Einzeltitel

„Botschafterin der Versöhnung“

von Michael Braun
Zum 100. Geburtstag von Hilde Domin (1909-2006)
„nicht müde werden, / sondern dem Wunder / leise wie einem Vogel / die Hand hinhalten“: diese Verse widmete Hilde Domin 1992 Bernhard Vogel, dem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung. Drei Jahre später, als sie mit dem Literaturpreis der Stiftung geehrt wurde, bescheinigte ihr der Laudator Marcel Reich-Ranicki, eine Dichterin von „enormer Klarheit, enormer Entschiedenheit und enormer Unabhängigkeit“ zu sein.

Mit ihren Gedichten hat die am 27. Juli 1909 in Köln geborene Hilde Domin bis kurz vor ihrem Tod am 22. Februar 2006 in Heidelberg ein wachsendes, zumal jüngeres Publikum angezogen. Ihre vielfach ausgezeichnete Lyrik ist in 22 Sprachen übersetzt, in Anthologien und Schullesebüchern aufgenommen worden. Der international erfolgreiche Dokumentarfilm von Anna Ditges „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“ (2007) liefert ein „bewegendes Porträt der streitbaren Dichterin“, wie die F.A.Z. schreibt. Zum 100. Geburtstag erscheinen im Sommer 2009 – aus dem Domin-Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach – die Ehebriefe und eine Neuausgabe der „Sämtlichen Gedichte“. Sie werfen ein neues Licht auf Hilde Domins Biographie und auf ihren beschwerlichen Weg zum literarischen Erfolg.

Ein merkwürdiges Glück im Unglück hat Domins Jahrhundertleben geprägt. Ihre Kindheit gehört zu denen, die man bürgerlich behütet nennen kann. Früh nimmt sie Maß am Idealismus ihres Vaters, eines jüdischen Rechtsanwalts. In jenen Jahren war Hilde Löwenstein Studentin der Rechtswissenschaft, dann der Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie in Köln, Heidelberg und Berlin.

Längst nicht alle haben Anfang der 1930er Jahre die Zeichen des kommenden Terrors so wachsam registriert wie sie. Ihre Lehrer Karl Mannheim und Karl Jaspers schalten sie zunächst eine Kassandra. Nach dem Sieg der Nationalsozialisten bei den Reichtagswahlen im Juli 1932 flüchtete sie mit dem Archäologen und Philologen Erwin Walter Palm, den sie 1936 heiratete, nach Italien. Ein „Exil auf Probe“ begann, ohne Rückhalt, zusehends auf der Flucht und häufig getrennt von Palm, der für seine Forschungen in Italien umherreiste. Domin kommt sich bisweilen vor „wie eine Italienerin“, sie arbeitet viel für ihren Mann, der auch poetische Ambitionen hat. Von seiner dichterischen Berufung ist sie überzeugt, beklagt sich aber im Brief vom 12.11.1937 über das wachsende Gefühl des „Zerissenen(n), Gehetzte(n), Unnütze(n)“. Die politischen Umstände tauchen zunächst in Domins italienischen Briefen nicht auf, nur einmal (Brief vom 19.11.1937) erscheint die „Kriegsangst“ drohend am Horizont.

Als nach Hitlers Rombesuch im Mai 1938 jüdische Emigranten verhaftet und deportiert wurden, floh Hilde Domin mit ihrem Mann nach Sizilien, im Folgejahr nach Südengland. Doch auch hier drohten Internierung und Auslieferung, wie man in Norbert Gstreins Roman „Die englischen Jahre“ (1999) nachlesen kann.

Am 25. Juni 1940, nach dem Fall von Paris, stieg sie auf ein Flüchtlingsschiff in die Neue Welt. Mit dem gleichen Dampfer fuhr auch Stefan Zweig, aber in der höheren Passagierklasse. Die Dominikanische Republik, wo am 6. August 1940 ihre Odyssee um den halben Erdball endete, war alles andere als ein exotisches Paradies. Der Diktator Trujillo, ein „furchterregender Lebensretter“, nahm die europäischen Emigranten auf, verbot und verfolgte aber jedes kritische Wort.

Hilde Domin ging nicht als Dichterin ins Exil, aber sie wurde im Exil zur Dichterin. In einer existenziellen Krise, nach dem Tod der Mutter (1951), entdeckte sie die Poesie der deutschen Muttersprache. Das Schreiben von Gedichten half ihr zu überleben. Eine Hommage an den Exilort besiegelte ihren „Berufungsnamen“ Domin: „Ich nannte mich / ich selber rief mich / mit dem Namen einer Insel / gerade als ich an Land ging“.

Der Zauber dieses dichterischen Neubeginns schwindet jedoch bei der Lektüre der Briefe, die Hilde Domin seit den 1940er Jahren an Erwin Walter Palm gerichtet hat. Seine häufige Abwesenheit, zunächst als Universitätsdozent, nach 1945 als Vortragsreisender im Ausland, eine sich zuspitzende Ehekrise, ihr großer, aber unerfüllter Kinderwunsch machen Domin die „Inselkäfigexistenz“ schier unerträglich, die sie in ihrem traurigen Geburtstagsgedicht vom 27.8.1949 beschreibt: „Die Inselkäfigexistenz – ich wünsche ihr die Pestilenz“. Es ist ihr erstes Gedicht.

Zudem muss sie sich mit diesen eigenen Gedichten gegen die poetischen Ambitionen ihres Mannes behaupten. Umgekehrt hat Palm kaum Verständnis für ihre Gedichte. „Jedes Achselzucken von Dir / jeder halbe Blick / verdünnt mir das Herzblut“, heißt es in einem der nachgelassenen Gedichte. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie nicht ihren Mann, sondern „Nur eine Rose als Stütze“. Die Ehe zu einem Rosenkrieg zu stilisieren, wie es in der datengesättigten neuen Domin-Biographie von Marion Tauschwitz geschieht, ist aber zumindest einseitig.

Mit dem ersten Lyrikband „Nur eine Rose als Stütze“ (1959) vermochte Hilde Domin die literarische Welt sofort zu überzeugen. Sie ist als Botschafterin der Versöhnung nach Deutschland zurückgekehrt, schätzt die großen Leistungen der Adenauer-Ära, das Grundgesetz, die Westbindung, den deutsch-israelischen Dialog. Doch das wiedergewonnene Vertrauen zu der Muttersprache, die auch die Sprache der nationalsozialistischen Mörder war, kann Krieg und Verfolgung, Exil und Holocaust nie vergessen machen. „Hilde Domin redet sowohl über brennende Nächte wie über Rosen. Die Exilantin, die alle Gegenstände der eingerichteten Welt hinter sich gelassen hat, richtet sich ein im Bereich der Phantasie“, sagt Ruth Klüger im Nachwort zu den „Sämtlichen Gedichten“. Es ist ein sehr selbstbewusstes Einrichten im modernen Museum der Poesie: „Im übrigen“, schreibt Domin am 11.3.1959 aus Astano, nach einem Morgentee „bei Hesse“, „finde ich mich, nach der Selbstanalyse, erstaunlich modern.“

Hilde Domins Gedichte sind nach eigenen Worten „magische Gebrauchsartikel“, die eine mitmenschliche Seite im Leser ansprechen, „Depeschen aus der Agentur der praktischen Vernunft“ (Iso Camartin). In den politisch bewegten späten 1960er Jahren entzogen sich ihre unbotmäßigen Verse der Politisierung, indem sie an die Freiheit des Wortes und an ein Engagement aus Brüderlichkeit appellierten. Zu Hilde Domins Devise einer „Humanität bei Lebzeiten“ gehört das Recht eines jeden auf eine zweite Chance: „Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen“. Dieses Gedicht, ihr letztes Wort in den „Gesammelten Gedichten“ (1987), hat sie auf ihren vielbesuchten Lesungen stets gelesen, wie alle anderen Gedichte zweimal: zum Merken.

Hilde Domin war eine souveräne Interpretin und eine virtuose Essayistin. Die Anthologie „Doppelinterpretationen“ (1966), die zeitgenössische Gedichte von zwei Seiten aus, vom Autor selbst und von einem Fremdinterpreten, in die Zange nimmt und bei der Entstehung immense Telefonkosten verschlungen hat, wurde zum Schulbuchklassiker. Ihre Streitschrift wider die wohlfeilen Todeserklärungen der Literatur, „Wozu Lyrik heute“ (1968), ist ein bedeutender Beitrag zur Dichtungstheorie. Weniger Erfolg hatte der einzige größere Prosaversuch, der bereits um 1960 entstandene autobiografische Rückkehrroman „Das zweite Paradies“ (1968), in dem Zeitkritik und mythologische Deutung der Remigrationserfahrung eine merkwürdige Mischung eingehen.

Hilde Domins Lieblingsvokabel war die Hoffnung. Wie Sisyphus, eine ihrer lyrischen Leitfiguren, hat sie die Lebens- und Schreiblasten immer wieder auf sich genommen und mit „nie ermüdendem Atem“ dazu aufgefordert, den Stein „bergaufwärts“ zu rollen. Auch und gerade wenn es ein Stein des Anstoßes ist. Die Freiheit des Dichters ist sein wahrhaftiges Wort: „Dies ist unsere Freiheit / die richtigen Namen nennend / furchtlos / mit der kleinen Stimme“.

Leseempfehlungen

  • Hilde Domin: Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959. Hrsg. von Jan Bürger und Frank Druffner. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag, 2009. 240 S., geb., 19,90 EURO.
  • Hilde Domin: Sämtliche Gedichte. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Hrsg. von Nikola Herweg. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag, 2009. 496 S., geb., 16,00 EURO.
  • Marion Tauschwitz: Dass ich sein kann, wie ich bin. Hilde Domin: Die Biografie. Heidelberg: Palmyra Verlag, 2009. 500 S.
  • Unerhört nah. Begegnungen mit Hilde Domin. Hrsg. von Marion Tauschwitz. Heidelberg: Kurpfälzischer Verlag, 2009.
  • Anna Ditges: Ich will dich. Begegnungen mit Hilde Domin. Dokumentarfilm Deutschland 2007.