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Helden des Alltags – Wie Zusammenhalt wächst

von Joachim Klose

Ein Namensbeitrag von Joachim Klose anlässlich des 9. Demokratie-Kongresses am 22.11.18 in Dresden

Die Helden der Demokratie sind jene, die sich um das Gemeinwohl und den Nächsten sorgen und Verantwortung übernehmen an den Stellen, in die sie ungefragt hineingestellt worden sind. Es sind zum Beispiel jene Sachsen, die Lehrerin, Krankenschwester oder der Polizist, die ihren Ort nicht verlassen und ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Die Demokratie lebt von ihrem Engagement, ihrer Mitwirkung und dem gemeinsamen Dialog.

Eines der beliebtesten Märchen der Weihnachtszeit ist Charles Dickens´ Weihnachtsgeschichte, die vom zynischen Geizhals und Weihnachtshasser Scrooge handelt. „Weihnachten ist Humbug“, grollt Scrooge und schließt sich am 24. Dezember in sein Büro ein, um Geld zu zählen. Für ihn ist das Fest nichts weiter als eine einzige Verschwendung von Zeit und Geld. Da erscheint ihm eines Nachts der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley. Dieser will ihn vor einem schrecklichen Schicksal bewahren und mithilfe dreier Geister zu einem besseren Menschen machen.

In der Stadt Dresden hat die alljährlich stattfindende Aufführungsserie des Schauspielhauses mittlerweile Kultstatus erlangt, scheinen sich doch die Geister der Weihnacht im Palais im Großen Garten direkt von den verwitterten Wänden des barocken Prachtbaus zu lösen. Die Popularität des Stücks hat auch etwas mit einer Gesellschaft zu tun, die sich verändert hat. Einst kollektivistisch und egalitär ist sie heute freier, individueller und schöner geworden. Junge Menschen suchen ihr Glück in der weiten Welt, andere sind neu dazugekommen. Aber nicht alle können die Chancen, die ihnen unsere Demokratie bietet, in gleicher Weise nutzen. So wird allzu leicht vergessen, was gemeinsam geleistet worden ist und dass die blühenden Landschaften vielerorts Wirklichkeit geworden sind. Denn wenn es einem gut geht, geraten Einzelschicksale schnell aus dem Blick. Schon in der Bibel im Buch Genesis fragte Gott nach dem Brudermord Kain, wo sein Bruder Abel ist. Kain fragte zurück, ob er denn der Hüter seines Bruders sei? Er weigerte sich zu sagen, was Gott bereits wusste, dass er Abels Blut vergossen hat. Sind wir für einander verantwortlich oder ist jeder nur sich selbst der Nächste?

“United we stand, divided we fall”, heißt es im Liberty Song der US-amerikanischen Befreiungskriege. Das gilt bis heute und ist aktueller als je zuvor. Nur gemeinsam sind wir stark! Bei nationalen Katastrophen wie dem Hurrikan Katrina oder den gegenwärtigen Waldbränden in Kalifornien durchzieht eine Welle der Hilfsbereitschaft die Vereinigten Staaten. Viele tun mit und versuchen, den anderen zu helfen, um gemeinsam die Krise zu bewältigen. Vollkommen überraschend war für die Sachsen, dass auch bei den Elbehochwassern 2002 und 2013, unabhängig vom Alter und sozialen Stand, Männern und Frauen gemeinsam Sandsäcke befüllten und auf einmal ein Gemeinsinn sichtbar wurde, von dem man glaubte, dass es ihn nicht gäbe. Gesellschaften brauchen Zusammenhalt, um aktuelle Herausforderungen und die Zukunft zu meistern. Aber wie wird dieser hergestellt, welche Voraussetzungen sind notwendig?

Zwei Aspekte beeindruckten den Philosophen William James, der 1906 das große Erdbeben in San Francisco erlebte: die schnelle Wiederherstellung der Ordnung und der Gleichmut und Altruismus der Menschen. Beide Aspekte werden nicht nur in Krisensituationen für die Gestaltung der Gesellschaft benötigt. Um sie dauerhaft zu etablieren, bedarf es starker Netzwerke, gegenseitiger Zuneigung und Wertschätzung, mutiges Handeln und den Willen, gemeinsame Aufgaben zu bewältigen.

Aufgaben gibt es in unserer Gesellschaft viele, wie Fragen der Pflege im Alter, des Lehrernachwuchs oder die Integration von Zuwanderern zeigen. Aber gibt es auch einen Gemeinsinn und sind wir durch Wertschätzung einander verbunden? Statt sozialer Kohäsion ist doch eher ein Auseinanderdriften der Gesellschaft zu beobachten. Das zeigt sich an rechten und linken Radikalisierungen, der zunehmenden Eskalation von Ereignissen, der Verrohung der Sprache – lassen sich Hetzjagden, Pogrome und Hass im Herzen noch steigern? – oder an gegenseitigen Sündenbockprojektionen. Nicht die Suche nach besten Lösungen scheint derzeit das gemeinsame Handeln in der Bundesrepublik zu prägen, sondern ideologische Haltungen, gegenseitige Ablehnung, Protest und Rückzug aus gesellschaftlichen Diskursen. Viele Bürger in den östlichen Bundesländern sind mit der Demokratie auch unzufrieden, weil sie scheinbar zu lange benötigt, um auf aktuelle Probleme zu reagieren. Aber zur Demokratie gehören der Streit, die Auseinandersetzung und Suche nach besten Lösungen, und das benötigt Zeit. Hinzukommt, dass die Gesellschaft auch in anderer Hinsicht auseinanderdriftet: Einkommensunterschiede werden größer und Regionen überaltern. Wenn die Jungen weggehen, stellen sich die Alten die Frage nach dem Sinn ihrer Lebensleistung. Altersarmut wird dann in doppelter Hinsicht zum Problem, in finanzieller und menschlicher.

In Katastrophen, so schlimm sie auch sind, sorgen sich Menschen plötzlich nicht nur um sich selbst, sondern auch für jene, die um sie herum sind, um Freunde, Nachbarn und Fremde. Das Vorurteil vom selbstsüchtigen Egoisten bekommt dann auf einmal Risse, denn es wird das soziale Band sichtbar, das uns zusammenhält. Gesellschaftliche Stresssituationen bergen so auch eine Chance, weil Menschen auf einmal so sein können, wie sie hoffen zu sein, weil sie Arbeiten verrichten, die sie wünschen zu machen, und weil sie sich vor allem umeinander sorgen.

Kommen diese Erfahrungen in den Sozialstrukturen unserer modernen Gesellschaften zu wenig zum Tragen? Wie können Bürgerinnen und Bürger zur Mitwirkung motiviert werden? Mangel erzeugt zwar Kreativität, die zu dessen Bewältigung führt, aber Demokratien können nicht künstlich Mangel erzeugen, damit sich der Einzelne beteiligt. Oder haben wir nur verlernt, genau hinzuschauen? Die Helden der Demokratie sind jene, die sich um das Gemeinwohl und den Nächsten sorgen und Verantwortung übernehmen an den Stellen, in die sie ungefragt hineingestellt worden sind. Es sind zum Beispiel jene Sachsen, die Lehrerin, Krankenschwester oder der Polizist, die ihren Ort nicht verlassen und ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Die Demokratie lebt von ihrem Engagement, ihrer Mitwirkung und dem gemeinsamen Dialog.

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