Veranstaltungsberichte

Literarische Migranten bereichern die deutsche Sprache

Eine Soiree der Konrad-Adenauer-Stiftung zur kulturellen Integration im Bonner Wasserwerk

Anlässlich der Reihe „Literatur und Verantwortung“, die die Konrad-Adenauer-Stiftung in diesem Jahr gemeinsam mit dem Literaturhaus Bonn und Christ & Welt in der „Zeit“ ausrichtet, fand am 10. Mai 2011 eine Soiree unter dem Motto „Was eint uns?“ statt.

Im ehemaligen Plenarsaal des Wasserwerks in Bonn trugen der erste stellvertretende CDU-Landesfraktionschef Armin Laschet MdL sowie die Autoren José F.A. Oliver und Yoko Tawada ihre Gedanken zu diesem weiten Thema auf jeweils ganz unterschiedliche Weise vor.

Den Abend eröffnete Armin Laschet, der von 2005 bis 2010 erster Integrationsminister des Landes NRW war. Warum ist das Thema der Integration gerade heute so öffentlichkeitsstark, leben doch schon seit 1955 Einwanderer in Deutschland? Laschets Antwort: Die Gesellschaft merke jetzt erst, dass das Gelingen der Integration in unser aller Interesse liege. „Denn die Kinder der Zuwanderer müssen in 20 Jahren die Elite unseres Landes bilden – und wer wird dann der kulturelle Träger des Landes sein?“, sagte Laschet.

Was uns in Deutschland eine, sei vor allem: die deutsche Sprache. Die Kinder von Migranten, die beide Sprachen erlernen, ganz gleich wo und in welcher Reihenfolge, sind, so Laschet, „transkulturelle Botschafter“: „Dabei soll es gar nicht das Ziel sein, alles zu vereinheitlichen, Sprachen und Kulturen untrennbar miteinander zu vermischen. Beide Kulturen sollen erkennbar bleiben. Gerade literarische Migranten bereichern so die deutsche Sprache.“

Das beweist José F.A. Oliver. Er wurde im Schwarzwald als Kind andalusischer Einwanderer geboren und hat als freier Schriftsteller zahlreiche, vor allem lyrische, Werke veröffentlicht. Mit einer kleinen Anekdote verdeutlichte Oliver den Zuhörern gleich zu Beginn seines Vortrags, wie alltäglich und doch gravierend die Sprachunterschiede sind, die er heute in seinen Werken feinfühlig verarbeitet. „Als Kind lebte ich mit meiner Familie in einem zweistöckigen Haus. Unten sprachen wir alemannisch – so etwas wie Deutsch also – und oben andalusisch – so etwas wie Spanisch. In der Nacht stand ich unten am Fenster und sah den Mond, dann ging ich ein paar Stufen hoch und sah ,La Luna’. Aus dem Mond wurde, zumindest grammatikalisch, nur durch wenige Stufen eine Frau. So entstanden für mich Wörter wie etwa ,die Möndin’“.

Oliver verknüpfte seinen Essay „In jedem Fluss mündet ein Meer“ und eine Reihe von Gedichten mit den Flamenco-Darbietungen von David Alcántara, der wie Olivers Eltern aus Andalusien stammt. Das Programm der beiden Künstler, ein „Lyrisch-Musikalisches Fahrtenbuch“, berührte die Zuhörer. Immer wieder überraschte Oliver durch unerwartete Gegensatzpaare in der Wortwahl, die einen aufhorchen ließen. Inhaltlich gab er vor allen Dingen einen Einblick in das Gefühl seines Vaters, der nach Deutschland einwanderte, aber wohl niemals endgültig ankam. David Alcántara untermalte Olivers Werke durch leidenschaftliche Flamenco-Vorträge. Im „Augenblick des Singens“ kristallisierten sich in der Stimme des Sängers Hoffnungen und Leiden eines „ganzen Volkes“, so beschrieb Oliver die Intensität dieser Musik.

Die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada, die seit 1979 in Deutschland lebt, brachte das Publikum mit ihrem Essay „Jeder Fisch mit Schuppen hat auch Flossen. Die Esskultur, das Fremde und die Moral“ zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken. Scheinbar Selbstverständliches der deutschen Sprache ließ sie die Zuhörer auf eine neue Weise verstehen: „ die Sprache möchte lieber unrein bleiben. Die Wörtlichkeit eines Wortes stellt keine Reinheit dar, sondern sie macht das Wort essbar. Man kann durch den Verzicht auf Schweinefleisch keine Schweinereien vermeiden, aber das Schwein aus dem Wort ,Schweinerei’ herauszunehmen und auf den Tisch zu stellen, ist für mich ein politischer Akt“. Anschließend trug die Autorin einige Gedichte aus ihrem Band „Abenteuer der deutschen Grammatik vor“.

Ihre japanischen Wurzeln lassen Tawada nicht nur die Wörter oder lexikalische Einheiten sezieren, sondern auch kleinste grammatische Strukturen, so dass nicht wenige Zuhörer perplex waren, welche kreativen Möglichkeiten in unserer Sprache aus fremdsprachiger Sicht stecken.

Denkanstöße mit Herz und Humor: Armin Laschet, Yoko Tawada, David Alcántara und José Oliver belegen die Integrationskraft der deutschen Sprache und Kultur. Und das ganz im Sinne von Harald Weinrich, der das Motto des Abends stiftete: „Deutschland ist ein Land, aus Sprache und Geschichte gemacht, und alle Personen, die von der deutschen Sprache einen solchen Gebrauch machen, dass sie diese Geschichte weiterschreiben, sind unsere natürlichen Landsleute, sie mögen von innen kommen oder von außen.“

Text: Anna Loza, Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung

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Sankt Augustin Deutschland