„Eigentlich hätte ich einen Geburtsvorzug gehabt“

Zeitzeugengespräch mit Dr. Thomas A. Seidel zur Willkür der DDR gegenüber kritischen Heranwachsenden

Das Wohl der Arbeiter und Bauern hatte sich die DDR seit dem Tag ihrer Gründung offiziell auf die Fahnen geschrieben, und so hätte auf den 1958 in Sachsen geborenen Thomas Seidel eigentlich ein gutes Leben warten müssen. Der Sohn einer Arbeiter- und Bauernfamilie hatte aus Staatssicht jedoch einen Makel: Anstatt im Kindesalter den Pionieren beizutreten, um zu einem Anhänger des staatlichen Sozialismus gemacht zu werden, bekannte sich Seidel schon früh intentsiv zum christlichen Glauben und machte sich so zum Außenseiter. Fortan war der Staat nicht mit seiner Förderung beschäftigt, sondern damit, ihm bei der Ausbildung möglichst viele Steine in den Weg zu legen.

„Im Verfassungstext der DDR war zwar von Religions- und Glaubensfreiheit die Rede, aber tatsächlich hat der Staat im politischen Handeln versucht, das Verschwinden der Religionen umzusetzen“, so Seidel im Zeitzeugengespräch mit kas.de. Auch ihm wurden vor allem im Bildungsbereich die Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung genommen, indem er die erweiterte Oberschule nicht besuchen durfte, weil seine „gesellschaftliche Einstellung“ nicht ausreichend war. Auch die Bewerbung um ein Ingenieursstudium mit einem Zensurendurchschnitt von 1,0 am Ende der 10. Klasse blieb ohne Erfolg. Statt dessen machte Seidel zunächst eine Ausbildung als Elektromonteur im Betrieb, in dem auch sein Vater arbeitete.

Erst Ende der siebziger Jahre, als die DDR Gläubigen mehr Freiheiten zubilligte, konnte auch Thomas Seidel ein Theologie-Studium in Erfurt beginnen. Den damals einsetzenden „Burgfrieden“ zwischen Kirche und DDR bezeichnet er in der Rückschau als unerträglich: „Das Klima der Doppelzüngigkeit legte sich wie ein Mehltau über die Gesellschaft. Im privaten Kreis wurde sehr offen über Missstände gesprochen, sobald es jedoch an die Öffentlichkeit ging wurde entweder geschwiegen oder sogar gelogen.“

Als modernes Pfingstwunder beschreibt Seidel die Rolle der Kirchen im Spätsommer und Herbst 1989, als die Situation für die Bürger der DDR unerträglich geworden war: „In den Kirchen konnten die Menschen ihre Probleme formulieren. Die Botschaft von der Zuwendung Gottes und die Zuversicht, die aus diesem Glauben erwächst, hat mindestens dazu beigetragen, dass ein ganzes Volk seine Stimme zurückgefunden und eine eizigartige Revolution der Ereignisse vorgenommen hat.“

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