„Der religiöse Mensch wurde eingehegt“

Zeitzeugengespräch mit Bischof Dr. Joachim Wanke zur Kirche in der DDR

Als am 13. August 1961 der Bau der Berliner Mauer begonnen wurde, war Joachim Wanke gerade im zweiten Jahr seines Theologie-Studiums in Erfurt. Mit seiner aus Schlesien geflüchteten Familie hatte er sich im Jahr 1944 im thüringischen Ilmenau angesiedelt, wo er auch das Abitur abgelegt hatte. „Wir wussten als junge Menschen, dass der Staat eine Ideologie hatte, die sich mit dem Christentum nicht vereinbaren lässt“, sagt er im Zeitzeugengespräch mit kas.de. Dennoch schloss er sein Studium ab und empfing im Juni 1966 im Erfurter Dom die Priesterweihe. „Es gab unter den jungen Priestern einfach das Bewusstsein, in den Rahmenbedingungen dieses Staates, den wir nicht geliebt haben, unseren Auftrag der Kirche zu erfüllen“, sagt er im Rückblick auf diese Zeit.

Seine erste Vikarsstelle im katholisch geprägten Eichsfeld ermöglichte es Wanke, diesen Auftrag zunächst in einer verhältnismäßig gut gefüllten Kirche auszuführen. 1969 wurde er dann als Assistent und Präfekt ans Priesterseminar Erfurt berufen. Seine akademische Karriere führte ihn zur Berufung als ordentlicher Professor für neutestamentliche Exegese am Studium in Erfurt im Jahr 1980. Kurz darauf, am 26. November 1980, empfing er die Bischofsweihe durch Bischof Joachim Meisner. Nach dem Tod von Bischof Hugo Aufderbeck übernahm er am 17. Januar 1981 das Amt des Apostolischen Administrators des Bischöflichen Amtes Erfurt-Meiningen. Auch wenn er in diesen Jahren die Austrittswelle aus den Kirchen in der DDR in vollem Umfang miterlebte, so sieht er einen wichtigen Erfolg der Kirche gegen die antireligiöse Staatspropaganda: „Der Vorwurf der DDR-Ideologen, Religion verderbe das Denken, konnte letztlich nicht aufrecht erhalten werden. Es zeigte sich immer mehr, dass diese Ideologie dem wirklichen Denken nicht Stand hält, und sie letztlich nur eine Stabilisierung der Machtverhältnisse ist.“

Seit der Neugründung des Bistums Erfurt im Jahr 1994 ist Dr. Joachim Wanke dort residierende Diözesanbischof. Von Papst Johannes Paul II. ernannt, setzt er sich insbesondere für die Fragen der Ökumene sowie der Seelsorge ein. Im Zeitzeugen-Gespräch über die Kirche in der DDR lässt er keinen Zweifel an der äußerst schwierigen Situation, in der sich die bekennenden Christen bis zum Fall der Mauer befunden haben. Dennoch sieht er letztenendes genau in diesem Umstand auch eine Stärkung des Glaubens: „Ich denke, dass die Qualität des Christ seins durch die Verhältnisse in der DDR gesteigert wurde. Die Kirche ist auf ein Prüffeld gestellt worden, es bedurfte eines Hinauswachsens über das Gewohnheitschristentum.“

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