Lemmer, Ernst

Journalist, Bundesminister, * 28.04.1898 Remscheid, † 18.08.1970 Berlin, evangelisch

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1915–1918 Kriegsdienst, 1919–1923 Studium der Volkswirtschaft in Marburg, Frankfurt/Main, Heidelberg, 1922–1933 Generalsekretär des Gewerkschaftsrings der deutschen Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände; 1924–1932, 1933 Mitglied des Reichstages (DDP/DStP), 1945–1947 2. Vorsitzender der Ost-CDU, 1945–1949 3. Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), 1949–1956 Chefredakteur des „Kurier“, 1956–1961 Landesvorsitzender der CDU Berlin, 1950–1961 stellvertretender Vorsitzender, 1961–1970 Vorsitzender der Exil-CDU, 1950–1969 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (1951–1956 Fraktionsvorsitzender), 1952–1970 MdB, 1956-57 Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen, 1957–1962 für gesamtdeutsche Fragen, 1964-65 für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, 1965–1969 Sonderbeauftragter des Bundeskanzlers für Berlin.

Vom Kaiserreich in die Weimarer Republik

Ernst Lemmer wurde am 28. April 1898 als Sohn des Bauunternehmers und Architekten Ernst Lemmer in Remscheid geboren, besuchte dort das Realgymnasium und nahm nach dem so genannten „Notabitur“ ab März 1915 als Freiwilliger am 1. Weltkrieg teil. Bei Kriegsende hatte der erst Zwanzigjährige den Rang eines Leutnants erreicht. Im November 1918 wurde Lemmer sowohl Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) als auch des Remscheider Arbeiter- und Soldatenrates.

Im Mai 1919 begann Lemmer ein Studium der Theologie, Geschichte und Volkswirtschaft in Marburg, das er 1923 in Frankfurt am Main abschloss. Auch während seines Studiums war Lemmer politisch aktiv, so zum Beispiel als Vorsitzender des Deutschen Demokratischen Studentenbundes – dem offiziellen Hochschulverband der DDP. Außerdem engagierte er sich als führendes Mitglied im Reichsbund der Deutschen Demokratischen Jugend (Jungdemokraten). Neben seinem politischen Engagement arbeitete Ernst Lemmer während seines Studiums als Freiwilliger bei der „Frankfurter Zeitung“.

Gewerkschaftler, Journalist und Politiker

Nach Abschluss seines Studiums wurde Lemmer im April 1922 Generalsekretär des Gewerkschaftsringes der Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände im Deutschen Reich (bis 1933). Gleichzeitig betätigte er sich journalistisch bei Berliner Zeitungen, allen voran dem „Berliner Tageblatt“. Von 1924 bis 1930 war Ernst Lemmer Vorstandsmitglied der DDP. Nach deren Umbenennung war er im Reichsvorstand der Deutschen Staatspartei (DStP) tätig, bis diese durch die „Verordnung zur Sicherung der Staatsführung“ am 7. Juli 1933 aufgelöst wurde. Außerdem war Lemmer von 1924 bis 1932 und für eine kurze Periode von März bis Juni 1933 Mitglied des deutschen Reichstags.

Nach Auflösung der DStP wurde Lemmer aufgrund seiner linksliberalen Überzeugung, die er noch immer öffentlich vertrat, aus dem Reichsverband der Deutschen Presse ausgeschlossen. Dies machte ihm eine journalistische Tätigkeit bei jeglichen deutschen Zeitungen unmöglich. Bis zum Kriegsende 1945 war Lemmer als Korrespondent zweier ausländischer Zeitungen, der Neuen Zürcher Zeitung und des Pester Lloyd, in Berlin tätig. Darüber hinaus wird ihm nachgesagt, er habe im Umfeld der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ vertrauliche Informationen, insbesondere den Holocaust betreffend, ins Ausland weitergeleitet.

Mitgründer der CDU

Nach Ende des Krieges begann Ernst Lemmer erneut, sich politisch zu engagieren. Er übernahm von 1945 bis 1947 den Vorsitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Von 1945 bis 1946 war Lemmer Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Klein-Machnow und von 1946 bis 1948 Mitglied des Landtags von Brandenburg.

Ernst Lemmer beteiligte sich im Juni 1945 an der Gründung der CDU, zählt somit zu ihren „Gründervätern“. Von Dezember 1945 bis Januar 1948 war er stellvertretender Vorsitzender der CDU in der SBZ. Nach seiner Absetzung durch die sowjetische Besatzungsmacht siedelte Ernst Lemmer 1949 nach West-Berlin über, versuchte dennoch gemeinsam mit Jakob Kaiser weiter an der Arbeit der CDU in der DDR mitzuwirken. Da diese Versuche keinen Erfolg brachten, gründeten Kaiser, Lemmer und weitere ehemalige Mitglieder der Ost-CDU 1950 die Exil-CDU.

In West-Berlin nahm Ernst Lemmer seine journalistische Arbeit als Chefredakteur der Tageszeitung „Der Kurier“ wieder auf. Außerdem übernahm er in den folgenden Jahren mehrere bedeutende Mandate und Ämter: Von 1950 bis zu seinem Tod 1970 war er Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, von 1950 bis 1956 stellvertretender, von 1956 bis 1961 dann erster Vorsitzender des CDU-Landesverbands Berlin und von 1961 bis 1970 Vorsitzender der Exil-CDU.

Bundestagsabgeordneter und Bundesminister

In den Bundestag trat Ernst Lemmer erstmals 1952 ein, als zum 1. Februar die Anzahl der Berliner Abgeordneten erhöht wurde. Bis zu seinem Tod 1970 blieb er Bundestagsabgeordneter. Für Aufsehen sorgte er 1954, als er auf Vorschlag des FDP-Abgeordneten Hans Reif bei der Wahl zum Bundestagspräsidenten gegen seinen Parteikollegen Eugen Gerstenmaier, den eigentlichen Kandidaten von CDU und CSU, antrat. Gerstenmaier konnte die Wahl erst im dritten Wahlgang und nur mit knappem Abstand für sich entscheiden.

In mehreren Kabinetten Konrad Adenauers und Ludwig Erhards stand Ernst Lemmer an der Spitze verschiedener Bundesministerien: Im November 1956 ernannte ihn Adenauer zum Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen. Von dort wechselte er Ende Oktober 1957 in das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, das er bis Dezember 1962 leitete. Bundeskanzler Ludwig Erhard berief Lemmer im Februar 1964 als Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte in sein Kabinett (bis Oktober 1965). Schließlich bekleidete Lemmer von 1965 bis 1969 das Amt des Sonderbeauftragten des Bundeskanzlers für Berlin.

Ernst Lemmer starb nach längerer Krankheit am 18. August 1970 im Alter von 72 Jahren in einem West-Berliner Krankenhaus. Als letztem Bundestagsabgeordneten, der auch schon dem Reichstag der Weimarer Republik angehört hatte, erwies die Bundesrepublik Deutschland ihm die Ehre eines Staatsaktes, an dem auch Angehörige der Westalliierten teilnahmen.

Maximilian Riedel

Literatur

Externe Linktipps