"Zu viel Glück"

Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis 2013

Die Buchmesse ist eine gute Zeit für Preise. Marion Poschmann (EHF-Stipendiatin der KAS) wurde vor wenigen Tagen der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis zuerkannt. Eben ist bekannt, dass die aus Ungarn stammende Autorin Terézia Mora für ihren Roman „Das Ungeheuer“ den Deutschen Buchpreis bekommt. Am Donnerstag richtete sich die Aufmerksamkeit nach Stockholm. Von dort kam die Nachricht, dass die kanadische Schriftstellerin Alice Munro den mit 8 Millionen Kronen dotierten Literaturnobelpreis 2013 erhält - eine „Königin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, wie die Kritikerin Meike Fessmann schreibt.

Die erste Hälfte ihres Lebens hat die 1931 in Ontario geborene und auf einer Farm aufgewachsene Alice Munro, die mit der Bezeichnung ‚schreibende Hausfrau‘ keine Probleme hat, außerhalb des Literaturbetriebs geschrieben. 1968 erschien ihr Debütband, „Tanz der seligen Geister“ (im Original: „Dance of the Happy Shades“), ein Buch, das man heute Coming of age-Geschichte nennen würde. Jugendliche entdecken die Macht großer und gefährlicher Gefühle. Auch die folgenden Bände tragen griffige Titel: „Die Liebe einer Frau“ (1998, dt. 2002), „Himmel und Hölle“ (2001, dt. 2004), „Tricks“ (2004, dt. 2006). Die Erzählung „The Bear Came Over the Mountain“ (2003) wurde von Sarah Polley 2006 verfilmt: „An ihrer Seite“ erzählt von einem Ehepaar, das sich durch die Alzheimer-Erkrankung der Frau einander entfremdet, aber am Ende wieder näherkommt.

Alice Munro schreibt lange Kurzgeschichten, in einem realistischen Stil, der an der Nüchternheit der amerikanischen Klassiker geschult ist, aber auch epische Ausflüge in die Vergangenheit zulässt. Gut kennt sie ihre Figuren, die aus fast allen Gesellschaftsschichten kommen, vom Zimmermädchen über den Schauspieler bis zur Mathematikerin, gut genug, um ihr Lebensmilieu präzise und anschaulich zu beschreiben. Geschlechterbeziehungen und Familienverhältnisse sind das dominierende Thema, auch im Zusammenhang mit Gewalt, Krankheit und Tod. Am Ende kehren die Geschichten oft wieder zu Anfangsmotiven zurück. Dadurch wirken sie eher geschlossen als offen. Doch gleichzeitig rumort im Alltag der Abgrund. So gibt Alice Munro immer wieder diskrete Hinweise auf die Leidensuntergründe und Hoffnungshimmel ihrer Figuren, vor allem, wenn diese Bücher zur Hand nehmen. Mit der empathischen Beschwörung der Lesekultur rettet Alice Munro die Gattung der Erzählung ins 21. Jahrhundert. Erzählen und Lesen gehören untrennbar zusammen.

Alice Munros Erzählungen sind im S. Fischer Verlag erschienen, ein neuer Band mit dem Titel „Liebes Leben“ ist, heißt es, in Vorbereitung.

Michael Braun

Lesetipp:

Alice Munro: Zu viel Glück. Zehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zernig. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2013.

Alice Munro | Foto: Derek Shapton
Bucher-Cover "Zu viel Glück" von Alice Munro | Quelle: S. Fischer Verlag