2000 glaubten sie, dass in Camp David nur noch der letzte Aufwisch für einen endgültigen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern gemacht werde.

Doch schon ab Oktober 2000 wurden die Militärforscher des "Harry S. Truman Forschungsinstitut für die Förderung des Friedens" bei der Hebräischen Universität von Jerusalem unfreiwillig gefordert, statt über eine Armee in Friedenszeiten zu forschen, die Feinheiten einer Armee in einem "niedrig intensiven Konflikt" zu erkunden. Die Intifada ist kein richtiger Krieg.

Dennoch werden die Soldaten wie in einem Krieg eingesetzt, vor allem die Scharfschützen.

Die Konrad Adenauer Stiftung veranstaltete zusammen mit der El Kuds Universität und dem Truman-Institut eine akademische Diskussion unter Ausschluss der Presse.

Professor Ben Ari stellte seine noch unveröffentlichte Forschungsarbeit über Scharfschützen in der israelischen Armee vor. Seit der ersten Intifada ab 1987 seien die israelischen Militäraktionen "zunehmend durchsichtiger" geworden. Die Presse, Menschenrechtsorganisationen und Politiker beobachten immer genauer, was die Soldaten im Felde tun. "Welchen Einfluss haben die verstärkten Diskussionen um Menschenrechte im öffentlichen Diskurs auf das Verhalten der Soldaten in den Kampfzonen", fragten sich die Forscher. In der israelischen Armee sei vermehrt über die Frage der "Menschenwürde" diskutiert wurden, meistens über den Umgang mit Rekruten und Untergebenen, aber auch vergewaltigten Soldatinnen. Nur beiläufig wurde über den Umgang mit dem "Feind", der palästinensischen Zivilbevölkerung und "Terroristen" debattiert.

Das Problem des "Kollateralschadens", also unschuldiger Opfer infolge militärischer Aktionen, sei bei den Amerikanern im Zusammenhang mit dem Einsatz von Nuklearwaffen während des Kalten Krieges aufgekommen. Die Diskussionen führten zu dem Konzept "chirurgischer" Eingriffe bei "low-tech" (konventionellen) Konflikten. "Die Militärs liebten diese Idee", sagte Ben Ari.

Für seine Forschungsarbeit befragte Ben Ari 170 Offiziere, darunter 31 Scharfschützen. Zu seiner Überraschung bemerkte er beim Durchgehen der Interviews, dass sie davon redeten "einen Menschen" getötet zu haben, also nicht einen "Araber", einen "Feind" oder einen "Terroristen". Die gesamte psychologische Literatur, so Ben Ari, beschreibe zum Töten gezwungene Menschen, dass ihr eigenes Gewissen erleichtern, indem sie ihre Opfer "entweder entmenschlichen oder dämonisieren".

"Das Einschussloch ist winzig, aber das Gehirn explodiert und der halbe Kopf fehlt", zitiert Ben Ari einen befragten Scharfschützen. "Das erste Mal ist sehr schwer. Aber wenn wir das nicht tun, würden sie unsere Frauen und Kinder umbringen. Wir müssen diesen Job tun", folgte als Rechtfertigung.

Manche Schützen berichteten, dass sie sich wie "Gott im Schlachtfeld" fühlten, als "Herren über Leben und Tod".

Andere genossen "professionelle Befriedigung" bei erfolgreicher Pflichterfüllung.

Das Töten als Scharfschütze ist für israelische Soldaten "weder banal noch traumatisch", fasst Ben Ari seine Erkenntnisse zusammen. Er bemerkte bei manchen Soldaten eine "psychologische Distanzierung". Bekanntlich sei es für Bomberpiloten und Artilleristen leichter als Panzersoldaten oder Infanteristen, da sie ihr Opfer nicht "direkt sehen" könnten. Um sich zu distanzieren, erzählten einige Scharfschützen, dass sie ihr Zielfernrohr "wie ein Computerspiel" betrachteten.

Ben Ari bemerkte nur "sehr seltene Fälle" von Dämonisierung des Feindes.

Vielmehr tragen die anderen Soldaten und die Gesellschaft das gezielte Töten der Scharfschützen voll mit. Einfache Soldaten bezeichneten die Scharfschützen als "sehr wichtig". Die israelische Gesellschaft betrachte das gezielte Töten als "notwendig"- um sich zu schützen und gleichzeitig, um den Tod von Unschuldigen zu vermeiden. Deshalb sei ein Prozess der "Dämonisierung" überflüssig.

Die Scharfschützen haben die Aufgabe, ganz bestimmte "Feinde" auszuschalten, oft durch gezielte Schüsse in die Waden und nicht durch tödliche Schüsse, sagte Ben Ari. Die Alternative sei der Einsatz eines Maschinengewehrs, ohne zu zielen. Doch das bedeute viele unschuldige Opfer, ohne Garantie, jenen zu treffen, der Gefahr darstelle und den gewalttätigen Konflikt verantworte.

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Dr. Alexander Brakel

Alexander.Brakel@kas.de

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