Marian Ruzamski - Kunst in Auschwitz

Eine Ausstellung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum Auschwitz Birkenau in Oswiecim und dem Museumspädagogischen Dienst Berlin.

Kunst in Auschwitz

Kunstwerke aus Auschwitz fuhren zu der Frage nach der ursprünglichen von Kunst. Sie sind der Beweis, dass sich die schaffenden Häftlinge der Entmenschlichung im Konzentrationslager widersetzt haben, dass die Kunst eine elementare Bedeutung für das Überleben gewinnen konnte. Die Ambivalenz zwischen Kunst und Lageralltag und die individuelle Schilderung der Emotionen der Häftlinge werden in den Bildern unmittelbar sichtbar und sie sind autonome Kunstwerke von einer eigenen faszinierenden Schönheit.

Eine Ausstellung unter kunstgeschichtlichen Aspekten, ohne eine formale oder inhaltliche Begrenzung, in der die Werke eines Künstlers aus Auschwitz präsentiert werden, erkennt die künstlerische Eigenständigkeit des Geschaffenen an und ermöglicht es, einige Menschen aus der Anonymität des millionenfachen Todes zu befreien, ohne dabei die Geschichte des Lagers und den Völkermord auszublenden.

"Vor allem um zu vergessen, zeichnete ich mit Bleistift weiter an den Lagerporträts, weil ich keine anderen Mittel hatte. Diese im Verborgenen gemachten Porträts ließen mich vergessen, führten mich in eine andere Welt - die Welt der Kunst. Dass das Zeichnen mit dem Tod bestraft wurde, nahm ich einfach nicht zur Kenntnis. Nicht, weil ich mutig war, sondern weil ich die Gefahr nicht beachtete. So anziehend war es, in der eigenen Welt zu schaffen. Der Verlust meiner Arbeiten erfüllte mich jedes Mal mit tiefer Trauer, und nur unter Anspornung der ganzen Willenskraft und Selbstüberwindung begann ich mit der Arbeit von vorn."
Franciszek Jazwiecki

"Ich mache ein Porträt von Dr. Gawaretzky. Ich meine, es wird eine meiner besten Arbeiten werden. Ich zeichne ihn in der Röntgendunkelkammer, und durch das vorzügliche Lichtspiel gelang es mir, die ganze Skala von Tönen und Halbtönen, welche nur die Weichheit des Bleistifts ergeben kann, wenn sie dem Modell jede Linie, jedes charakteristische Detail entlockt, um es auf dem Papier zu verewigen."
Vincenti Gawron

 

(Bildausschnitte, Bilder: Marian Ruzamski)
 
 
Die meisten Werke, die im Lager enstanden, sind nicht kämpferische und antifaschistische Bilder, nicht Dokumentationen des grausamen Lageralltags, sondern idyllische Landschaften, Seestücke, Jagdszenen, dreidimensionale Wandmodelle des Stammlagers, Bilder vom Aufbau der großen Industrieanlagen im sogenannten Interessensgebiet, kleine kunsthandwerkliche Gegenstände, wie Ringe oder Figuren und immer wieder Porträts, die mit ca. 80 % die größte Gruppe der erhaltenen Kunstwerke stellen!

Die ungewöhnlich hohe künstlerische Qualität der meisten Objekte überrascht und das Besondere dieser Kunst eröffnet sich auf dem zweiten Blick. Sie ist ursprünglich und direkt, zielt weder auf eine Abstraktion emotionaler Empfindungen noch auf eine kunstfertige Schilderung von Gegenwart. In einem hohen formalen Niveau ist gerade nicht die technische Umsetzung oder die sublime Vermittlung des Inhaltes wichtig, sondern die unverstellte Beziehung zwischen Künstler und Betrachter. Das psychische, physische und moralische Leiden der Menschen wird verbildlicht, ohne dass Terror und Gewalt direkt gezeigt werden. In den Porträts sind die Menschen anwesend: Sie werden als Subjekte dargestellt und ihre existenzielle Bedrohtheit im Bild gebannt. Diese Unmittelbarkeit hebt die übliche Distanz zwischen Produzent, Rezipient und Modell auf und der im Lager immer gegenwärtige Tod ist für den Dargestellten und für den Betrachter ein Teil des Bildes. Die Bilder sind elementarer Lebens- und Existenzbeweis.

Eine Ausstellung von Kunstwerken aus Auschwitz sollte in ihrer Argumentation die Individuen sichtbar machen und nicht der Chronologie der Ereignisse oder der organisatorischen Struktur des Konzentrationslagers folgen. Die besondere Nahsichtigkeit der Werke und ihre Entstehungsbedingungen - das versteckte Arbeiten der Künstler - müssen dem Betrachter vermittelt werden.

Die Bilder eines Künstlers zeigen eine individuelle und niemals objektive Sicht der Realität des Lagers. Deshalb muss mit einem einleitenden Vortrag am 27. Januar 2003 die Kunstsammlung in ihrer Vielfallt vorgestellt werden. Anschließend ist es die Aufgabe der Ausstellungsbegleiter, auf die Komplexität der Sammlung und des künstlerischen Schaffens im Lager hinzuweisen. Eine Zusammenarbeit mit dem Centrum Judaicum und einem Verweis auf eine mögliche umfangreichere Ausstellung liegt natürlich nahe.

 

(Bildausschnitte, Bilder: Marian Ruzamski)
 
 

Die Kunstsammlung des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau

Heute befinden sich ca. 6000 Objekte in der Kunstsammlung des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau in Oswiecim. Die Sammlung wurde in drei Abteilungen aufgeteilt:Die erste umfasst 1562 Kunstwerk aus der Lagerzeit - 306 großformatige Ölbilder, 798 Grafiken und Zeichnungen, 21 Skulpturen, 234 kunsthandwerkliche Gegenstände, 203 gezeichnete Lagerbriefe auf den originalen Formularen, die auf offiziellem Wege aus dem Lager geschickt wurden, 303 Plakate des Motivs „Eine Laus, Dein Tod". Die zweite Abteilung beinhaltet Kunstwerke, die von Häftlingen direkt nach der Befreiung geschaffen wurden. Die dritte präsentiert Expponate von Künstlern, die ihre Arbeiten dem Museum aus unterschiedlichsten Motivationen überlassen haben. So hat Pablo Picasso nach einem Besuch des Lagers Ende der 40er Jahre eine Porträtlithographie angefertigt und das Blatt dem Museum geschenkt. Es befindet sich heute neben den Häftlingszeichnungen in einem kleinen Ausstellungsraum in Block 25 des Stammlagers.

Die ersten Häftlinge, die im Frühjahr 1940 in das neu gegründete Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden, waren politische Gefangene. Unter ihnen sehr viele polnische Künstler. Schon in den ersten Wochen im Lager begannen die ausgebildeten Künstler und Laien, für sich selbst oder für Mitgefangene künstlerische Arbeiten zu erstellen. Die Häftlinge konnten teilweise in den Werkstätten in geschlossenen Räumen arbeiten und ihr Arbeitsmaterial heimlich für künstlerische Objekte nutzten. In diesen kleineren Arbeitsgruppen und in einigen speziellen Abteilungen, wie dem Lagerkrankenbau, entstand zwischen den Häftlingen eine Art Vertrauensverhältnis, so dass die Gefahren, die mit dieser heimlichen Tätigkeit verbunden waren, kalkulierbarer wurden.

Marian Ruzamski

Die Porträts von Marian Ruzamski stehen beispielhaft für das künstlerische Schaffen im Konzentrationslager Auschwitz. Wie in einem wissenschaftlichen Kolloquium im Frühjahr diese Jahres in Osnabrück gefordert, können anhand der Porträts sowohl die hohe künstlerische Qualität, als auch die unterschiedlichen Biografien und Schicksale verbildlicht werden, ohne in der Reduzierung die historischen Ereignisse zu verharmlosen.Um in der Rezeption der Bilder eine Täterperspektive zu vermeiden, und den Fokus auf die Menschen und nicht beispielsweise auf den Lagerkrankenbau zu lenken, sind die Porträts alphabetisch geordnet.

 

(Bildausschnitte, Bilder: Marian Ruzamski)
 
 
Marian Ruzamski malte sich in einem kleinbürgerlichen Vorgarten kurz vor seiner Verhaftung.

Er wurde am 2.2.1889 in Lipnik geboren und im März 1945 im KL Bergen-Belsen ermordet. Er studierte von 1908 bis 1912 an der Krakauer Kunstakademie. Parallel war er an der Philosophischen Fakultät der Jagiellonen Universität im Fach Kunstgeschichte eingeschrieben. Im April 1914 reiste er nach Paris und blieb dort bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Von 1922 bis 1928 war er Assistent von Prof. Zubrzycki an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität Lwow. Von 1928 bis 1943 arbeitete er als Kunstmaler in Tarnobrzeg. Er malte Porträts, Landschaften, Architektur. Stilleben und Blumen und hatte mehr als 30 Ausstellungen in Krakau, Lwów und Warschau. Am 7.4.1943 wurde er wegen seines jüdischen Glaubens in Tarnobrzeg verhaftet und im dortigen Gefängnis festgesetzt, am 24.5.1943 brachte die SS ihn in das KL Auschwitz. Er erhielt die Häftlingsnummer 122 843 und arbeitete in der Malerei der Bauleitung und schuf im Lager viele Porträts. Im Januar 1945 wurde er nach Bergen Belsen verschleppt. Eine Mappe mit 47 Porträts schmuggelte er versteckt unter seiner Kleidung nach Bergen Belsen. Er verstarb im März 1945 an Hungertyphus. Vor seinem Tod übergab er die Mappe, die für seine Freundin Janina Pawlas in Tarnobrzeg bestimmt war, dem Mitgefangenen Dr. Brabander, mit der Bitte, diese Werke zu schützen. Auch Dr. Brabander starb in Bergen Belsen, doch sein ebenfalls inhaftierter Sohn konnte die Bilder retten. Nach der Befreiung nahm er sie mit nach Paris. Heute befindet sich diese Mappe wieder in Auschwitz.

Im Stammlager Auschwitz wurde im Oktober 1941 im Erdgeschoss von Block 6 das schon damals so genannte Lagermuseum eingerichtet, das im Frühling 1942 in das Erdgeschoss des Blocks 24 verlegt wurde. Die Lagerleitung ließ dort verschiedene Gegenstände und Kunstwerke, aber vor allem geraubtes Häftlingsgut, wie in einem „Kuriositätenkabinett" präsentieren. Bei vielen in Auschwitz inhaftierten Künstlern spielte das Lagermuseum eine außergewöhnliche Rolle. Die Künstler gingen in den Arbeiten, die sie dort schufen, auf die Vorlieben der SS-Männer ein, deren ästhetische Bedürfnisse über Stillleben, Jagdszenen und mittelalterliche Schlösser selten hinausgingen. Sie wurden in der Ausübung ihrer Tätigkeiten nicht behindert - sofern sie die Lagerordnung respektierten. Unabhängig von „Dienstaufträgen" und über das Lagermuseum hinaus nutzten die SS-Männer die Fähigkeiten der Künstler häufig für ihre privaten Zwecke. Obwohl nur drei Künstler, Targosz, Luszek und Didyk, ständig dort arbeiten konnten, suchten andere diesen Ort außerhalb ihres eigentlichen Arbeitsemsatzes auf, um zu malen. Die Künstler konnten im Lagermuseum vergessen, was sie erleiden mussten. Es wurde zu einer Art Asyl für sie.

Kontakt

Ursula Moss

Ursula Moss bild

Kulturassistentin

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Kunst in Auschwitz