Zur Erinnerung an Josef Stingl (1919-2004)

Im Bundestag

Innerhalb der Union gehörte Stingl dem Arbeitnehmerflügel an, was für den Sohn eines Handwerkers, der zudem auf dem zweiten Bildungsweg studiert hatte, nicht verwundert. Allerdings war er zeitlebens ein Mann des sozialen Ausgleichs. Schon 1953 zog Stingl als einer von 22 Berliner Abgeordneten in den Deutschen Bundestag ein, in dem er sich schnell als Experte für Arbeits- und Sozialfragen profilierte. So spielte er schon 1956/57 eine wesentliche Rolle bei der innerfraktionellen Beratung der Rentenreform. Sie mündete in dem bekannten Kompromiss, eine an der Lohnentwicklung orientierte Rentensteigerung festzulegen, die aber von der jeweiligen Regierung auch ausgesetzt werden konnte. Auch an den damals letztlich gescheiterten Bemühungen zu einer Reform der Krankenversicherung war er beteiligt. Sein zentrales Betätigungsfeld blieb jedoch die Arbeitsmarktpolitik. Mit Hans Katzer gab es dafür einen weiteren Spezialisten in der Fraktion, der sich – als Vorsitzender der CDA mit einer größeren Hausmacht ausgestattet als Stingl – bei der Auswahl für das Amt des Arbeitsministers 1965 durchsetzte. Stingl konnte aber dem erst 1969 verabschiedeten Arbeitsförderungsgesetz noch seinen Stempel aufdrücken.

Präsident der Bundesanstalt für Arbeit

Schon im Mai 1968 war Stingl aus dem Bundestag ausgeschieden, um als Präsident die Leitung der Bundesanstalt für Arbeit zu übernehmen. Er war maßgeblich dafür verantwortlich, die Behörde in eine moderne Dienstleistungseinrichtung umzuwandeln. Ein wesentlicher Schritt dazu war etwa die Einführung elektronischer Datenverarbeitung und die bargeldlose Auszahlung des Arbeitslosengeldes, um das soziale Stigma zu mindern. Unter seiner Leitung wurde insbesondere versucht, mit arbeitsmarktpolitischen Instrumenten die Entstehung von Arbeitslosigkeit zu verhindern. Seine allmonatlichen Fernsehauftritte trugen dazu bei, das Problembewusstsein in der Öffentlichkeit wachzuhalten. Dass ihm seine Stellungnahmen – in den krisengeschüttelten 1970er Jahren nur selten optimistisch – den Spitznahmen „Bundesunke“ einbrachten, hat ihn eher amüsiert. Stingl hatte als Präsident der Bundesanstalt bis 1984 ein gutes Verhältnis zu dem jeweiligen Arbeitsminister gleich welcher Couleur, aber er war auch kein unpolitischer Präsident. Ein verärgerter Bundeskanzler Schmidt, der in ihm den Überbringer schlechter Nachrichten zurückpfeiffen wollte, musste jedenfalls feststellen, dass ihm dazu die dienstrechtliche Handhabe fehlte.

Verbindung zur alten Heimat

Stingl engagierte sich als gebürtiger Egerländer stets auch vertriebenenpolitisch – 1964 bis 1969 war er Vorsitzender des Landesverbandes Oder-Neiße der Union –; dabei war ihm aber immer die Aussöhnung mit den Tschechen ein Anliegen. Schon 1946 in die Ackermann-Gemeinde eingetreten, fungierte er von 1970 bis 1991 als ihr Vorsitzender und gehörte 1991 zu den Unterzeichnern der „Erklärung sudetendeutscher und tschechischer Christen“.

Neben seiner dienstlichen Tätigkeit engagierte sich Stingl zeitlebens in der akademischen Lehre. Seit Abschluss seines Studiums unterrichtete er: Zuerst an der FU Berlin, später an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und dann an der Universität Bamberg. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er im Jahre 1988 die Leiterin des Arbeitsamts von Neuwied, Elvira Lougear, und zog zu ihr nach Leutesdorf am Rhein. Seine Tätigkeit für Staat und Gesellschaft wurde mit einer imponierenden Anzahl von Ehrungen gewürdigt. Neben dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband erhielt er den Bayerischen Verdienstorden und das Großkreuz des päpstlichen Gregoriusorden. An seinem 85. Geburtstag verstarb Josef Stingl in Leutesdorf.

Stefan Marx / Wolfgang Tischner

Zu Stingl vgl. Günter Buchstab: Josef Stingl (1919-2004). In: HPM 15 (2008), S. 217-232. Der Nachlass wurde von Denise Lindsay M.A. verzeichnet und befindet sich im ACDP (Bestand 01-168).

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