Veranstaltungsberichte

Storytelling in Krisenzeiten

Am Mittwoch, dem 6. Mai organiserte die KAS Kolumbien im Rahmen ihrer virtuellen Serie “ExpertosEnKASa” gemeinsam mit dem Politischen Analyse- und Trainingszentrum - CAEP aus Medellín, einen Vortrag vía Facebook Live zum Thema “Storytelling in Krisenzeiten”, präsentiert vom Direktor des CAEP, Carlos Andrés Pérez.

Nach einer kurzen Vorstellung der KAS, bedankte sich Dr. Pérez für die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit und erzählte wie er sich auf das Thema “Storytelling” spezialisiert habe. Während seiner Promotion an der Universität Salamanca lernte er, dass Märchen und Erzählungen eine wichtige Rolle in der politischen Kommunikation spielen, da sie eine starke Wirkung ausüben können. Die erste Form menschlicher Kommunikation habe auf Oralität beruht; nach der Erfindung des Buchdrucks fand die Überlieferung mehr in schriftlicher Form statt, während in Zeiten der neuen Technologien, die mündliche Weitergabe von Erlebtem (Storytelling) wieder mehr in den Vordergrund getreten sei.

Der Vorteil von Märchen und Mythen sei es, dass die Menschen den kulturellen Kontext kennen und sich leichter damit identifizieren können. Als Beispiel nannte Dr. Pérez das Märchen von Schneewittchen; um es zu verstehen brauche man nicht studiert zu haben, die beschriebenen Elemente oder Situationen seien Teil des täglichen Lebens gewesen.  Ursprünglich seien diese Erzählungen nicht für Kinder gedacht gewesen, sondern wurden erst später angepasst und kommerzialisiert, wobei sie ihren Symbolismus verloren hätten; z.B. Rotkäppchen als Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter. Viele Märchen seien durchaus gesellschaftskritisch gewesen und hätten zum empowerment von Frauen und Männern beitragen sollen. Im Gestiefelten Kater werde zum Beispiel beschrieben wie eine unbedeutende, arme Person allein durch seine Schlauheit in wichtige Positionen aufsteigen könne. Carlos Andrés Pérez meinte, dass diese Geschichte zum Beispiel mit dem Aufstieg des französischen Präsidenten Macron aus eher bescheidenen Verhältnissen in höhere Positionen und letztendlich zur Präsidentschaft vergleichbar sei.      

Bezüglich der aktuellen Pandemie des Covid 19 meinte Pérez, dass der Umgang mit der Krise so schwierig sei, weil es in der Geschichte kein Beispiel dafür gebe. Ein Vergleich mit der Spanischen Grippe in 1918 sei nicht angebracht, da es zu der Zeit weder weit verbreitete Massenmedien noch internationale Reisen in grossem Ausmass gegeben habe.  

Eine entsprechende Bewusstseinsbildung habe sich in der aktellen Situation verzögert, da zuerst entsprechende Berichte und Erzählungen konstruiert werden mussten, um die Menschen weltweit zu überzeugen, dass es sich nicht um ein rein chinesisches Problem handele, dass sich nicht ausweiten könne. Als das Virus in Europa auftauchte glaubten zum Beispiel noch 80% der Menschen in Italien, dass es keine Bedrohung darstellen könne und keine entsprechenden Massnahmen ergriffen werden müssten; es handelte sich um ein in ihrer Kultur unbekanntes Phänomen. In Lateinamerika sah man sich anfangs noch weniger betroffen, Während man in Süd-Ost-Asien bereits Erfahrungen mit dem SARS-Virus gemacht hatte und deswegen besser vorbereitet war und die notwendigen Massnahmen schneller akzeptiert wurden. Und wie so oft, wenn es an ausreichender Information fehle, neigten die Menschen dazu Gerüchte zu erfinden bzw. zu glauben.

Bezüglich der täglichen Fernsehauftritte des Präsidenten seit Beginn der Coronakrise, meinte Carlos Andrés Pérez, dass die Regierung das Bedürfnis der Bevölkerung nach aktueller und detallierter Information verstanden habe. In diesem Fall sei die “Propaganda” etwas positives und nützliches, da sie im Gegensatz zur Werbung kein Produkt verkaufe, sondern die Ideen und Strategien der Regierung vermittele. In Krisenzeiten müsse ein Präsident stets präsent sein und seine Geschichte mit unumstösslichen Argumenten untermauern; nur so werden die Bürger positiv reagieren und solidarisch handeln.

Als Elemente, die den Prozess der Konstruktion einer glaubhaften Erzählung von Seiten der Regierung beeinflussen könnten, nannte Pérez erstens den Druck durch die Sozialen Netzwerke oder politische Parteien sowie den Einfluss anderer wirtschaftlicher Machtfaktoren wie zum Beispiel der grossen Banken. Um dem entgegenzuwirken, sei es unabdingbar, dass die Regierenden im Detail die Sorgen und Ängste ihrer Bürger kennen, was nur durch entsprechende Meinungsumfragen zu erreichen sei. So habe sogar die Panamerikanische Gesundheitsbehörde darauf hingewiesen, dass die Regierungen für das Wohlergehen ihrer Bevölkerung verantwortlich seien. Damit die Regierung ihre Botschaft glaubwürdig vermitteln und zur Aktion anregen könne, seien drei Variablen zu beachten: erstens Aufmerksamkeit erregen, zum Beispiel durch die regelmässige Präsenz des Präsidenten in den Medien; zweitens die verschiedenen Stufen der Erinnerung zu beachten, wie die unmittelbare Erinnerung an den ersten Eindruck beim Auftritt eines Politikers oder einprägsame Sätze (“sound bites”), und drittens der Einfluss der letztendlich zur Aktion, wie der Respektierung einer Qurantäne führe. Die jüngsten Umfrageergebnisse zeigten, dass fast alle Regierungschefs Vorteile aus der aktuellen Krise gezogen haben und durch ihr aktives Reagieren und ihre ständige Medienpräsenz ihr Image aufbessern konnten.

In diesem Zusammenhang ging Pérez auf das Phänomen der “Massenpsychologie” ein, die davon ausgehe, dass eine Person die in eine soziale Gruppe eingebunden sei, die Kontrolle über sein eigenes Handeln aufgebe und wie die Mehrheit der Gruppe handele. Um die Massen zu überzeugen, müsse eine Geschichte konstruiert werden, die gleichzeitig einzigartig, leicht verständlich, emotional ansprechend, glaubhaft und aktuell ist. Als Beispiel nannte er den Fall einer Frau, die in einem ärmeren Stadtviertel eine staatliche Hilfe in Form eines Lebensmittelpakets zurückgewiesen hatte, da sie es nicht benötige und es einer bedürftigen Familie zukommen liess. Hier habe der Präsident nichts erfinden müssen, die Geschichte sei real. Solche inspirierenden Geschichten sprechen die Gefühle der Menschen an und regen zur Nachahmung an. Damit die Zuschauer den allabendlichen Auftrittr des Präsidenten mit Spannung erwarten, müsse diese bestimmte Voraussetzungen erfüllen: er müsse kostenlos sein, nützliche Informationen vermitteln, leicht zugänglich sein und alle Zuschauer gleichermassen ansprechen. Gemäss der von Maslow entworfenen Pyramide reagierten die Menschen gemäss ihrer Bedürfnisse, wobei zuerst die Befriedigung von Grundbedürfnissen im Vordergrund stehe; in dem Zusammenhang sei das “Storytelling” wichtig, solange es entsprechende Aktionen zur Folge habe.  Daher wenden sich sowohl Präsident Duque als auch die Bürgermeisterin von Bogotá, Claudia López in verschiedenen Medien und mit anderen Themen an die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Carlos Andrés Pérez erklärte, dass in den Märchen normalerweise immer ein Bösewicht, ein Held und ein angestrebtes Ziel vorkommen, genauso wie in der aktuellen Pandemie; ausserdem gebe es auch hier einen Anfang, einen Höhepunkt und einen Schluss der Geschichte. Ein weiteres Mittel um die Menschen zu bestimmten Aktionen zu bringen sei es eine ihrer sieben Grundemotionen anzusprechen, in diesem Fall die Angst vor einer Ansteckung.

Im Rahmen der abschliessenden Fragerunde ging Pérez auf den Fall des mexikanischen Präsidenten ein, der die Krise von Anfang an heruntergespielt hatte und erst zu spät entsprechende Massnahmen in seinem Land ergriffen hat. Dadurch habe er stark an Glaubhaftigkeit verloren, nachdem ihm sogar seine eigenen Minister öffentlich widersprochen haben und ihn zum Handeln auffordern mussten. Andere Präsidenten konnten wie gesagt Vorteile aus der Krise ziehen. Das zeige, dass wenn der Erzähler unglaubhaft werde, verliere seine Geschichte an Essenz und wenn der Anführer nicht führen könne, müssten andere die Führung übernehmen.

Auf totalitäre Regime angesprochen, nannte Pérez das Beispiel von Nord-Korea, wo die Geschichte der Familie des Präsidenten seit Generationen ihre Macht unterstützt und des venezolanischen Präsidenten Maduro, der momentan den Retter spiele, indem er in falscher Grosszügiugkeit Hilfen für andere Länder anbiete, während seine Landsleute Not litten.

Zum Abschluss dankte Carlos Andrés Pérez nochmals der Konrad-Adenauer-Stiftung und bot an, weitere Fragen per Chat zu beantworten. Ausserdem hatten die Zuschauer die Möglichkeit das Thema in einer virtuellen Ausgabe des Buches von Carlos Andrés Pérez zu vertiefen mit dem Titel “Cuéntame una historia y votaré” (Erzähle mir eine Geschichte und ich gehe wählen).

 

Ansprechpartner

Sylvia Gontermann Hawil

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