Länderberichte

Ost-Timor: Eine Bestandsaufnahme nach zweieinhalb Jahren Unabhängigkeit

Auch nach zweieinhalb Jahren Unabhängigkeit sind Ost-Timors Fortschritte auf dem Weg zu einem funktionierenden und lebensfähigen Staatswesen insgesamt gering. So läßt der wirtschaftliche Aufschwung weiterhin auf sich warten.

Bei einer Arbeitslosenquote von rund 50% und einem im wesentlichen durch internationale Geber finanzierten Staatshaushalt ist dies jedoch eine unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung des jungen Landes. Die erwarteten Einnahmen aus der Förderung von Gas und Öl in der Timor-See könnten hier Abhilfe schaffen. Voraussetzung ist jedoch eine zielgerichtete Verwendung dieser zusätzlichen Finanzmittel. Vor allem der Bildungs- und Gesundheitssektor bedürfen dringender Verbesserungen.

Weiterhin unklar ist, wie sich die Verhandlungen über den Grenzverlauf zwischen Australien und Ost-Timor in der Timor-See entwickeln werden. Australien pocht auf den See-Grenzverlauf, den das Land noch vor der Unabhängigkeit Ost-Timors mit dessen Besatzer Indonesien vereinbart hatte. Ost-Timor verlangt jedoch einen Grenzverlauf genau in der Mitte des Seegebietes zwischen den beiden Ländern, was dem Land den Zugriff auf weitere Öl- und Gasvorkommen in der Timor-See ermöglichen würde. Aus westlicher Sicht unbefriedigend verläuft auch die juristische Aufarbeitung der von pro-indonesischen Milizen im Kontext des ost-timoresischen Unabhängigkeitsreferendums im Jahr 1999 begangenen Menschenrechtsverletzungen. Nach den jüngsten Freisprüchen von 16 Indonesiern durch ein Ad-hoc-Tribunal in Jakarta im vergangenen Juli, die mit diesen Vorgängen in Verbindung gebracht werden, wird eine wirklich rechtsstaatliche Aufarbeitung der damaligen Vorgänge immer unwahrscheinlicher. Es ist fraglich, ob die bisherige internationale Kritik an dem Vorgehen des Ad-hoc-Tribunals ausreicht, um Jakarta dazu bewegen, die wahren Hintermänner der damaligen Gräueltaten anzuklagen.

Ost-Timor, das jüngste Land in Asien, ist zugleich auch eines der weltweit ärmsten Länder. Die meisten der fast 900.000 Einwohner leben in Subsistenzwirtschaft und erfüllen ihre Grundbedürfnisse, wenn überhaupt, durch Landwirtschaft und Fischerei. Viele Gebiete verfügen nicht einmal über eine Elektrizitäts- und Wasserversorgung. Nennenswerte Industrie gibt es bisher nicht. Seit dem Unabhängigkeitsreferendum 1999 ist die Haupteinnahmequelle die internationale Hilfe, hauptsächlich ausbezahlt durch die Vereinten Nationen und die Weltbank. Selbst die persönlichen Lebenshaltungsausgaben der internationalen Entwicklungshelfer und Friedenssicherungskräfte hatten einen signifikanten Einfluss auf das Wirtschaftswachstum Ost-Timors. Nachdem nun die Präsenz der Vereinten Nationen (VN) und das damit verbundene Budget für Ortskräfte nochmals zurückgefahren werden, droht hierdurch eine erneute negative Auswirkung auf den Arbeitsmarkt und die allgemeine Wirtschaftssituation. Die bisherige Stärke von 3.000 VN-Mitarbeitern soll noch in diesem Jahr auf 604 Mitarbeiter reduziert werden. Im Jahre 1999 waren es noch insgesamt 11.000 VN-Soldaten und zivile Mitarbeiter, die in Ost-Timor stationiert waren. Die zweistelligen Wirtschaftswachstumsraten in den Jahren 2000 und 2001 sind im wesentlichen auf die persönlichen Ausgaben der VN-Mitarbeiter sowie auf die internationalen Aufbauleistungen im Infrastrukturbereich zurückzuführen. Bisher ist Ost-Timor also fast vollständig von internationaler Hilfe abhängig.

Das Wirtschaftswachstum stagniert seit annähernd drei Jahren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt seit 2002 bei fast gleich bleibend knapp unter 400 Millionen US-Dollar (USD). Mit einem Pro-Kopf-BIP von rund 450 USD pro Jahr liegt Ost-Timor am unteren Ende der Welt und ist Schlusslicht in Asien. Bei einer internationalen Geberkonferenz im Mai 2004 in Dili wurden Ost-Timor bis zum Jahre 2005 nochmals 440 Millionen USD als internationale Aufbauhilfe zugesagt. Parallel hat Dili angekündigt, den Staatshaushalt durch effizientere Steuereinziehung, vermehrte Einnahmen aus Stromverkäufen und steigende Erlöse aus Gebühren zu entlasten.

Zwar wurde bereits im Jahre 2000 unter anderem die „National University of Timor-Leste“ wiedereröffnet, dennoch zeigen sich gerade im Bildungsbereich noch große Entwicklungsdefizite. Eine der beiden offiziellen Landessprachen, Portugiesisch, wird bisher nur von Wenigen gesprochen. Selbst Grundschullehrer, die eigentlich die ersten drei Jahre auf Portugiesisch unterrichten sollten, beherrschen die Sprache meist nicht oder nur unzureichend. An vielen Universitäten ist die Unterrichtssprache noch Indonesisch, was sich aber nach Ansicht von Bildungsexperten in Zukunft zu Portugiesisch und Englisch hin verschieben wird. Die Analphabetenrate liegt seit Jahren unverändert bei rund 50%. Ein allgemeiner Fachkräftemangel behindert den Aufbau staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen und die Entwicklung einer tragfähigen Wirtschaft.

Das wirtschaftliche Potential Ost-Timors erscheint jedoch vielversprechend. Von dem Fangpotential im Fischereibereich von schätzungsweise 600.000 Tonnen jährlich wird bisher erst etwa 1% auf Subsistenzbasis mit minimaler Ausrüstung und Ausbildung ausgenutzt. Auch im Bereich des Kaffeeanbaus besteht, trotz des derzeitigen Überangebotes auf dem Weltmarkt, noch Ausbaupotential. Schon während der portugiesischen Kolonialzeit wurden vor Jahrhunderten im Hochland der Insel Kaffeeplantagen angelegt. Aufgrund der hohen Qualität und der möglichen pestizidfreien Herstellung schätzen Experten das potentielle Exportvolumen auf etwa 50 Millionen USD jährlich. Internationale Kaffeekonzerne wie beispielsweise die US-amerikanische Kaffeehauskette „Star Bucks“ vertreiben bereits heute Kaffee aus Ost-Timor. Als ein weiteres wichtiges Standbein der ost-timoresischen Wirtschaft könnte sich der Tourismus entwickeln. Das mit einer starken Kaufkraft ausgestattete Australien liegt nicht weit von Ost-Timor entfernt. Die landschaftliche Schönheit und kulturelle Vielfalt Ost-Timors, verbunden mit einem für westliche Besucher geringen Preisniveau, stellen gute Ausgangsbedingungen für ein mögliches Wachstum im Tourismußektor dar. Um jedoch als Touristenziel attraktiv zu werden, müsste Ost-Timor durch eine Marketingkampagne das noch in vielen Ländern vorherrschende Bild der „Krisenregion“ loswerden und noch einiges in die innere Sicherheit investieren. Außerdem müssten mehr und direkte Flugverbindungen nach Dili geschaffen und die medizinische Versorgung landesweit verbessert werden. Diese Beispiele zeigen, daß die Wirtschaft Ost-Timors auch außerhalb der Öl- und Gasförderung in der Timor-See einige Entwicklungspotentiale besitzt.

Seit der Unabhängigkeit vor zweieinhalb Jahren sind bisher jedoch auch schon einzelne nennenswerte Fortschritte erzielt worden. So ist Ost-Timor nun Mitglied der Vereinten Nationen, des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank. Weiterhin wurde ein nationaler Entwicklungsplan ausgearbeitet, die Konstituierende Versammlung wurde in ein nationales Parlament umgewandelt und es laufen Anstrengungen, Institutionen zu schaffen, die die Menschenrechte garantieren, die Wirtschaft aufbauen, die Arbeitslosigkeit senken und eine effiziente öffentliche Verwaltung sicherstellen sollen. Außerdem wurden ein Parteiengesetz verabschiedet, eine unabhängige Wahlkommission aufgebaut und die Funktionen der Bürgermeister und Lokalparlamente klar definiert. Im wirtschaftlichen Bereich ist es gelungen, die Inflationsrate auf etwa 2% zu senken. Auch der Bankensektor hatte im vergangenen Jahr ein solides Wachstum zu verzeichnen. So stiegen die Einlagen von 78,5 Millionen USD im August 2003 auf 97 Millionen USD im März 2004. Das Kreditvolumen verzeichnete im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von 262%, von 11,9 Millionen USD auf 43,1 Millionen USD.

Zwischen Australien und Ost-Timor schwelt seit längerem ein Streit um die Grenzziehung in der öl- und gasreichen Timor-See. Australien, das seinerzeit als einziges Land die Annexion Ost-Timors durch Indonesien völkerrechtlich anerkannt hatte, vereinbarte daraufhin mit Indonesien einen Grenzverlauf im Seegebiet zwischen beiden Staaten, der entgegen internationaler Standards stark zugunsten Canberras ausfiel. Das unabhängige Ost-Timor fordert nun einen Grenzverlauf in der Mitte des Seegebiets zwischen den beiden Ländern. Da im Zentrum dieses Grenzstreits ein Gebiet mit größeren Öl- und Gasvorkommen steht, gewinnt diese Auseinandersetzung an Brisanz. Bereits schon während der Kolonialzeit konnte zwischen Australien und der damaligen Kolonialmacht Portugal keine Einigung über den Verlauf der Grenze erzielt werden. Die Regierung in Dili und internationale Hilfsorganisationen beklagen, daß sich Ost-Timor, eines der ärmsten Länder der Welt, ohne die zusätzlichen Rohstoffeinnahmen aus den geforderten Gebieten in einen sogenannten „failed state“ verwandeln könnte. Nach Angaben der Regierung Ost-Timors wären bei einem Grenzverlauf genau in der Mitte der beiden Länder für Ost-Timor in Zukunft dreimal höhere Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung möglich.

Im Jahr 2002 wurde mit Australien der so genannte Timor-See-Vertrag geschlossen, der Ost-Timor 90% der Öl- und Gasproduktion im Bereich eines gemeinsam definierten „Joint Petroleum Developement Area“ zusichert. Ende September diesen Jahres hat im australischen Canberra die zweite Runde der Verhandlungen stattgefunden. Es wurde vereinbart, daß Ost-Timor aus den Einnahmen des Gasfeldes „Greater Sunrise“ in der Timor-See insgesamt rund 3,5 Milliarden USD erhalten wird. Für die zukünftige Entwicklung Ost-Timors ist dies zwar ein sehr wichtiger Schritt, eine endgültige Lösung für das Problem der Seegrenzen ist hierdurch jedoch immer noch nicht in greifbare Nähe gerückt.

Insgesamt sind die Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung noch nicht genau abschätzbar. Im Nationalen Entwicklungsplan geht Ost-Timor jedoch davon aus, daß das Gasfeld „Bayu Udan“, wo die Förderung bereits Ende nächsten Jahres beginnen soll, bis zum Jahr 2021 etwa 3,2 Milliarden USD an Gewinn in die Staatskasse spült. Ab dem Jahr 2005 wird erwartet, daß die Öl- und Gaserlöse etwa 40 Millionen USD zusätzlich pro Jahr in den Staatshaushalt einbringen. Somit wird zwar für die kommenden vier Jahre noch mit einem geringen Haushaltsdefizit gerechnet, ab dem Jahr 2008 wäre dann aber erstmals in der Geschichte Ost-Timors ein Haushaltsüberschuss möglich. Ab dem Jahr 2010 wird sogar mit jährlichen Einnahmen von etwa 100 Millionen USD gerechnet. Diese Summen sind zwar, verglichen mit den Einnahmen anderer Ölförderländer, verschwindend gering. Wenn man jedoch beachtet, daß das jährliche Bruttoinlandsprodukt bei knapp 400 Millionen USD und der komplette Staatshaushalt derzeit bei etwa 75 Millionen USD liegen, werden die Dimensionen, die diese Einnahmen für Ost-Timor haben, deutlich.

Der Geldsegen, der durch die Öl- und Gasgeschäfte in Zukunft erwartet wird, scheint die Haushaltsprobleme Ost-Timors auf einen Schlag lösen zu können. Doch ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen ist das geschenkte Geld aus den Rohstoffverkäufen nicht. Viele Entwicklungsländer haben durch solche Zusatzeinnahmen auch schlechte Erfahrungen gemacht, sind sie doch dadurch mit der so genannten „Holländischen Krankheit“ infiziert worden. Die „Holländische Krankheit“ beschreibt das Phänomen, daß Einnahmen aus dem Rohstoffsektor die anderen Wirtschaftssektoren, insbesondere den industriellen Sektor, zurückdrängen und somit eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung verhindern. Da Ost-Timor keine eigene Landeswährung hat (offizielle Währung ist der US-Dollar), besteht nahezu keine Gefahr der künstlichen Währungsaufwertung durch zusätzliche Rohstoffverkäufe. Dies bedeutet jedoch nicht, daß eine Ausbreitung der „Holländischen Krankheit“ unwahrscheinlich ist.

So ist es erforderlich, daß Ost-Timor mit den zusätzlichen Einnahmen aus den Öl- und Gasgeschäften für die Zeit vorsorgt, wenn die Ressourcen einmal erschöpft sind. Wichtig ist vor allem, daß mit den Einnahmen der Bereich Bildung gefördert und somit vor allem in die Zukunft des Landes investiert wird. Die Wirtschaftspolitik sollte ihr besonderes Augenmerk auf eine Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur und somit eine Unabhängigkeit von sektoralen Schwankungen legen. Weiterhin muß der Ausbau der wirtschaftlichen Infrastruktur vorangetrieben werden. Um soziale Spannungen zu vermeiden, muß auf die Verteilungsgerechtigkeit der Rohstofferlöse geachtet werden. Ein Entstehen von gesellschaftlichen „Verlierergruppen“ würde das junge Land erneut destabilisieren. Weiterhin erhält Ost-Timor durch die Zusatzeinnahmen mehr Spielraum in der Haushaltspolitik. Durch international konkurrenzfähige Steuersätze und mögliche Gewährung entsprechender Subventionen könnten wichtige internationale Investitionen nach Ost-Timor gelenkt und die dortige Wirtschaft aufgebaut werden.

Allein durch die Öl- und Gaseinnahmen werden sich die grundlegenden Probleme des Landes jedoch nicht lösen lassen. Der Rohstoffsektor ist sehr kapital- und wenig arbeitsintensiv, neue Arbeitsplätze werden durch die Erschließung der Ressourcen in der Timor-See also erst einmal nicht entstehen. Außerdem ist zu befürchten, daß der Staatshaushalt in großem Maße von dem sehr volatilen Energiesektor abhängig sein wird und daher eine langfristige Haushaltsplanung nur schwer möglich ist. Mit der Erarbeitung eines Risikomanagementsystems und der Einrichtung eines Ausgleichsfonds hat das Ministerium für Finanzen und Planung jedoch schon einen wichtigen Schritt getan, um dieser Gefahr aus dem Wege zu gehen. Ein weiteres Risiko, das durch die zusätzlichen Einnahmen entsteht, ist, daß nötige Reformen nicht angepackt und strukturelle Mängel bestehen bleiben, da durch das zusätzliche Geld kein Handlungsbedarf zu bestehen scheint. Es bleibt also zu hoffen, daß Ost-Timor der Geldsegen, der in den kommenden Jahren, wenn auch nur in sehr begrenzten Ausmaßen, vom Himmel fallen wird, dazu nutzt, um das Land grundlegend zu reformieren, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung voranzutreiben und das neuerliche Aufkeimen der Korruption zu bekämpfen, sodaß nach dem Erschöpfen der Rohstoffvorräte das Land auf eigenen Beinen stehen kann.

Bei der Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen durch das indonesische Militär während der indonesischen Okkupation und insbesondere während der Gewaltakte nach dem Unabhängigkeitsreferendum 1999 bieten sich der Regierung Ost-Timors unter Premierminister Mari Alkatiri zwei verschiedene Ziele an: Als erste Möglichkeit könnten die Versöhnung mit Indonesien sowie bilaterale wirtschaftliche Interessen und die nationale Stabilität im Vordergrund stehen. Die zweite Möglichkeit wäre, einen umfassenden und schonungslosen Aufarbeitungsprozess als unbedingte Grundlage für den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates zu sehen. Gegenwärtig sieht es so aus, daß sich Ost-Timor für die erste Möglichkeit entschieden hat.

Jedoch nicht nur Seitens Ost-Timors, sondern vor allem auf indonesischer Seite bleibt die Aufarbeitung der massiven Menschenrechtsverletzungen u nbefriedigend. Nach dem Unabhängigkeitsreferendum im Jahr 1999 wurden durch pro-indonesische Milizen schätzungsweise ein- bis zweitausend Ost-Timoresen ermordet, etwa 250.000 Menschen vertrieben und ca. 75% der Infrastruktur des Landes zerstört. Von den VN eingesetzte und finanzierte Staatsanwälte haben hierfür 369 Hauptverdächtige identifiziert, etwa 280 davon leben in Indonesien. Sollte international nicht stärkerer Druck auf Indonesien ausgeübt werden, so besteht die Gefahr, daß die Strafverfolgungsbemühungen eingestellt werden. So wurden im vergangenen Juli durch ein indonesisches Berufungsgericht 16 angeklagte Militärs, Polizisten, Milizführer und Zivilverwalter, die mit den Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden, freigesprochen. Verurteilt durch das indonesische Ad-hoc-Tribunal wurden bisher nur zwei Personen, die jedoch interessanterweise keine Indonesier sondern Ost-Timoresen sind. Jedoch auch ihre Haftstrafen liegen unter der für diese Delikte gesetzlich vorgeschriebenen zehnjährigen Mindeststrafe. Das Tribunal wurde von Indonesien im Jahr 2000 eingerichtet, um die Menschenrechtsverletzungen während des Unabhängigkeitsreferendums in Ost-Timor vom August 1999 zu ahnden. Mit der Einrichtung des Tribunals wollte Indonesien ein internationales Verfahren gegen seine Generäle verhindern, die für die Unterstützung der mordenden Milizen verantwortlich gemacht wurden. Schon damals kam internationale Kritik daran auf, daß durch das Tribunal nur 18 Personen angeklagt wurden und man sich an die mutmaßlichen Hauptverantwortlichen wie beispielsweise Ex-Armeechef Wiranto nicht heranwagte. Durch die jüngsten Freisprüche sehen sich Menschenrechtsorganisationen in ihrer Meinung bestärkt, das indonesische Tribunal diene lediglich dazu, indonesische Generäle zu entlasten und die Ost-Timoresen alleine für die Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu machen. Auch in Europa und den USA wurden die Freisprüche des indonesischen Berufungsgerichts scharf kritisiert. Das US-Außenministerium kommentierte die Freisprüche folgendermaßen: „Wir sind bestürzt über diese Entscheidung, und wir sind zutiefst enttäuscht über die Leistung und Bilanz des indonesischen Ad-hoc-Tribunals“. Weiterhin ist das US-Außenministerium der Ansicht, der gesamte Prozess sei „voller Fehler und unglaubwürdig“.

Die von den VN gegründete „UN Serious Crimes Unit“ in Ost-Timor ist für die Strafverfolgung der Menschenrechtsverletzungen während des Unabhängigkeitsreferendums verantwortlich. Bisher ergingen durch diese Institution 117 Anklagen, denen 25 Verurteilungen folgten. Unter den Verurteilten sind etwa 80% Ost-Timoresen. Hier zeigt sich das Problem, das bei der Strafverfolgung dieser Verbrechen in Ost-Timor besteht. Da Indonesien und nicht Ost-Timor den Auftrag der internationalen Staatengemeinschaft zur Strafverfolgung der Referendumsgewalt bekommen hat, kann Ost-Timor lediglich Mittäter und Mitläufer aus der eigenen Bevölkerung direkt anklagen. Indonesische Hauptverantwortliche, die sich längst wieder in ihrer Heimat aufhalten, könnten höchstens in Abwesenheit verurteilt werden, was lediglich symbolischen Charakter hätte. So gibt es in Ost-Timor viele Stimmen, welche das indonesische Ad-hoc-Tribunal ablehnen und an dessen Stelle ein internationales Tribunal fordern. Prominentester Befürworter hierfür ist der Friedensnobelpreisträger Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo. Unterstützung für diese Forderung erhält Bischof Belo vor allem von ost-timoresischen NGOs, Opferverbänden, Aufarbeitungsinitiativen und Menschenrechtsorganisationen. Neben dem fehlenden Vertrauen in das indonesische Justizsystem gibt es noch mehrere andere mangelhafte Rahmenbedingungen wie beispielsweise einen fehlenden Zeugenschutz, die für ein internationales Strafgerichtstribunal sprechen, das für die juristische Aufarbeitung der Verbrechen verantwortlich sein sollte.

Es bestehen jedoch auch Zweifel daran, ob Ost-Timor tatsächlich ernsthaftes Interesse an einer umfassenden Aufarbeitung der Referendumsverbrechen hat. Staatsoberhaupt Kay Rala „Xanana“ Gusmao hat bereits mehrmals betont, daß seiner Ansicht nach die Versöhnung mit dem indonesischen Nachbarn Priorität, auch vor einer Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen, haben sollte. Aus Kreisen der Regierung Ost-Timors hört man, daß es für die Angehörigen der Opfer besser sei, wenn es wirtschaftlich mit dem eigenen Land endlich bergauf gehe, wofür gutnachbarschaftliche Beziehungen mit dem mächtigen Indonesien unerlässlich sind. Opferverbände wie „RATE LAEK“ fühlen sich bisher von dem Aufarbeitungsprozess der Regierung ausgeschlossen. Nachdem nun jedoch bereits fast fünf Jahre seit den Gewaltexzessen während des Unabhängigkeitsreferendums vergangen sind, wird eine Verurteilung der wirklichen Täter immer unwahrscheinlicher. Für die Verbrechen in der Zeit während der Annexion Ost-Timors durch Indonesien im Jahr 1975 bis zu dem Unabhängigkeitsreferendum 1999, während der schätzungsweise etwa 200.000 Menschen, also etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung, durch die Militärherrschaft ums Leben kamen, wurden bisher noch keine Strafverfahren eingeleitet.

Im Nationalen Entwicklungsplan Ost-Timors ist das Ziel festgehalten, die Armutsrate von 46% im Jahr 2002 auf 36,8% im Jahr 2007 zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig den wirtschaftspolitischen Schwerpunkt auf die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit (die Arbeitslosenquote - inklusive der Unterbeschäftigten - liegt derzeit bei etwa 50%) sowie die Schaffung neuer Einkommensmöglichkeiten zu legen. Bei dem derzeitigen Bevölkerungswachstum von rund 3% kommen jährlich etwa 15.000 junge Menschen neu zu dem Heer der Arbeitssuchenden dazu. Andererseits wandern jährlich etwa 800, meist gebildete Ost-Timoresen aus, da im Ausland höhere Löhne zu erzielen sind. Ein solcher, meist unwiederbringlicher Verlust von Humankapital ist für ein kleines Land wie Ost-Timor nur schwer zu verkraften.

Wichtige Bestandteile für eine wirksame Strategie zur Senkung der Arbeitslosigkeit wären die Förderung von Kleinst- und Kleinunternehmen, Verbesserung der Aus- und Weiterbildung, Senkung der Analphabetenrate, Verbesserung der Sprachkenntnisse (insbesondere der Landessprache Portugiesisch), Erhöhung der Produktivität (insbesondere im Agrarsektor) und Verbesserung des Marketings der Produkte Ost-Timors. Außerdem ist es unerlässlich, daß die Regierung ihre erklärte „Null Toleranz – Politik“ gegenüber Korruption konsequent umsetzt.

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der zukünftigen Entwicklung muß die Verbesserung des Gesundheitswesens sein. Häufig vorkommende Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose, Durchfallerkrankungen und Atemwegsinfektionen leisten Ihren Beitrag zur hohen Sterblichkeit und zur geringen Lebenserwartung von derzeit 65,2 Jahren. Gab es vor der Unabhängigkeit etwa 240 Ärzte in Ost-Timor, so waren es im Jahre 2003 lediglich nur noch etwa 40, davon kamen 30 aus dem Ausland.

Die für Ost-Timor erwarteten relativ hohen Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung lassen die Befürchtung aufkommen, daß die Entwicklungsprobleme in naher Zukunft nicht gelöst, sondern lediglich auf den Zeitpunkt vertagt werden, in dem die letzte Ölquelle versiegt. Erfahrungen anderer Entwicklungsländer haben gezeigt, daß sich die durch hohe Einnahmen aus dem Rohstoffsektor verursachte so genannte „Holländische Krankheit“ schnell ausbreiten kann.

In Ost-Timor sind während der vergangenen zweieinhalb Jahre mit Sicherheit einige viel versprechende Schritte in die richtige Richtung hin unternommen worden. Insbesondere die Armutsbekämpfung und die wirtschaftliche Entwicklung müssen jedoch schneller voran gehen. Der Aufbau eines funktionierenden Staatswesens und einer tragfähigen Wirtschaft stehen Ost-Timor noch bevor. In einer im November 2003 veröffentlichten Umfrage gaben lediglich nur noch 42% der Befragten an, es ginge ihnen heute besser als vor 1999. Inzwischen scheint also die wirtschaftliche Realität die Freude über die neu erlangte Unabhängigkeit allmählich einzuholen.

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