Schnell stand ein hässlicher Verdacht im Raum. Während immer mehr Ägypter am Tahrir-Platz lautstark eine Abdankung ihres Präsidenten fordern, bringt sich dieser beim ganz überwiegenden Rest der Bevölkerung als Retter vor Chaos und Anarchie in Stellung. Tatsächlich scheinen in Ägypten zurzeit zwei Auseinandersetzungen zu toben. Bei der einen geht es um Freiheit und Demokratie, bei der anderen um Angst und Sicherheit.
Es fing alles am Freitag vergleichsweise harmlos an. Von jeglicher fernmündlichen Kommunikation abgeschnitten, hatte jeder irgendwelche Gerüchte gehört: Die Läden könnten bald schließen, die Versorgung sei gefährdet, hier und da werde bereits die Butter knapp. Ein Besuch im Supermarkt bestätigte den Verdacht. Brot war nicht mehr zu bekommen, Batterien auch nicht. Familienväter schoben mit betonter Selbstverständlichkeit zehn Kisten Wasser und eine Monatsration Konserven an die Kasse, als ob es um den Wochenendeinkauf ginge. Niemand wollte sich eine Blöße geben oder Panik verbreiten. Schließlich war nicht absehbar, dass derselbe Supermarkt ein oder zwei Nächte später eine ausgebrannte Ruine oder zumindest leergeplündert sein würde.
Am Nachmittag erreichten dann die Reizgaswolken die Kairoer Wohnviertel. Wie angekündigt, waren die Menschen nach dem Freitagsgebet auf die Straßen gegangen und hatten zu Zehntausenden den Rücktritt ihres Präsidenten gefordert. Das Regime reagierte mit Gummigeschossen und Gasgranaten, und zwar mit so viel Gas, dass es auch wirklich jeder Unbeteiligte mitbekam. Selbst auf der demonstrationsfreien Nilinsel Zamalek brachen die Menschen in Tränen aus. Viele traf es völlig unvorbereitet. Apotheken kramten hastig Schutzmasken hervor, die schon vor eineinhalb Jahren vor der Schweinegrippe nicht geholfen hatten, und selbst den Wasserpfeifen-Rauchern in den Cafés mit Blick auf die Hausboote ging die Luft aus. Es war ohnehin Zeit, nach Hause zu gehen. Die Regierung hatte eine Ausgangssperre verhängt, die letzten Mannschaftswagen der Polizei flüchteten über die Nilbrücken in ihre Quartiere oder in die Anonymität und überließen die Stadt in der Dämmerung weitgehend sich selbst.
Dann kamen die Plünderer. Unkontrollierte Gruppen von Kriminellen, so hieß es, hätten sich Waffen beschafft und seien in Supermärkte, Geschäfte und Wohnhäuser eingedrungen. Berichte von Massenausbrüchen aus Gefängnissen machten im Fernsehen die Runde. Aufgeregt wurden Informationen, Vermutungen und Gerüchte über Nachbarn und das Festnetztelefon weitergegeben. Und immer wieder war die gleiche Geschichte zu hören: Aufgebrachte Anwohner hatten am Abend im Kairoer Nobelvorort Maadi drei Plünderer gefasst und mit Tritten und Drohungen zu Geständnissen bewegt. Ja, sie seien vom Innenministerium, gestand der eine. Man habe ihnen den Auftrag gegeben, sich mit Waffengewalt Zugang zu Geschäften und Wohnhäusern zu verschaffen und sich selbst zu bedienen. Ausweise, die sie als Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden auswiesen, hatten sie auch dabei.
Am nächsten Morgen bestätigten sich viele Befürchtungen: Supermärkte und Einkaufszentren waren leer geräumt, ganze Straßenzüge verwüstet, Autos wurden aufgebrochen und abgebrannt. Polizei war weit und breit nicht zu sehen, die herbeigesehnte Armee bewachte nur wenige strategische Punkte und Plätze und hielt sich ansonsten raus. Über die sich allmählich wieder regenden Handys berichteten Freunde und Kollegen von Gewalt, Anarchie und Angst.
Mit Lautsprechern fuhren dann am Samstagabend junge Motorradfahrer durch die Wohnviertel und riefen alle Anwohner dazu auf, ihre Häuser zu schützen. Alle ägyptischen Mobiltelefone erhielten eine Textnachricht, die zur zivilen Mobilmachung aufrief. Ein knapper Satz forderte im Namen der ägyptischen Streitkräfte alle Männer dazu auf, zur Waffe zu greifen, um Familie, Besitz und Vaterland zu verteidigen. Es ist die einzige Textnachricht seit Tagen. Innerhalb von Stunden entsteht ein funktionierendes System von Bürgerwehren. An jeder Kreuzung, in jeder Straße finden sich Männer mit Knüppeln, Gewehren, Messern und Ketten.
Die Art der Waffen zeigt die soziale Stellung. Manche kommen mit Golfschlägern, andere mit Sensen oder Tischbeinen. Die Stimmung ist angespannt. Wer nicht mitmacht, ist ein Feigling. Es werden Barrikaden aus Schränken, alten Reifen und Steinen gebaut, brennende Ölfässer sorgen für Wärme. Man trinkt Tee und kämpft gegen Kälte und Müdigkeit. Gelegentlich sind Schüsse zu hören. Viele testen ihre Waffen, hin und wieder werden auch Unbekannte durch Warnschüsse vertrieben. Vorsicht und Nervosität sind berechtigt. Selbst in vermeintlich sicheren Gegenden werden verdächtige Männer auf Motorrädern gefasst. Schießereien und Explosionen, Handgemenge und Steinwürfe sind zu sehen, nicht nur in "manchen Stadtteilen", wie es in den deutschen Medien heißt, sondern überall. Im ganzen Land sieht es aus wie in einem Endzeit-Thriller.
Wirklich beruhigend sind die Bürgerwehren nicht. Viele Bürger haben es schnell satt, zum fünfzehnten Mal von wichtigtuerischen Jugendlichen kontrolliert und oft auch schikaniert zu werden. Oft ist schwer zu sagen, wer Beschützer und wer Plünderer ist. Selbsternannte Polizisten überbieten sich in Härte und Coolness, Drogen sind im Umlauf. Am Montag kippt die Stimmung, die Saat der Angst geht auf. Rufe nach der Polizei werden wieder lauter. Als in einigen Kairoer Stadtteilen erstmals wieder uniformierte Polizisten erscheinen und den Verkehr regeln, reagieren viele mit Erleichterung. Der Türsteher Ahmed, der tags zuvor noch alle Polizisten zur Hölle gewünscht hatte, bringt es auf eine simple Formel: "Wir wollten die Polizei weghaben und den Wandel. Jetzt ist der Wandel da, jetzt kann die Polizei wiederkommen."
Genau dies aber, so sind viele Ägypter überzeugt, sei das Kalkül des Regimes. Das Chaos der letzten Tage, von der Internetsperre bis hin zu den marodierenden Banden, könnte ein abgekartetes Spiel sein. Wer drogenabhängige Jugendliche und Kriminelle mit Schusswaffen nicht will, der könne schon bald wieder Mubarak wollen. Die Botschaft ist einfach und erprobt: Wenn ihr uns weghaben wollt, dann herrscht Chaos. Es könnte also sein, dass von der ägyptischen Revolution bald nur die Erinnerung an ein paar chaotische Tage mit Plünderungen und vielen Toten bleibt, während vieles andere so oder so ähnlich ist wie früher. Aber immerhin lebt es sich dann wieder sicher in Ägypten.
Erschienen am 2. Februar 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nr. 27, Seite 29.