Veranstaltungsberichte

Warum Wissen – Deutsche Sprache und Literatur in der europäischen Bildungsgesellschaft

von Birgit Schuhbeck

III. Fachtagung der Konrad-Adenauer-Stiftung für europäische Germanisten

„Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles, was man gelernt hat, vergisst.“ Was der Naturwissenschaftler Albert Einstein feststellte, sollte auch für die etwa 50 Geisteswissenschaftler, Germanisten aus 15 verschiedenen Ländern Europas gelten, die zur III. Europakonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 23. bis 25. September 2010 nach Berlin kamen. In einer Zeit, in der wir „immer mehr über immer weniger wissen“, stellt sich besonders für Germanisten als Vermittler von literarischer Bildung die Frage: „Warum Wissen“.

Für Günther Rüther (Leiter Begabtenförderung und Kultur der KAS) ist Wissen elementarer Bestandteil der Kultur. Die deutsche Literatur wiederum bietet eine gute Ausgangsposition, um Antworten auf die Frage nach Wissen und Bildung zu finden. So sind für diese Tagung über die deutsche Sprache und Literatur in der europäischen Bildungsgesellschaft“ auch die Fragen „Was wollen wir wissen?“ und „Was dürfen wir wissen?“ zentral.

Wissen und Kultur (Sektion I)

Jürgen Barkhoff (Trinity College Dublin) führte in die Tabuzonen von gefährlichem Wissen ein. Auf Kants provokante Frage nach der Ethik des Wissens folge die nach dem Handlungswissen: „Was kann ich tun?“. In heutiger Zeit jedoch sind Moralnormen schwerlich generalisierbar oder globalisierbar, eine Enttabuisierung der Grenzgebiete ist nicht mehr revidierbar, moderne Verschwörungstheorien reduzieren die Komplexität der Tatsachen.

„Literatur partizipiert an der Vermittlung von Wissen dadurch, dass sie es in ein anderes Medium, in eine andere Sprache übersetzt.“ So ist nach Friedhelm Marx (Universität Bamberg) Wissen je individuell vermittelt und weniger Erinnerung oder Speicherung, sondern einer Dynamisierung und Reflexion ausgesetzt. Was darf Literatur? Sprache diene einerseits als Ordnung, aber auch als Täuschung der Welt – Literatur hat somit immer „dunkle Stellen“. Mit den differenzierten Qualitäten von Literatur bildet sich eine Trias von „Information – Wissen – Bildung“ heraus, die sich, verbunden mit dem ästhetischen Potenzial und der Selbstreflexivität von Literatur, als Eckpfeiler für die Diskussion erweisen.

„Wie entsteht schließlich kulturelles Wissen?“ – darüber diskutierten Olaf Breidbach (Friedrich Schiller Universität Jena) und Wilhelm Voßkamp (Universität zu Köln) im bildungs- und kulturpolitischen Podium. Breidbach formuliert Wissen als immer kulturelles, historisch bestimmtes Wissen. Neues Wissen, reflektierte Information wird in einen vorhandenen Kontext integriert, wodurch sich Wissenspraktiken bilden. Auch Naturwissenschaften haben Bedarf an narrativen Strukturen – „die Gräben zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften sind nicht so groß“, so Voßkamp.

Wissens- und Informationsgesellschaft (Sektion II)

Neben den vielen einströmenden Theorien, die vor allem junge Wissenschaftler in die Literaturwissenschaft bringen (turns), steht die Germanistik vor einer weiteren Herausforderung, dem „Geist als Software. Die Computerintelligenz und der Rückzug aus der Verantwortung“, wie Bogdan Mirtschev (Universität Sofia) referierte. Besonderen Einfluss auf den Bildungsprozess hat der Generationenkonflikt der „digital natives“ und der „digital immigrants“ (Frank Schirrmacher). „Bei Studenten schlägt sich die Macht des Computers in Unstrukturiertheit nieder“, so Mirtschev. So müsse für eine wirkliche moralische Verantwortung des Denkens und für mehr emotionale Intelligenz plädiert werden.

„Bildungssysteme sind von Lesen und Schreiben geprägt – Bildung vollzieht sich immer medial“, beobachtete Ulrike Steierwald (Hochschule Darmstadt) und stellt so ein Spannungsverhältnis zwischen technischer Intelligenz und kulturellem Wissen fest. Wie verhält sich Literatur in einer Wissenskultur, die sich mit dem Internet stark verändert? Für die Trias „Information – Wissen – Bildung“ bedeutet das Internet einerseits Entlastung, andererseits geht aber der Blick fürs Detail verloren – wie wirkt sich das wiederum auf Strukturen aus?

Mit diesen „Chancen und Risiken der (Literatur-) Wissenschaft im Netz“ setzte sich Stefan Neuhaus (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck) auseinander: „Wer bestimmt, was wir wissen?“ Das Netz bietet einerseits scheinbar unbegrenzte Recherchemöglichkeiten, ist andererseits aber auch Medium zur Schöpfung ganz neuer Literatur und Avantgarde-Bewegungen. Es handelt sich somit um einen Prozess der Ausdifferenzierung und nicht der Verdrängung.

Die Aktualität der Bildung in Deutschland und Europa (Sektion III)

Bildung durch Literatur, Literatur als Träger von kulturellem Wissen, Sprache als Zugang zu Wissen – das sind Erwartungen der Auslandsgermanistik, von Lehrenden wie Studenten. Mit der Frage „Was sollen wir lesen?“ setzte sich Aldomado Alemán (Universität Sevilla) im Blick auf die spanische Germanistik auseinander. Der Kanon als historisches Phänomen verändert sich ständig, soll er Vorbild in politischen wie historischen Interessen sein als auch auf Bedürfnisse antworten.

Literatur erzeugt kollektive Identität, indem sie individuelle Erinnerungen in kulturelles Wissen aufnimmt und so vermitteln kann. Nach Anthonya Visser (Universität Leiden) wirken vor allem komplexe Prozesse der Verbildlichung und Symbole an der Erzeugung von kollektivem kulturellem Wissen mit.

Wahrheit, Wissen und Erzählen

Die Schriftstellerin Petra Morsbach (Literaturpreisträgerin der KAS 2007), die von Vahidin Preljevic (Universität Sarajewo) als Vertreterin einer „Poetik der Wahrhaftigkeit“ eingeführt wurde, gab aus der Sicht der „anderen Seite“ in einer Akademie-Lesung Aufschluss über das Wahrheitspotenzial der Sprache. Literarisches Erzählen ist schöpferisches Alltagserzählen, wobei das Erzählen selbst Erkenntnisvorgang ist: „Wer erzählt, sagt mehr, als er glaubt“, so das Fazit aus Morsbachs poetologischem Essay „Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens“ (2006).

„Literatur weiß vieles über Liebe und Tod und weiß vieles nicht.“ Wie sich Literatur Wissen aneignet und Bildung vermittelt, zeigte Gerhard Lauers (Universität Göttingen) Abschlussvortrag am Beispiel Goethe und Indien. Mit der Aneignung des Fremden in das eigene Wissen geschieht das, was man ureigen Bildung nennen kann: Sich Einüben im Sich-Bilden.

Was können wir wissen?

In einem Abschlusspodium diskutierten vier Studenten europäischer Universitäten über theoretische und praktische Aspekte von Bildung, Wissen und Literatur. Dabei wurde deutlich, dass sich die Studienbedingungen, Einstellungen der Studenten und ihre Erfolge im Umgang mit der deutschen Literatur im europäischen Ländervergleich außerordentlich disparat darstellen. Besonders bedeutend ist bei der Wissensaneignung und der literarischen Bildung eines: Die Faszination und Begeisterung vom Gegenstand, der deutschen Literatur.

Abschließend fragte Michael Braun (Leiter Referat Literatur der KAS): „Warum muss es sich lohnen, deutsche Literatur zu lesen? Was wissen wir vom Wissen? Was wissen wir von der Bildung?“ – Darauf hat die Tagung mit ihren zukunftsweisenden Diskussionsergebnissen selbst geantwortet.

Birgit Schuhbeck promoviert an der LMU München und ist Promotionsstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Referent Literatur

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

Bestellinformationen

erscheinungsort

Sankt Augustin Deutschland