Einzeltitel

Botschafter zwischen alter und neuer Welt

von Michael Braun

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2003 an Patrick Roth

Den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhält 2003 der Schriftsteller Patrick Roth. Ausgezeichnet werden damit seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen und besonders seine Christus-Trilogie.

Patrick Roth erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2003. Ausgezeichnet werden damit, so die Jury-Vorsitzende Prof. Dr. Birgit Lermen, seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen (Ins Tal der Schatten, 2002) und vor allem die Christus-Trilogie (1991-1996), die nicht nach dem Muster traditioneller christlicher Dichtung, sondern auf eine in allen Aspekten moderne Weise von der Aktualität biblischer Themen in unserer säkularisierten Welt erzählt. Bestens vertraut mit der amerikanischen Medienkultur und der europäischen Wertetradition, ist der 1953 in Freiburg geborene, heute in Los Angeles lebende Autor ein „Botschafter zwischen alter und neuer Welt“.

Patrick Roth zog es 1975 – nachdem er Sprach- und Filmstudien in Paris betrieben und ein Studium der Anglistik, Romanistik, Germanistik an der Universität Freiburg begonnen hatte – als DAAD-Stipendiat nach Los Angeles, wo er an der University of Southern California seine Anglistik- und Filmstudien fortsetzte und als Regisseur und Drehbuchautor an verschiedenen Filmprojekten mitwirkte. Heute lebt er im Norden der Stadt, in Sherman Oaks, unweit von Hollywood, von dessen Mythen und Geschichten Roths Frankfurter Poetik-Vorlesungen auf faszinierende Weise zu erzählen wissen. Wer hätte beispielsweise gedacht, daß „Hollywood“ weniger mit den aus England importierten Stechpalmen („holly trees“) zu tun hat, die in der kalifornischen Sonne zunächst kläglich eingingen, sondern daß es eine andere, ungleich interessantere mündliche Überlieferung gibt. Der Name, so erfuhr Patrick Roth von einem alten Bekannten, geht auf die Geschichte einer Liebesromanze zurück, auf die Wiederfindung eines Verlorenen. Die Namenspatronin Hollywoods, die Methodistin Daeida Wilcox, hatte 1886 auf einem Photo, das einen Mann auf einem verwilderten Grundstück mit der Widmung „my Hollywood“ zeigte, ihre Jugendliebe wiederentdeckt und sogleich beschlossen, diese Liebe wieder wachzurufen. Auf ihren Wunsch hin wurde jenes Gelände im Cahuenga Valley, auf dem später die Traumfabriken entstanden, „Hollywood“ genannt.

Bekannt wurde Patrick Roth in den neunziger Jahren durch seine Christus-Trilogie mit ihrer effektvollen Inszenierung menschlicher und göttlicher Rätsel. Jenseits von Esoterik und Dogmatik, fokussieren die drei Werke ein Zentralthema der Bibel: Tod und Auferstehung. Der erste Band, die Christus-Novelle Riverside (1991), rekonstruiert eine in der Zeit nach Jesu Tod spielende Heilungsgeschichte: Ein Aussätziger wird rein, indem er die Grenzen seines Ichs in einer Begegnung mit dem „Knechtsgott“ zu überschreiten lernt. In dem Roman Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten (1993) erfolgt ein Zeitsprung in die amerikanische Gegenwart. Der Titelheld versucht, Jesu Weisung beim Worte nehmend, am offenen Grab Tote ins Leben zurückzuholen. Das Schlußstück der Trilogie, der Roman Corpus Christi (1996), führt wiederum an den Beginn christlicher Zeitrechnung zurück, an den ersten Ostersonntag. Mit dem ungläubigen Thomas, der nach handfesten Beweisen für die Auferstehung seines Herrn verlangt, steht ein Prototyp des modernen Menschen auf dem Prüfstand. Thomas will sehen, damit er glauben kann. Dieses Credo ist hineingesprochen in unser visuelles Zeitalter, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität so verschwommen sind, daß man Glauben und Wissen nur noch schwer unterscheiden kann.

Dichtung als Expedition in den dunklen Kontinent unserer Seele, als Archäologie des Mysteriums von Mensch und Gott: So läßt sich die Poetik des Autors beschreiben. Es versteht sich von selbst, daß derlei mit aufgeklärtem Psychologisieren ebensowenig zu tun hat wie mit esoterischem Geraune. Roths Erzählungen wollen buchstäblich irremachen am säkularisierten Bewußtsein von der Machbarkeit der Dinge. Sie wollen den vordergründigen Schein menschlicher Selbstherrlichkeit durchbrechen. Sein „mythographisches Schreiben“ (Hans-Rüdiger Schwab), das sich auf die Suche nach den narrativen Ursprüngen des Christentums begibt, erweitert den Horizont des neuzeitlichen Wirklichkeitsbegriffs und schärft die Sinne für die existentiellen Fragen des Menschen.

Überhaupt ist die Bibel ein Schlüssel zu Patrick Roths Werk. Er teilt nicht die Bibelskepsis der literarischen Moderne, die Gott für ein „schlechtes Stilprinzip“ (Benn) hält. Wenn er biblische Figuren mit ihrem Hader und mit ihrer Hoffnung in die Welt von heute hineinstellt, schwebt ihm keine wie auch immer geartete Botschaft vor, die predigend oder moralisierend zu verkünden wäre. Für Roth als Schriftsteller gilt, was er der ersten Frankfurter Poetik-Vorlesung sagt: „Schreiben ist Totensuche. Im Autor, im Leser, wenn er zur Mitsuche verführt wird, wenn der Mut des Autors im Geist des Erzählten auf ihn übergeht. Schreiben ist Totenerweckung.“ Es geht um nicht mehr und nicht weniger als den Versuch, den „apokalyptischen Prozeß des Untergangs und neuen Aufgangs“ in epischen Bildsequenzen zu erfassen und in diesen Bildern – durch sie hindurch – den Dialog mit der totgeglaubten Seele wieder aufzunehmen, ihn bewußt zu machen und im Alltag zu „realisieren“.

„Das Lebende steht im Toten, das Tote im Lebenden, ineinander und nebeneinander“: Kaum ein zeitgenössischer Erzähler hat das Memento mori unserer Zeit – und den darin enthaltenen Aufruf zur Individuation – so eindrücklich und so nachhaltig beschrieben. Sei es in der Christus-Trilogie oder in der jüngsten Sammlung deutsch-amerikanischer Erzählungen (Die Nacht der Zeitlosen, 2001), die das Erdbeben vom 17. Januar 1994 zum Ausgang nehmen, um von viel tiefer reichenden persönlichen und politischen Katastrophen des zu Ende gehenden Jahrhunderts zu erzählen – immer ist Schreiben für Patrick Roth ein Erweckungserlebnis der besonderen Art, eine Spurensuche in Bibel und Mythos, Literatur und Tiefenpsychologie.

Die Synthese gelingt in der Sprache, die an der Bibel geschult und doch sehr modern ist, die sich des platonischen Dialogs ebenso souverän bedient wie des psychoanalytischen Gesprächs und die dem Genre der apokryphen Bibellegende mit Mitteln filmischer Suspense-Technik neue Reize abzugewinnen vermag. Patrick Roth ist ein mit detektivischer Freude am Detail erzählender Autor, dessen Spannungsbögen – wie eine Kritikerin schrieb – Peitschen gleichen: „Sie jagen das Erzählen voran“. Patrick Roth schreibt mit den Augen eines Cineasten: „I have to be able to see what I write“.

Das trifft auch für Patrick Roths autobiographisch grundierte Erzählung Meine Reise zu Chaplin (1997) zu, eine cineastische Erweckungsgeschichte. Am Neujahrstag des Jahres 1976 macht sich der Erzähler auf den Weg ins schweizerische Vevey, um das Unmögliche möglich zu machen: einen Besuch bei dem großen Filmemacher und Schauspieler Chaplin. Es geht diesmal um einen – dem Chaplin-Film City Lights (1930) entlehnten – schlagartig belichteten Moment des Wiedererkennens, in dem Patrick Roth das Sichtbare im Unsichtbaren zu beschreiben versteht, eine Stunde der wahren Empfindung.

Der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung wird am 22. Juni 2003 in Weimar verliehen. Die Laudatio hält Prof. Dr. Ruprecht Wimmer, Präsident der Katholischen Universität Eichstätt und Präsident der Thomas-Mann-Gesellschaft.

Über diese Reihe

Sammlung aller Einzelpublikationen, welcher keiner spezifischen Publikationsreihe angehören.

Bestellinformationen

Herausgeber

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

erscheinungsort

Sankt Augustin Deutschland