Veranstaltungsberichte

Muslimische Seelsorge in Deutschland wird immer wichtiger

von Thomas Volk

Sie braucht aber verlässliche Ansprechpartner zur Klärung offener Fragen

Die Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte am 30. September in Berlin ein Expertengespräch zum Thema „Muslimische Wohlfahrtspflege in Deutschland - Bestandsaufnahme und Herausforderungen“.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat am Mittwoch, dem 30. September, in der Akademie der Stiftung in Berlin mit Experten über die Herausforderungen einer muslimischen Wohlfahrtspflege in Deutschland diskutiert. Das Thema wird in dieser Legislaturperiode als ein Kernthema der Deutschen Islamkonferenz (DIK) behandelt und erhält durch den zu erwartenden Anstieg der muslimischen Bevölkerung im Zuge der Flüchtlingskrise in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Wie soll eine muslimische Kranken- und Altenpflege, z. B. in Krankenhäusern, zukünftig gestaltet werden? Welche Maßnahmen gilt es bei einer muslimischen Gefängnisseelsorge zu beachten bzw. welche Ansprechpartner kommen hierfür auf muslimischer Seite in Frage? Welche Erfahrungen aus der christlichen Seelsorgearbeit können von Muslimen übernommen werden und welche Hindernisse bestehen auf dem Weg hin zu einer organisierten muslimischen Wohlfahrtspflege in Deutschland? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt des ersten Expertengesprächs zu diesem Thema. Die Konrad-Adenauer-Stiftung wird sich in den kommenden Monaten in verschiedenen Formaten konkreten Aspekten der muslimischen Seelsorge widmen und hierzu politikberatende Papiere erstellen.

Dr. Sigurd Rink, evangelischer Militärbischof, und Professor Thomas Elßner, katholischer Militärseelsorger, eröffneten das Expertengespräch mit einführenden Hintergrundinformationen zum Stand der christlichen Seelsorge im Bereich der Bundeswehr. Dr. Rink machte deutlich, dass der Transformationsprozess der Bundeswehr selbst auch die Militärseelsorge vor neue Herausforderungen stelle. So sei die Umwandlung der Bundeswehr in eine Einsatz- und Berufsarmee sowie die steigende Zahl konfessionsloser Soldatinnen und Soldaten bei Überlegungen zur religiös ausgerichteten Seelsorge mit zu bedenken. Von den ca. 180.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr seien an über 400 Standorten lediglich ca. 1000 Personen islamischen Glaubens. Professor Elßner betonte zudem, dass in der Regel auf 1500 Angehörige der Bundeswehr je ein Seelsorger eingeplant werde; dies bedeute demnach, dass überhaupt nur ein einziger muslimischer Seelsorger bei der Bundeswehr beschäftigt werden könnte bzw. müsste. Hierbei stelle sich allerdings die Frage nach einem geeigneten und legitimierten Ansprechpartner auf muslimischer Seite. Dabei sei es die Verantwortung der muslimischen Gemeinschaften in Deutschland selbst, sich zuerst dergestalt zu organisieren, dass staatliche Institutionen einen verlässlichen und repräsentativen muslimischen Ansprechpartner für konfessionelle Angelegenheiten kontaktieren könnten.

Anschließend berichtete Dr. Abdelmalek Hibaoui vom Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Tübingen über aktuelle Herausforderungen der muslimischen Alten- und Krankenpflege. Bisher würden vor allem Familienangehörige von Muslimen die Aufgaben einer adäquaten muslimischen Kranken-und Altenpflege übernehmen und sähen sich damit oftmals überfordert. Wichtig sei eine Professionalisierung der muslimischen Kranken- und Altenpflege, wobei sich hier vor allem Fragen nach der Finanzierung stellten. Dr. Hibaoui berichtete in diesem Zusammenhang auch davon, dass die Universität Tübingen einen Masterstudiengang „Islamische Seelsorge“ anbieten werde, um zukünftiges fachkundiges Personal frühzeitig auszubilden.

Abschließend erläuterte der aus zahlreichen Medien bekannte muslimische Gefängnisseelsorger, Husamiddun Meyer, aus seinem Berufsalltag als muslimischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden. 20 Prozent der Inhaftierten in Hessen seien Muslime, weshalb der Bedarf für eine entsprechende muslimische Gefängnisseelsorge wichtig sei. Dies sei auch ein elementarer Beitrag zur Islamismusprävention. Viele der Inhaftierten fühlten sich durch das Angebot eines muslimischen Gefängnisseelsorgers in ihrem Glauben ernst genommen und gleichberechtigt mit ihren (christlichen) Mithäftlingen. Die meisten der Gefängnisinsassen in der JVA Wiesbaden hätten kein oder nur ein eingeschränktes religiöses Wissen über den Islam, seien aber an Halt und Orientierung sowie spiritueller Ausrichtung sehr interessiert. Auffällig viele der ausgereisten salafistisch orientierten Islamisten aus Deutschland seien zudem häufig schon vor ihrer Radikalisierung straffällig gewesen und benötigten daher eine verstärkte sozialpädagogische und seelsorgerische Betreuung. Hierfür sei nicht nur fachlich geschultes, sondern vor allem auch erfahrenes Personal vonnöten. In diesem Zusammenhang äußerte Meyer den Vorschlag, einen bundesweiten Verein für muslimische Seelsorge zu etablieren, um gerade auch im Bereich der Flüchtlingsseelsorge noch effektiver mitwirken zu können.

Das Expertengespräch wurde durch die Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung, Dr. Petra Bahr, zusammengefasst und vom Koordinator für Islam und Religionsdialog, Thomas Volk, moderiert. Frau Bahr betonte in ihrem Beitrag, dass sich die Stiftung mit zahlreichen Aspekten der muslimischen Lebenswirklichkeit in Deutschland beschäftige und die aufgeworfenen Fragen zur muslimischen Seelsorge in den kommenden Monaten noch stärker in die Stiftungsarbeit integriert würden.

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Berlin Deutschland