Veranstaltungsberichte

Eine Gesprächsrunde der besonderen Art

von Caroline Collet , Alexander Prill
KAS-Stipendiatinn/en zu Gast bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Was Demokratie konkret bedeutet, wie sie gelebt werden soll und was zu tun ist, wenn sie ins Wanken gerät, sind Fragen, welche die Menschen seit langem – und vor allem seit dem Erstarken der Rechten in Europa – umtreiben. Die Antworten fallen je nach Gesprächspartner unterschiedlich aus. Umso wichtiger erscheint es, möglichst viele Stimmen aus der Gesellschaft wahrzunehmen. Aus diesem Grund lud Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erstmals am Ende August Stipendiatinnen und Stipendiaten der vom Bund finanzierten Begabtenförderwerke zum Gespräch in die Villa Hammerschmidt nach Bonn ein.
Stipendiaten zu Gast bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Stipendiaten zu Gast bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Unter dem Titel „Demokratie und Teilhabe in und neben dem Studium“ interessierte sich unser Staatsoberhaupt für drei Themenbereiche: den Zustand der Demokratie, das Ehrenamt und seine Vereinbarkeit mit dem Studium sowie unsere Perspektiven für Europa und unsere eigene Zukunft.

Anlässlich der Geschehnisse in Chemnitz richtete der Bundespräsident mahnende Worte an die 26 Stipendiatinnen und Stipendiaten. Er sei erschüttert von dem Ausmaß der Ausschreitungen. Meinungsvielfalt sei zweifelsfrei ein wichtiger Bestandteil liberaler Demokratien. Das dürfe jedoch nicht darin ausufern, dass Hass und Gewalt Überhand gewinnen würden. Jeder einzelne Bürger sei nun aufgefordert, sich entschieden gegen solche demokratiefeindlichen Äußerungen zu wehren, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Insbesondere dann, wenn Demokratie keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein scheint. Diese Positionierung fand großen Rückhalt unter den Stipendiaten. Mehrheitlich galt der Diskurs als Mittel der Wahl: Allein der argumentative Austausch über Sorgen, Wünsche und Lösungen kann Menschen unterschiedlicher Couleur innerhalb einer Gesellschaft vereinen.

Zur demokratischen Teilhabe gehört aber nicht nur das Reden. Die Demokratie ist im Sinne der Stipendiaten darauf angewiesen, jenseits hochpolitischer Diskurse gelebt zu werden. Gemeint ist das Ehrenamt. Demokratie, so wurde im Gespräch deutlich, meint, sich für andere einzusetzen. Denjenigen zu helfen, die vermeintlich kein Gehör finden oder deren Lebenswelt sich schwieriger gestaltet als die mancher Stipendiaten. Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen, ist für Studierende nicht immer leicht. Der Alltag an deutschen Universitäten entspricht selten dem Klischee des entspannten Studentenlebens: Regelstudienzeit, Erwartungsdruck und die Finanzierung sind neben der Konkurrenz im Hörsaal oder dem Seminar Dauergast bei Studenten. Doch ist die Freizeit respektive das Ehrenamt ein willkommener Ausgleich zum stressigen Studentenalltag. Es ist sicher nicht einfach, Studium und Engagement unter einen Hut zu bekommen. Dennoch waren viele Stimmen zu vernehmen, die ihr Engagement in Politik, Kirche oder Gesellschaft als Leidenschaft bezeichnen. Es sei keine Arbeit, sondern eine erfüllende und bereichernde Freizeitbeschäftigung. Allerdings illustrierte die Leidenschaft der Erfahrungsberichte aus dem ehrenamtlichen Engagement sowie dem Studium, dass unsere Demokratie uns viele Freiheiten und Möglichkeiten nicht umsonst schenkt. Der Einsatz für den Nächsten, so kamen alle überein, ist Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben, das in unserer Verantwortung liegt.

Im dritten Themenblock ging es um das Thema Zukunft und Perspektiven. Gemeint sind damit nicht nur unsere eigenen Zukunftschancen, die alle Stipendiatinnen und Stipendiaten als „ganz gut“ konstatierten, sondern die Zukunft Deutschlands und insbesondere Europas. Dabei waren sich alle Stipendiatinnen und Stipendiaten einig, dass der Schlüssel zu einem erfolgreichen Europa in Zeiten des „Brexit“, der erstarkenden europafeindlichen Bewegungen und einer geopolitisch unübersichtlicheren Lage in Hinblick auf die USA und Russland bei den Europäern selbst liegt. Europa muss für jeden Einzelnen erfahrbar sein und bleiben. Als junge Erwachsene, die das Glück hatten, in einem geeinten Deutschland und einem Europa ohne Grenzen aufzuwachsen, sind wir gefragt, dieses System und diese Freizügigkeit zu verteidigen. Viele haben beispielsweise von Austauschprogrammen, insbesondere dem von der EU geförderten Erasmus-Programm, profitiert und durften in europäischen Ländern studieren. Sie haben so die Kulturen und Sprachen unserer Nachbarn erlernt und haben vom gegenseitigen Austausch und der kulturellen Verständigung auch persönlich viel profitiert. Dies ist nicht selbstverständlich.

Wir hatten viele Fragen zu besprechen und bekamen noch mehr spannende Antworten. Eine angenehme Gesprächsatmosphäre bei Kaffee und Gebäck im zweiten Amtssitz des Bundespräsidenten sowie der ein oder andere Scherz beflügelten die Runde. Doch gerade mit einem so besonderen Gastgeber ist die Zeit immer zu knapp bemessen. Nach 90 Minuten Gespräch drängte den Bundespräsidenten bereits der nächste Termin.

Es war für uns eine einmalige Gelegenheit, uns mit Frank-Walter Steinmeier austauschen zu dürfen und dabei unsere Stiftung zu vertreten. Der Bundespräsident hat angekündigt, den Austausch mit Stipendiatinnen und Stipendiaten jährlich stattfinden zu lassen, sodass im nächsten Jahr wieder zwei KAS-Stipendiaten in den Genuss dieser einzigartigen Chance kommen.

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Über diese Reihe

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