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Benedikt XVI. – Der Medienpapst

von Bernd Hagenkord
Die Messlatte für den Deutschlandbesuch des Papstes ist der Staatsbesuch in Großbritannien, so der Jesuitenpater Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Und: Diese Messlatte liegt sehr hoch. Die Diskussionen über eine mögliche Verhaftung des Papstes wegen der Missbrauchsskandale in der Katholischen Kirche waren in England noch nicht verklungen, da feierte die Menge den Papst bei seiner Ankunft wie ein Star. Der Besuch in Großbritannien war ein Medienereignis. So wie jeder Papstbesuch, denn Medien gehören zum Pontifikat dazu, sagt Pater Hagenkord.

Der Titel Medienpapst gehört eigentlich Johannes Paul II., meinen wir. Aber das stimmt nicht. Auch wenn der letzte Papst einen besonderen Anteil daran hatte, medial vorzukommen, betrifft es jeden Papst: Die Medien gehören zum Pontifikat dazu. Und erst recht wenn der Papst aus dem Alltag des vatikanischen Geschehens heraus auf Reisen geht.

Man denkt, dass man weiß, was etwas ist, bis man sich näher damit beschäftigt.

Wer verstehen will, wie wichtig und wie schwierig der Papstbesuch in Deutschland werden wird, wie viele Chancen er aber auch birgt, der muss sich einen Vergleichsbesuch anschauen. Die Messlatte für die Deutschlandreise ist der Papstbesuch in Großbritannien, der dann genau ein Jahr her sein wird, und sie liegt sehr hoch. Dieser Besuch war sehr kontrovers diskutiert worden, einige Menschen, die unbedingt in die Medien wollten, wollten den Papst verhaften lassen, die Kosten waren als zu hoch diskutiert worden, der Charakter des Staatsbesuches in Frage gestellt und so weiter.

Und dann begann der Besuch. Und mit dem Aufsetzen der Flugzeugräder auf der Landebahn drehte sich die Berichterstattung im Land um volle 180 Grad. Mein persönlicher Favorit war die Übertragung der Autofahrt von Edinburgh nach Glasgow live auf zwei Kanälen, eine halbe Stunde lang waren nur Autodächer von oben zu sehen, versehen mit Kommentaren aus dem off.

Autodächer von oben

Ein Papstbesuch ist ein Medienereignis, und das ist schon seit dem Besuch Pauls VI. in Israel so. Papst Johannes Paul II. hat durch sein Genie, Symbole zu setzen, das aber noch einmal verstärkt. Deswegen müssen notwendigerweise die Erwartungen hoch sein.

Noch einmal zurück nach Großbritannien: Man könnte nach einem oberflächlichen Blick sagen, dass die aggressive Feindseligkeit vor dem Besuch – und so muss man sie in weiten Teilen der Medien nennen – umgeschlagen ist in Interesse und Begeisterung.

Blickt man etwas tiefer, bietet sich aber schon ein anderes Bild. Ein Blick auf die Art und Weise, wie britische Medien funktionieren, zeigt uns dann, dass alles gleich geblieben ist: genauso extrem, wie man vorher dagegen war und den Konflikt suchte, war man nun genauso extrem in der Begleitung des Ereignisses.

Ein Star mit Inhalt

Eine dritte Interpretation geht von der Obsession mit Stars aus, wie sie sich in britischen Medien noch mehr zeigt als in Deutschland. Am Tag vor der Ankunft war der Popsänger George Michael in allen Medien auf allen Seiten: er war unter Drogen Auto gefahren, hatte einen Unfall verursacht und war verurteilt worden. Er war also in den Tagesmedien von Zeitung, Fernsehen und Rundfunk direkter „Vorgänger“ des Papstes. Wir sind gewohnt, diesen Papst am Vorgänger Johannes Paul II. zu messen, in den Medien sind seine Vorgänger, Konkurrenten, etc. aber die Stars auf den Titelseiten, es sind Lena und Thomas Gottschalk, es sind Politiker und Sportler.

Im Papst hatte man in Großbritannien aber nun auf einmal einen Star, wie man ihn normalerweise nicht kennt: Einen Star mit Inhalt. Und dazu noch einen, der sich nicht nach den Regeln des „spin“ richtet, wie sie die Politik nutzt, einen Star, der sagt, was er denkt, und dies mit Respekt vor der in England und Schottland hoch gehaltenen Tradition tut.

Es haben nicht alle gejubelt, und auch die, die am Straßenrand in London oder in Edinburgh standen, waren nicht alles „Benedetto“-rufende begeisterte Jugendliche. Aber man ist dem Papst mit Respekt begegnet, und damit kann er sehr gut umgehen.

Papst Benedikt hat eine Sprache gefunden, die verstanden wird. Wenn es einen wirklichen und nachhaltigen, in den Medien messbaren Erfolg der Reise nach Großbritannien gibt, dann nicht den, dass alle überzeugte Katholiken und jubelnde Messbesucher geworden sind. Aber in den Zeitungen, den Fernsehsendungen und im Radio wurde immer und immer wieder über die Themen gesprochen, die der Papst in die Debatte bringen wollte. Es ist ihm gelungen, die Kirche ins Gespräch zu bringen, es ist ihm gelungen, die Themen der Kirche ins Gespräch zu bringen.

Benedikt und Wallenstein

Schaue ich auf die Berichterstattung oder die Erwartungshaltungen in der Öffentlichkeit, die sich bereits jetzt zum Papstbesuch in Deutschland zeigen, dann wird es wieder einmal Zeit, Schillers Ausspruch über den Feldherren Wallenstein zu zitieren: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“. Wir sind es gewohnt, Aussagen an unseren Erwartungen zu messen. Es werden, wie im politischen Kontext üblich, Forderungen aufgestellt und je nachdem, ob man sie erfüllt sieht, ist man für oder gegen etwas, „begrüßt“ etwas, wie es dann heißt, oder eben nicht.

Oder noch eine Drehung weiter: manche Presse-Stellungnahme im Vorfeld will den Papstbesuch schon jetzt für dieses oder jenes vereinnahmen: der Besuch müsse dies oder dürfe nicht das werden. Meistens „fordert“ man, „ruft auf“ oder benutzt eines der Worte, die in Pressemitteilungen so vertraut geworden sind, weil sie ein festes Ritual darstellen. Aber wenn man sich länger und tagtäglich mit diesem Papst beschäftigt, dann lernt man vor allem eines: traue nicht den Vorurteilen, traue nicht den Kategorisierungen. Man denkt, dass man weiß, was etwas ist, bis man sich näher damit beschäftigt.

Zuhören!

Diesem Papst muss man zuhören, um ihn zu verstehen. So banal das klingt, mit Blick auf Schiller und die Mediengesellschaft ist das nicht mehr selbstverständlich. Die Bilder, die wir sehen, gaukeln uns vor, dass wir wüssten, dass wir den Papst und das, wofür er steht, kennen würden. Die Kunst besteht aber darin, hören zu wollen, was der Papst sagt. Danach kann man immer noch anderer Meinung sein. Forderungen, dies müsse und das dürfe der Papst nicht tun, schieben sich wie eine Verständnisverhinderungswolke vor den Besuch.

Und noch einmal mit besonderem Blick auf uns, die Medienschaffenden: wir leben davon, Dinge zu erklären, und zwar so, dass Sie bereit sind, dafür Geld und/oder Zeit auszugeben. Das ist ein ehrenvoller Beruf. Trotzdem bedeutet das nicht, dass wir Medienmenschen immer Recht haben. Diesem Papst kann man selbst zuhören. Man muss nicht nur das glauben, was man liest oder hört, obwohl das häufig dem Verständnis hilft. Aber gerade, wenn der Papst in die nicht ganz einfache kirchliche und gesellschaftliche Situation nach Deutschland kommt, dann können wir davon ausgehen, dass er verstehbar ist.

Die Medien erfüllen ihre Funktion, wenn sie berichten, einordnen, erklären, kritisch nachfragen und einen Kontext herstellen. Für die eigene Meinungsbildung sind sie eigentlich nicht zuständig. Die Grenzen verwischen leider sehr, besonders das Internet kennt vor allem Meinung. Noch einmal: Diesem Papst muss man aber zuhören, um ihn zu verstehen.

Heiliger Großvater

Ein letzter Blick auf die Reise nach Großbritannien: „Holy (Grand)Father“ titelte die Times am Tag des Abfluges, aber der Spectator brachte bereits einen Tag später wieder eine Titelgeschichte dazu, wie der Papst versuche, Missbrauchstäter zu rehabilitieren. Nichts hatte sich geändert.

Und die Moral von der Geschicht’? Dieser Papstbesuch in Deutschland wird wichtig, aber er wird nicht die Welt ändern. Die, die jetzt schon eine Meinung haben, die werden dieselbe auch nachher haben. Und sie werden sie lautstark vor und während des Besuches in die Debatte werfen, die Talkshows und Meinungsseiten werden voll davon sein.

Wer sich auf die Bilder und die Konflikte verlässt, die auf jeden Fall gezeigt werden - 20 Demonstranten bekamen in Großbritannien genauso viel Aufmerksamkeit wie das komplett gefüllte Gelände im Hyde Park - der bekommt nur die Vorurteile bestätigt.

Wenn der Papstbesuch etwas ändert oder die Kirche und Deutschland voran bringen soll, dann nur, wenn man diesem Papst zuhört. Dann kann man sich seine eigene Meinung bilden, dann kann man dafür oder dagegen sein, aber dann gibt man seine Meinung wenigstens nicht an der Fernbedienung oder Tastatur ab.

Benedikt XVI. ist ein Medienpapst, aber das gebildete Gewissen der Gläubigen darf ihn nicht auf die Medien reduzieren. Selber denken ist gefragt.

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Herausgeber

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

erscheinungsort

Rom Italien