Veranstaltungsberichte

Unternehmen suchen Fachkräfte: Flüchtlinge willkommen!

von Eva Rindfleisch, Katharina Senge

Hauptstadtforum zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. 2014 haben mehr als 200.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Für 2015 erwartet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sogar 300.000 Anträge. Wie können wir diese Menschen schneller in den Arbeitsmarkt und dadurch auch in die Gesellschaft integrieren? Und welche migrationspolitischen Folgen hätte es, die beiden Zuwanderungskanäle für Flüchtlinge und Fachkräfte durchlässiger zu gestalten?

Situation auf dem Arbeitsmarkt schafft günstige Bedingungen

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt könnte für eine schnelle Arbeitsmarktintegration kaum besser sein: Mit derzeit 2,9 Millionen Arbeitslosen ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor historisch gering, in vielen Regionen herrscht Vollbeschäftigung und einige Branchen klagen seit Jahren über Probleme, offene Stellen und Ausbildungsplätze zu besetzen. Gleichzeitig hat in den vergangenen Jahren ein Paradigmenwechsel in der Asylpolitik stattgefunden, so Dr. Michael Griesbeck, Vizepräsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Während der Zugang zu Arbeit früher von einem erfolgreich durchlaufenen Asylverfahren abhing, können Asylbewerber jetzt nach drei Monaten im Land einen Job annehmen. Sie sollen auch während des Asylverfahrens zu ihrem Lebensunterhalt beitragen können und Kontakte zur Umgebung aufbauen. Während der ersten 15 Monate wird mit der Vorrangprüfung noch überprüft, ob kein Deutscher oder EU-Bürger für diesen Job zur Verfügung gestanden hätte.

Sprache: Erste Hürde für jede Arbeitsmarktintegration

Die beiden großen Hürden für die tatsächliche Integration in den Arbeitsmarkt seien dabei der Spracherwerb und die Feststellung der Kompetenzen, so Dr. Susanne Koch, Leiterin der Abteilung Beratung und Integration der Bundesagentur für Arbeit. Anerkannte Flüchtlinge haben Anspruch auf einen von der Bundesregierung finanzierten Deutschkurs. Während des Asylverfahrens ist das Angebot von Sprachkursen nicht systematisch geregelt: Länder, Kommunen, Unternehmen, Ehrenamtliche und die Bundesagentur für Arbeit bieten teilweise Sprachkurse an. So forderte Volker Beck, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, einen Rechtsanspruch auf die Teilnahme an Integrations- und Sprachkursen bereits während der Beantragung und Prüfung des Asylantrags. Selbst wenn der Asylantrag dann nicht genehmigt würde und die Menschen zurück in ihre Heimatländer gingen, sei der Erwerb der deutschen Sprache prinzipiell gut für die Menschen und unser Land.

Kompetenzen ohne Zertifikat: Auch ein Auftrag an die Unternehmen

Nicht zuletzt auf Grund der Syrienkrise bringen viele Flüchtlinge derzeit gute Qualifikationen mit, circa 10 bis 15 Prozent haben sogar einen Hochschulabschluss. Doch wir sollten nicht nur diejenigen mit tertiärem Abschluss in den Blick nehmen, so Koch. Die Bundesagentur hat kürzlich das Programm „Early Intervention“ aufgelegt. Es fördert die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen vom ersten Tag durch Sprachkurse und Kompetenzerhebung. Wo Dokumente nicht vorliegen, geschieht diese durch Arbeitserprobungen und Praktika in Unternehmen. Ob die Vermittlung in den Arbeitsmarkt dadurch schneller und besser gelingt, hängt auch von der Bereitschaft der Unternehmen ab. Und, so Koch weiter, man müsse sich darüber im Klaren sein, dass die Arbeitsvermittlung ihre Zeit brauche. Erfahrungen anderer Länder zeigten, dass im Schnitt mit 1,5 bis 2 Jahren gerechnet werden müsse, bevor ein Flüchtling selbständig für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann. Early Intervention richtet sich an Flüchtlinge, die auf Grund ihrer Ausbildung und ihres persönlichen Hintergrunds gute Aussichten auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben. Geringe Bildung, erlittene Traumata und das Einleben in die völlig neue Kultur können den Prozess jedoch erheblich verlängern, so der berechtigte Einwand eines Teilnehmers aus dem Publikum.

Mehr Transparenz und Planungssicherheit

Viele Unternehmen suchen derzeit händeringend nach Fachkräften und Auszubildenden. Der Wille, Flüchtlinge einzustellen, sei da, so Daniel Senf, Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschlands. Allerdings bedürfe es dafür größerer Transparenz: Das deutsche Asylrecht sei unübersichtlich und die Frage nach den richtigen Ansprechpartnern für Unternehmer oft unklar, so Senf. Auch bedürfe es mehr Planungssicherheit. So sei zum Beispiel die Ausbildung für Unternehmen mit Kosten verbunden. Es sollte deshalb klar geregelt werden, dass Geduldete nach einer Ausbildung noch eine bestimmte Zeit in Deutschland bleiben dürfen.

Migrationspolitik neu denken

In der schwierigen ersten Zeit werden in Sachsen-Anhalt die Flüchtlinge und die Unternehmen von ehrenamtlichen Mentoren unterstützt. Aber Holger Stahlknecht, Innenminister in Sachsen-Anhalt, will noch mehr: Eine moderne Migrationspolitik sei entscheidend für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Er könne sich deshalb auch vorstellen, den Wechsel zwischen verschiedenen Zuwanderungskanälen zu ermöglichen. Bereits heute sei es so, dass Landräte nach fünf bis sieben Jahren keine Abschiebung mehr vollzögen, so Stahlknecht. Wenn geltendes Recht nicht umgesetzt würde, müsse man über Anpassungen nachdenken.

Den Flüchtlingsschutz nicht unterlaufen

Derzeit sind Asyl- und Fachkräftemigration zwei getrennte Verfahren. Das Asylrecht garantiert Flüchtlingen Schutz vor Verfolgung, und zwar unabhängig von ihrer Qualifikation oder der Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die Botschaft an gut Ausgebildete dürfe bei allem Pragmatismus nicht sein, sich Schlepperbanden anzuvertrauen um als Flüchtling nach Europa zu kommen, so Griesbeck. Der Weg besteht in der besseren Information über die bereits bestehenden Möglichkeiten, als Arbeitskraft zuzuwandern.

Die aktuelle Situation bringt Chancen für Unternehmen, Flüchtlinge und die Gesellschaft. Um die Potentiale zu heben, braucht es eine gute Portion Pragmatismus, einfache Verfahren, klare Ansprechpartner und starke, unterstützende Strukturen. Gleichzeitig darf der Sinn des Flüchtlingsschutzes nicht unterlaufen und dadurch geschwächt werden.

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