Wahl von Theodor Heuss zum ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland

12. September 1949

Am 12. September 1949 trat erstmals die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten zusammen. Als gemeinsamer Kandidat der Unionsparteien, der FDP und der Deutschen Partei bewarb sich Theodor Heuss (1884-1963) um das Amt des Staatsoberhauptes. Politisch sozialisiert in der Weimarer Republik, zählte Heuss zu den Männern der ersten Stunde beim staatlichen und parteipolitischen Wiederaufbau im Nachkriegsdeutschland. Er war erster Kultusminister in Württemberg-Baden, Mitglied des Parlamentarischen Rates und Gründungsmitglied der FDP.

Nach der ersten Bundestagswahl vom 14. August 1949 hatten sich CDU und CSU, die im ersten Deutschen Bundestag ihre bewährte Zusammenarbeit aus dem Frankfurter Wirtschaftsrat und dem Parlamentarischen Rat als stärkste Fraktion fortsetzten, mit der FDP und der konservativen Deutschen Partei auf die Bildung einer bürgerlichen Regierungskoalition unter der Führung von Konrad Adenauer verständigt.

Als der Parlamentarische Rat mit seiner Arbeit fast schon zu Ende war, meinte Josef Kardinal Frings bei einem Besuch Adenauers, er würde diesen wohl bald als Präsidenten des Bundesstaates begrüßen können. Adenauer erwiderte: „Nein, ich habe mir was anderes ausgesucht. Ich möchte Bundeskanzler werden, da kann man sich besser entfalten.“

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Die beiden Staatsmänner, die Deutschland den Weg zurück auf das diplomatische Parkett eröffneten.

Für Konrad Adenauer und die CDU bedeutete das Votum für einen Bundespräsidenten Theodor Heuss eine Vorentscheidung über die künftige Koalitions- und Regierungsbildung – und damit auch über den politischen Kurs des jungen westdeutschen Teilstaates. Bei den Frankfurter Besprechungen am 20. August 1949 zwischen Adenauer und Erhard und der Rhöndorfer Konferenz am darauffolgenden Tag wurde ein Konzept für eine Koalition von CDU und CSU mit der FDP besprochen. So entschied man sich gegen eine Große Koalition mit der SPD. Die Präsidentschaft für Heuss war somit die Voraussetzung für die Koalition der FDP mit der CDU. In den weiteren Auseinandersetzungen der kommenden Tage hielt Adenauer unentwegt an Heuss fest. Nach dem Kurt Schumacher seine eigene Kandidatur durchgesetzt hatte, zwang dies diejenigen Wahlmänner von CDU und CSU, die gegen eine Kandidatur von Heuss gewesen waren, nun doch für ihn zu stimmen.

Am 12. September wurde dann Theodor Heuss im zweiten Wahlgang der Bundesversammlung in Bonn zum Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Von den 800 abgegebenen Stimmen konnte er 416 auf sich vereinigen. Sein Gegenkandidat, Kurt Schumacher von der SPD, erhielt 312 Stimmen. 37 Delegierte enthielten sich der Stimmen, 30 stimmten für Rudolf Amelunxen (Zentrumspartei) und 2 für Hans Schlange-Schöningen (CDU, war nicht als Kandidat aufgestellt) und 3 Stimmen waren ungültig. Heuss war, formal betrachtet, nicht das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland: für 5 Tage, bis zu seiner Amtseinführung, lag diese Rolle, heute völlig vergessen, kommissarisch beim Vorsitzenden des Bundesrates, dem damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold (CDU).

Die gelungene Wahl von Heuss zum ersten Bundespräsidenten stellte, obwohl noch 17 Stimmen aus dem Unionslager fehlten, endgültig die Weichen zugunsten der „kleinen“ Koalition aus CDU/CSU, FDP und DP.

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Auch im persönlichen Gespräch bleibt eine respektvolle Distanz.

In der zweiten Sitzung der Bundesversammlung, die um 19.18 Uhr begann, leistete Theodor Heuss vor dem Präsidenten der Bundesversammlung, Dr. Erich Köhler, seinen Eid. Heuss wandte sich zuerst an die Bundesversammlung: „In den Zeitungen habe ich in den letzten Tagen allerhand seltsame Dinge von mir lesen können – nette Sachen –, auch, dass mir die ‚Ellbogenkraft’ fehle, die zum Politiker gehöre. Ich selber habe das Gefühl: von der Ellbogenpolitik haben wir reichlich genug gehabt.“ Dann sprach er davon, dass „Demokratie und Freiheit nicht bloße Worte, sondern lebengestaltende Werte“ seien. Er forderte „eine lebendige Demokratie“ und erinnerte an „das geschichtliche Leid der Deutschen, dass die Demokratie von ihnen nicht erkämpft worden, sondern als letzte, als einzige Legitimierung eines Gesamtlebens kam, wenn der Staat in Katastrophen zusammengebrochen war“. Direkt wandte er sich an die Berliner: „Berlin ist an das Schicksal Westdeutschlands gebunden – oder das Schicksal Westdeutschlands bleibt an Berlin gebunden.“ Die Ansprache in Heuss’ tiefer Stimme, mit seinem unverkennbar schwäbischen Dialekt, wurde im Radio übertragen. In einer zweiten Ansprache am selben Tag versicherte er den Bürgern auf dem Bonner Marktplatz nach seiner Wahl: „Ich würde arm werden an geistiger und seelischer Kraft, wenn ich in das Gefängnis des bloß Regierenden gehen würde.“

Aus seiner Mittleraufgabe im Parlamentarischen Rat leitet Heuss die Legitimation und den Sinn seines Amtes ab: „(…) über den Kämpfen, die kommen, die nötig sind, die ein Stück des politischen Lebens darstellen, nun als ausgleichende Kraft vorhanden zu sein“.

Heuss’ Verzicht auf die „Ellbogenpolitik“ charakterisiert auch sein gewiss nicht problemfreies Verhältnis zu Bundeskanzler Adenauer, das einer Art Arbeitsteilung der so verschiedenartigen Naturen gleichkam, aber ebenso seine Ablehnung aller Versuche zur Wiederbelebung der Stellung des Weimarer Reichspräsidenten. Seine umfangreiche Korrespondenz und seine über all die Jahre verfolgten schriftstellerischen Neigungen spiegeln die Gedanken an die notwendige Versöhnung, des Konsens im Konflikt, den die Demokratie offen, aber nach fairen Spielregeln führen muss.

Adenauer und Heuss ging es um die Versöhnung, die Wiederherstellung des Vertrauens ging es aber auch nach außen, im moralischen Verhältnis Deutschlands zur Welt, das die Untaten des Hitlerregimes so tief gestört hatte.

An der Spitze des Bündnisses aus den Parteien der bürgerlichen Mitte trat Adenauer selbst drei Tage später zur Wahl zum Bundeskanzler an.

Markus Lingen

Literaturempfehlungen

  • Adenauer – Heuss. Unter vier Augen. Gespräche aus den Gründerjahren 1949-1959 (Rhöndorfer Ausgabe), bearb. von Hans-Peter Mensing, Berlin 1997.
  • Heuss – Adenauer. Unserem Vaterlande zugute. Der Briefwechsel 1948-1963 (Rhöndorfer Ausgabe), bearb. von Hans-Peter Mensing, Berlin 1989.
  • Die Bundesversammlungen 1949-2004. Eine Dokumentation aus Anlass der Wahl des Bundespräsidenten am 23. Mai 2009, hrsg. vom Deutschen Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit, S. 35-39, 79-99.
  • Theodor Heuss: Theodor Heuss, Vater der Verfassung. Zwei Reden im Parlamentarischen Rat über das Grundgesetz 1948/49, hrsg. von Ernst Wolfgang Becker, München 2009.

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