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Naheliegend, aber eine Überraschung

Lesung von KAS und Institut Français: Andreas Maier liest aus seiner Heimat-Saga

An einem der ersten nasskalten Novemberabende des Jahres erscheint der Veranstaltungssaal des Bonner Institut Français (RSIB) besonders gemütlich. Die heimelige Stimmung passt zum Motto der Lesung: „Wie viel Heimat braucht die Literatur?“

So fragen die Franzosen in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) nach einem Begriff, der sich in ihre Sprache nicht übersetzen lässt. „Im Französischen gibt es kein Wort für Heimat“, erklärt Institutsleiterin Dr. Françoise Rétif. Doch die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich sei schließlich eine Herzensangelegenheit der Einrichtung, sagt sie weiter: Auch insofern ist das Thema also geschickt gewählt.

Vor allem hätten RSIB und KAS kaum einen passenderen Hauptakteur für die gemeinsame Lesung finden können: Andreas Maier ist nicht nur ein Autor der ironischen Heimatkunde par excellence. Zudem hat der 46-Jährige erst zu Beginn dieses Jahres den Deutsch-Französischen Literaturpreis „Franz-Hessel-Preis“ erhalten. Und wo er von seiner hessischen Heimat erzählt, ist dieses Motiv kein Selbstzweck, sondern schlägt eine Brücke zum Anderen. Besonders unterhaltsam präsentiert er das Städtchen Friedberg und seine Bewohner in der Familiensaga mit dem Arbeitstitel „Ortsumgehung“. Auf elf Bände ist die Reihe angelegt, drei liegen bislang vor: „Das Zimmer“, „Das Haus“ und „Die Straße“. Aus den beiden neuesten Werken liest Andreas Maier im Institut Français.

Die bunte Schar der Zuhörer – Studenten sind ebenso darunter wie weißhaarige Damen – folgt Maier mal konzentriert, mal amüsiert, stets gespannt, wohin die Stimmung der ausgewählten Auszüge als nächstes umschlägt. Manche Erfahrungen schildert der Ich-Erzähler Andreas mit beinah analytischer Distanz, aufgebrochen durch den Gebrauch poetischer Formulierungen, etwa wenn das Plätschern des Flusses der Figur zum „Lebensgeräusch“ wird. Ernste Szenen stehen neben groteskem Humor: So beklemmend die Verzweiflung des Kindes Andreas wirkt, wenn die Mutter ihn das erste Mal im Kindergarten zurücklässt, so herrlich komisch überhöht der Teenager Andreas die väterliche Aufsicht über die ersten Rendezvous der älteren Schwester.

Maier liest lebendig und prononciert; klopft seinem Erzähler-Ich jemand auf die Brust, berührt er selbst diese Stelle. Die Sprache seiner Romane scheint zu fließen, wie die Erinnerung fließt, so beschreibt Professor Michael Braun den Eindruck der Leser und Zuhörer. Gemeinsam mit Françoise Rétif moderiert der Leiter des KAS-Literaturreferats die anschließende Diskussion. Im Gespräch wählt Andreas Maier seine Worte mit Bedacht, formuliert häufig neu – und im Publikum wird es mucksmäuschenstill, denn auf die Nuancen kommt es an. So bricht der Romancier, der immer wieder als Heimatdichter bezeichnet wird, den Begriff der Heimatdichtung auf: Etwa jemand, der aus Paderborn oder Osnabrück nach Berlin gezogen sei und nun ständig von der Hauptstadt schwärme, betreibe seiner Ansicht nach das Gegenteil von Heimatdichtung. Doch was sei dann das Gegenteil von Heimat? Fremde? Lebe der Wahl-Berliner also in der Fremde? „Das sagen Sie dem mal“, beschließt Maier seine Reflektion augenzwinkernd.

So kritisch Maier derartige Genre-Zuschreibungen behandelt, so offen gibt er Einblick in seine Arbeitsweise. Als „eruptiv“ beschreibt er seine Produktivität: „Wenn ich einmal drin bin, dann kann ich überall schreiben – manchmal 40, 50 Seiten am Stück.“ Der Feinschliff an dem, was ihm in diesen Phasen aus der Feder geflossen ist, sei für ihn die eigentliche Arbeit. Die Heimat als Ur-Thema seiner Romane habe jedoch nie in Frage gestanden: „Worüber sollte ich denn sonst schreiben? Und könnte ich noch in den Spiegel schauen, wenn ich über etwas schreibe, das ich gar nicht kenne?“

Der Abend endet mit einem Ausblick auf den kommenden Band, „Der Ort“. Erzähler Andreas wird dann 17 Jahre alt sein und sich auf einem Spaziergang an die zwei, drei Jahre vollkommener jugendlicher Unbeschwertheit erinnern, die er soeben erlebt hat. „Ich weiß aber noch nicht, ob ich das so will“, schränkt Andreas Maier ein. Zwar habe er schon die Hälfte des Buchs geschrieben, vielleicht würde er aber auch alles noch einmal verändern. „Ich weiß überhaupt nicht, was in den nächsten Bänden drinsteht“, erklärt er, „denn ich kann nur das aufschreiben, was mich selbst überrascht.“

Die Autorin Paula Konersmann ist Altstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie war ERASMUS-Stipendiatin an der Sorbonne IV, Paris, und arbeitet derzeit als Redakteurin bei der dreipunktdrei Mediengesellschaft.

Contact

Prof. Dr. Michael Braun

Prof. Dr

Policy Advisor Literature

michael.braun@kas.de +49 30 26996-2544

About this series

The Konrad-Adenauer-Stiftung, its educational institutions, centres and foreign offices, offer several thousand events on various subjects each year. We provide up to date and exclusive reports on selected conferences, events and symposia at www.kas.de. In addition to a summary of the contents, you can also find additional material such as pictures, speeches, videos or audio clips.

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Bonn Deutschland