„Freiheit des Wortes“

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wird 60

Gute Literatur bedarf der Freiheit des Wortes. Davon zeugt das Werk von Herta Müller auf eine einzigartige Weise. Es hat die Ceauşescu-Diktatur, aus der die 1953 im banatdeutschen Nitzkydorf geborene Autorin nach langen Schikanen 1987 in die Bundesrepublik floh, überlebt, im eigentlichen Sinne auch überwunden. Herta Müller hat den Alltag der Diktatur mit Mut, Scharfsinn und jenem Vertrauen in das freie künstlerische Wort beschrieben, das sich von keiner Macht etwas weismachen, schon gar nicht unterdrücken lässt. "Mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa“ zeichne sie „Landschaften der Heimatlosigkeit", so heißt es in der Begründung des Literaturnobelpreises, der ihr 2009 in Stockholm verliehen wurde. Am 17. August 2013 feiert Herta Müller ihren 60. Geburtstag.

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Herta Müller (Foto: Carl Hanser Verlag)

In ihren Essays, die als konzentrierter Kommentar zu den Romanen gelesen werden können (Hunger und Seide, 1995; Der König verneigt sich und tötet, 2003), heißt es über ihr Lebensthema: „Bücher über schlimme Zeiten werden oft als Zeugnisse gelesen. Auch in meinen Büchern geht es notgedrungen um schlimme Zeiten, um das amputierte Leben in der Diktatur, um den nach außen geduckten, nach innen selbstherrlichen Alltag einer deutschen Minderheit und um deren späteres Verschwinden durch die Auswanderung nach Deutschland.“

Die Bücher, denen Herta Müller ihren Ruhm verdankt, bilden eine Chronik dieses Alltagslebens in der Diktatur. Ihre Erfahrungen mit der Tätergeneration der Eltern (der Vater gehörte der SS an), mit der deutschen Minderheit in Rumänien und den Funktionären, Spitzeln, Mitläufern der Ceauşescu-Diktatur hat sie vor und nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik mit unnachgiebiger Konsequenz protokolliert. Man erschrickt mit ihr, wenn man liest, unter welchen Umständen sie als Übersetzerin entlassen wurde wegen ihrer Weigerung, mit der Securitate zusammenzuarbeiten; wenn man von den Schikanen hört, denen sie als Kindergärtnerin und Lehrerin in Rumänien ausgesetzt war, oder von den demütigenden Verhören. In Rumänien wurden ihre literarischen Arbeiten zensiert und behindert.

Der Themenkreis der banatschwäbischen Dorfwelt hat die ersten Werke bestimmt, von den Kurzgeschichten des Debütbandes Niederungen (1982) bis zu dem Prosaband Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt (1986). Es geht um das Leiden an der repressiven Normalität des Dorfes, in dem kollektiver Anpassungsdruck, Denkverhärtung, Aberglaube, Nationalismus und Geschichtsblindheit herrschen. Die formale Konsequenz sind literarische Anti-Idyllen, kritische und satirische Dorfchroniken.

Die zweite Phase des Werkes, eigentlich eine Übergangsphase, ist geprägt von der Auswanderung nach Deutschland, der Erfahrung der Heimat in der Fremde und der Fremde der Heimat. Der historische Horizont wird erweitert: In den Prosaskizzen Barfüßiger Februar (1987) und in dem Band Reisende auf einem Bein (1989) kommt nicht nur die politische Situation in Rumänien stärker zum Ausdruck (Personenkult, Korruption, Psychoterror), sondern auch die Erinnerung an den Holocaust.

Nach Sturz und Tod des rumänischen Diktators Ceauşescu im Dezember 1989 ist Herta Müller zu ihrem ursprünglichen Thema zurückgekehrt: „der vergangenen, rechten Diktatur, die in der Biographie des Vaters sitzt, und der bestehenden linken Diktatur, in der das eigene Leben läuft“. Sie findet dabei zu neuen Formen der Darstellung, etwa der literarischen Reportage (Ende 1989 war sie für deutschsprachige Zeitungen in Rumänien unterwegs). Ihr erster Roman Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992) behandelt die Endzeit einer totalitären Diktatur, der zweite Roman Herztier (1994) führt in die 1970er und 1980er Jahre zurück und beschreibt Kindheit, Studium und erste Berufsjahre in einem banatschwäbischen Dorf angesichts von Angst und Verrat. Auch der dritte Roman Heute wär ich mir lieber nicht begegnet (1997) kreist um die Traumatisierungen der Diktaturerfahrung.

Der Roman Atemschaukel (2009) stellt ein bislang vernachlässigtes Kapitel der europäischen Diktaturgeschichte vor. Nach dem Ende des rumänischen Faschismus und der Kapitulation Rumäniens wurden im Namen Stalins alle in Rumänien lebenden Deutschen für den „Wiederaufbau“ der im Krieg zerstörten Sowjetunion gefordert und zur Zwangsarbeit in sowjetische Lager deportiert. Einer dieser Deportierten war der aus Hermannstadt stammende Oskar Pastior (1927-2006). Eine andere die Mutter von Herta Müller. Im Jahr 2001 hat Herta Müller damit begonnen, Gespräche mit ehemals Deportierten aus ihrem Dorf und dann vor allem Oskar Pastiors Erinnerungen aufzuzeichnen, welche die Sprache anders „rafften“ als die verstohlenen Hinweise der Mutter. Der Tod Pastiors durchkreuzte den Plan eines gemeinsamen Buches. Herta Müller hat nun die Erinnerungen Anderer zu einem Roman gemacht.

Ein Siebzehnjähriger wird im Januar 1945 zuhause abgeholt und nach wochenlangem Zugtransport in ein russisches Arbeitslager verbracht. Herta Müller beschreibt das Elend der Lagerjahre nicht im realistischen Stil einer Chronik, sondern mit der bildhaft-punktgenauen Absicht poetischer Wahrheit.

Immer gehen die Kapitel des Romans von den Dingen aus, die die Erinnerung selbst 50 Jahre nach der Rückkehr noch heimsuchen. Der „Hungerengel“, die „Mondsichelmadonna“, die „Kalkfrauen“, der „Blechkuss“, das „Meldekraut“: Jedes dieser Kunstworte enthält eine Welt für sich, das Gedächtnis von Arbeitskolonne und Abendappell, von der Schinderei im Schlackekeller und im Zementturm, von der Langeweile als der „Geduld der Angst“, von der Sehnsuchtskrankheit und dem Heimweh als dem „Hunger nach dem Ort, wo ich früher einmal satt war“. Hauptwortreich, ohne Attribute und übrigens auch ohne jedes Fragezeichen wird die vielfache Freiheitsberaubung des Menschen beschrieben: „Kälte schneidet, Hunger betrügt, Müdigkeit lastet, Heimweh zehrt, Wanzen und Läuse beißen“.

Es ist eine Sprache, die nichts verklärt, die keine Vergeltung predigt und, wie der Germanist Walter Hinck schreibt, „falsche Verdächtigungen“ verabscheut. Eine Sprache, in der das freie poetische Wort ohne Milde über Gewalt und Unfreiheit triumphiert. Joachim Gauck, der heutige Bundespräsident, hat diese Sprache bei der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung an Herta Müller 2004 als „imaginativen Realismus“ bezeichnet. Auch in Herta Müllers lyrischen Bild-Text-Collagen (Die blassen Herren mit den Mokkatassen, 2005; Vater telefoniert mit den Fliegen, 2012), die Wörter aus bunten Katalog- und Zeitungsschnipseln zu ebenso surrealen wie subversiven Texten zusammensetzen, hat sich diese wortgenaue Sprache bewährt. Etwa wenn die Präposition „IM“ großgeschrieben auftritt und an die entsprechende Abkürzung für die „Inoffiziellen Mitarbeiter“ der Staatssicherheit denken lässt. Herta Müllers Werke richten sich gegen verordnetes Denken und entmündigtes Sprechen in der Diktatur. Auf diese Weise kann jede Gesellschaft aus Herta Müllers Werken „lernen für die Normalität, aus der Diktatur für die Demokratie“.

Michael Braun

Kleine ausgewählte Literaturliste:

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  • Herta Müller: ''i> Herta Müller: '' Herta Müller: ''erta Müller: ''ta Müller: '' Müller: ''üller: ''ler: ''r: '' '''Der König verneigt sich und tötet. (Essays.) München: Hanser, 2003.
  • Die blassen Herren mit den Mokkatassen. Gedichtcollagen. München: Hanser, 2005, ISBN 3-446-20677-9
  • Atemschaukel. Roman. München: Hanser, 2009.
  • Lebensangst und Worthunger. Im Gespräch mit Michael Lentz. Leipziger Poetikvorlesung 2009. Berlin: Suhrkamp, 2010.
  • Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel. (Essays.) München: Hanser, 2011.
  • Vater telefoniert mit den Fliegen. (Gedichtcollagen.) München: Hanser, 2012.
Hörbücher:

  • Die Nacht ist aus Tinte gemacht. Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat. Konzeption/Regie: Thomas Böhm und Klaus Sander. Berlin: supposé, 2009.
  • Atemschaukel. Gelesen von Ulrich Matthes. Hamburg: Hörbuch Verlag, 2009.
  • Atemschaukel. Das Hörspiel. Regie Kai Grehn, mit Alexander Fehling, Vadim Glowna, Otto Mellies, Dagmar Manzel, Lars Rudolph, Bernd Stegemann u. a. Hamburg: NDRKultur und Hörbuch, 2010.

"Vater telefoniert mit den Fliegen" von Herta Müller | Bild: Carl Hanser Verlag Carl Hanser Verlag