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Einzeltitel

Günter de Bruyn - Literaturpreisträger 1996

von Dr. Wolfgang Schäuble

neu erschienen in: Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 1993 - 2002

Laudatio: Wolfgang Schäuble

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Laudatio auf Günter de Bryn

Das Werk eines Schriftstellers, der sein Leben lang Distanz zu politischen Zumutungen gesucht und gehalten hat, aus politischer Sicht zu würdigen, das ist keine ganz einfache Sache, und ob Günter de Bruyn daran Freude hat, das muß sich erst noch erweisen. Nun handelt es sich weder um den Lion-Feuchtwanger-Preis noch um den Thomas-Mann- oder Heinrich-Böll-Preis, auch nicht den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Künste - die alle sind Günter de Bruyn schon verliehen, und bei solchen wie vielen anderen Anlässen haben aus literarischer Sicht Berufenere sich mit de Bruyn und seinem Schaffen auseinandergesetzt. Heute geht es um den Literaturpreis der Stiftung, die den Namen des großen deutschen Staatsmannes der Nachkriegszeit - Konrad Adenauer - trägt. Und in Adenauers Leben und Wirken bündelt sich viel vom deutschen Schicksal in diesem Jahrhundert - von scheinbar festgefügten Strukturen im Kaiserreich und ihrer Auflösung im Ersten Weltkrieg; von dem Versuch, in all den Wirren, all dem Aufbruch in der Weimarer Zeit neue, feste Strukturen zu schaffen, und von dem Scheitern dieser Bemühungen, das die nationalsozialistische Diktatur möglich machte; vom alltäglichen Leben in der Nazi-Zeit, als die meisten nicht so viel riskieren, viele aber auch nicht so viel Anstand verlieren wollten; vom Grauen des Krieges und vom Überleben dabei und danach; und schließlich vom Ringen um eine bessere Zukunft für Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit, auch um Teilung und Einheit für ein Deutschland, das sich und andere in diesem Jahrhundert so unsäglich geschunden hat und das doch nicht am Ende ist. Vielleicht rechtfertigt das den Beitrag eines Menschen, der allenfalls durch seine Tätigkeit in der Politik dazu legitimiert sein kann. Im übrigen werden zu Ehrende üblicherweise diskret konsultiert, ob sie mit der Person des Laudators sich abfinden können, so daß, verehrter Herr de Bruyn, wir das Risiko irgendwie schon gemeinsam tragen müssen. Und da ich aus Ihren Büchern weiß, wie unerbittlich streng Sie es mit der Wahrheit gegenüber sich selbst, aber doch wohl auch gegenüber anderen nehmen, liegt mir an dieser Feststellung. Literatur hilft uns, unsere Zeit, unser Leben, uns selbst besser zu verstehen, und in dem Werk von Günter de Bruyn findet sich viel an Erklärung über das Leben in Deutschland in diesem Jahrhundert. Dabei ist de Bruyns Leben und Wirken alles andere als typisch oder repräsentativ; immer ist er Einzelgänger. Öffentliches Auftreten war lange seine Sache nicht, eher war er scheu und zurückgezogen. Wenn er später Heimweh nach der Zeit der Kindheit hatte, schreibt er in der Zwischenbilanz, galt das weniger der Familie als dem eigenen Zimmer, vor allem der Tür, die ich hinter mir schließen konnte". Er liest und liest, er fragt und sinniert, er beobachtet unablässig sich selbst und andere. Erinnerung, hat de Bruyn in einem Gespräch mit Uwe Wittstock gesagt, ist nie ganz korrekt. Juristen, das füge ich an, können ein Lied davon singen: kein unzuverlässigeres Beweismittel als Zeugenaussagen. Vielleicht liegt in dieser Einsicht ein Grund dafür, daß die Erinnerungen de Bruyns so undramatisch geschrieben sind, nüchtern, fast trocken manchmal, aber nie langweilig. Weil die Skepsis gegenüber der Erinnerung mit der Unerbittlichkeit in der Suche nach Wahrheit sich mischt, sind die von de Bruyn mitgeteilten höchst persönlichen und subjektiven Erfahrungen viel aussagekräftiger als vieles nach Allgemeingültigkeit eiferndes Geschwätz. Ich beziehe mich, was niemanden überraschen dürfte, in meinen Anmerkungen vor allem auf den autobiographischen Teil von de Bruyns Werk, auf die Zwischenbilanz und auf die Vierzig Jahre, für die ich Neugier wecken darf, weil die Ehre, hier sprechen zu dürfen, mit dem Privileg verbunden war, diesen Teil von de Bruyns Lebensbericht vorab lesen zu dürfen. In Romanen und Erzählungen, sagt de Bruyn in der Einleitung der Zwischenbilanz, habe er lange um sein Leben herumgeschrieben. Jetzt versuche er, es direkt darzustellen, unverschönt, unüberhöht, unmaskiert... Er verspricht, was er sagt, ehrlich zu sagen; alles zu sagen, verspricht er nicht." Also sieht de Bruyn seine Erinnerung, sein Nachdenken über sein Leben als seinen Beitrag zum Verständnis unseres Lebens, unserer Zeit. Das Angebot lohnt, angenommen zu werden. Wie sehr Wurzeln den Menschen prägen, wie sehr der Mensch Wurzeln braucht, das liegt in dem Angebot enthalten. Fotografien betrachtet de Bruyn, um die Familiengeschichte wieder lebendig werden zu lassen, um die Wurzeln zu zeigen. Der Katholizismus des aus Bayern stammenden Vaters, der im preußischen Postbeamtenmilieu der mütterlichen Familie, in Berliner oder märkischer Umgebung stark genug war, die Mutter zum Übertritt in den katholischen Glauben zu bewegen, prägt Leben und Wirken de Bruyns zu Zeiten beider deutscher Diktaturen. Bindungen, die stark genug waren und sind, sich gegen Anpassung zu behaupten, schaffen Unabhängigkeit, hemmen Verführung. Aber sie tragen auch dazu bei, sich auf sich selbst zu konzentrieren, sich um andere weniger zu kümmern und in öffentlichen Angelegenheiten eher zurückhaltend zu bleiben. Das half über Nazi-Zeit und Krieg hinweg, und auch in der sozialistischen Diktatur schuf es Distanz. Die evangelische Kirche war in der DDR größeren Anfechtungen ausgesetzt, und sie unterlag ihnen, wie wir heute wissen, noch mehr, als wir schon damals ahnten. Aber Grund zur Überheblichkeit, darauf habe ich als Evangelischer schon gelegentlich hingewiesen, hat niemand. Die katholische Kirche, schreibt de Bruyn in den Vierzig Jahren, verharrte relativ unauffällig in ihren religiösen Bereichen, machte sich mit dem Staat weder gemein, noch legte sie sich mit ihm an. Evangelische Landeskirchen dagegen zeigten sich allem Kulturellen gegenüber aufgeschlossen und boten Schriftstellern ein nicht-staatliches repressionsfreies Wirkungsfeld, was auch den katholischen de Bruyn in den 70er und 80er Jahren häufig zu Veranstaltungen in evangelischen Akademien und Dorfkirchen, Gemeinderäumen und Pfarrgärten unterwegs sein ließ. Auch wenn das Ausmaß der Unterwanderung durch Spitzel die bösesten Ahnungen übertraf und insofern die Aufdeckung später erschreckend war, änderte es für de Bruyn an dem Wert nichts, den das kirchliche Forum für ihn und manche seiner Kollegen hatte. Größere Anfechtbarkeit und subversive Gefährdung, das war zu Zeiten der DDR zwischen evangelischer Kirche und Staat ein durchaus gegenseitiger Prozeß. Die katholische Minderheit war demgegenüber für die sozialistische Diktatur weniger erreichbar, aber sie erreichte umgekehrt auch andere kaum, weshalb sie als wenig gefährlich hingenommen wurde. Zu den Wurzeln, die prägen und Halt vermitteln, zählt auch die Heimat bei de Bruyn. Das spürt der Leser in der Zwischenbilanz fast auf jeder Seite, wenn Häuser beschrieben oder Landschaften in der Erinnerung noch einmal erwandert werden. Was de Bruyn in dem Lebensabschnitt während Drittem Reich und Krieg noch eher Rückzug, begrenztes Fernhalten von allgemeinen Entwicklungen und Katastrophen, auch etwas Introvertiertheit ermöglichte, wird für ihn während der zweiten Diktatur mehr und mehr zu einer Grundbedingung seines literarischen Schaffens. Er, der vielleicht schon wegen seines katholischen Glaubens zu allen Zeiten der Teilung dem Westen und seiner Ordnung gegenüber gedanklich weniger distanziert war als andere sonst durchaus Vergleichbare, konnte sich nie entscheiden, die DDR zu verlassen. Die Wurzeln waren stärker, obwohl wir auch in den Vierzig Jahren lesen, wie quälend oft das Ringen um Gehen oder Bleiben war, die Versuchung und die Ängste, wie schwierig auch die Diskussion zwischen den einen und den anderen war und wie zunehmend das Unverständnis wuchs. Das ist für mich ein Schlüssel für das Begreifen dessen, was im Inneren von Menschen vorgeht nach all ihren persönlichen Erfahrungen von Teilung und Einheit in unserem noch immer schwierigen Vaterland. Viele der Konflikte um Eigentums- und Grundstücksfragen, mit all der Bitterkeit, zu der Auseinandersetzungen eskalieren müssen, in denen beide recht haben, aber Recht deshalb nicht bekommen können, sind ja in Wahrheit auch Auseinandersetzungen zwischen solchen, die schon früh gingen bzw. deren Erben, und solchen, die blieben - wobei Juristen übrigens auch wissen, daß Erbstreitigkeiten mit zunehmendem zeitlichen Abstand immer härter werden, weil die Nähe abnimmt, die Wurzeln schwächer werden. Und so erklären sich vielleicht auch die Frustrationen bei vielen der Aktiven, die aus der Bürgerbewegung 1989 zuerst auf die Straße gingen, weil sie zur Verhinderung weiterer Abwanderung, weiteren Ausblutens der DDR nun endlich das Eintreten für Reformen für unausweichlich hielten, über die dann aber die Ereignisse schnell hinweggingen, weil aus dem Ruf Wir sind das Volk" bald der Ruf Wir sind ein Volk" wurde und statt Reform der DDR die Wiedervereinigung für die Mehrheit der Menschen auf die Tagesordnung kam. De Bruyn jedenfalls blieb, wobei in den Zeiten, als nach Ausweisung und Ausbürgerung von Wolf Biermann und anderen Literaten und Künstlern die Versuchung zum Gehen größer wurde, dann doch die Bindung an seine Leser die Oberhand behielt, die er nicht im Stich lassen wollte, deren Anerkennung ihm wichtig war. Ubi bene ibi patria - das wäre zu einfach. Aber daß Anerkanntsein, Resonanzfinden auch Wurzeln verstärkt, Bindungen schafft, das erschließt sich in der Beobachtung de Bruyns doch auch. Und das führt zu einem anderen wichtigen Aspekt von dem, was uns de Bruyn über Abhängigkeit und Versuchungen im Leben unter einer Diktatur schildert. De Bruyn beschreibt sich selbst vielfach als eher apolitisch, jedenfalls öffentlichem Auftreten und öffentlicher Aufmerksamkeit abgeneigt. Richtig ist", sagt er in dem schon erwähnten Gespräch mit Uwe Wittstock, daß ich der idealistischen Vorstellung lange angehangen habe, das geballte Gute werde schon irgendwie das Schlechte besiegen." Also war der Verzicht auf eigenes Engagement gegen das Schlechte entschuldigt, im Dritten Reich wie zu Zeiten der DDR. Mit dieser Einstellung konnten die Menschen in den Diktaturen sich einrichten auf dem schmalen Grat zwischen menschlichem Anstand und aus Vorsicht gebotenem Beugen und Verbiegen, das de Bruyn geradezu sezierend beschreibt. Die Frage, inwieweit man ehrlich sein kann innerhalb einer Gesellschaft, die das Individuum daran hindert, ehrlich zu sein", durchzieht seine Bücher, und er richtet die Frage an alle, zuerst aber und vor allem an sich selbst. Wenn es sich vermeiden ließ, wollte man lieber nicht auffallen, um Drangsal und Verfolgung zu entgehen. So ist der Mensch, und um vorwärts zu kommen, macht er auch Kompromisse. In der Neuen Herrlichkeit ist das köstlich beschrieben. Wer darüber urteilen mag, weil andere mutiger erschienen, der wird spätestens bei de Bruyns Lebensbericht Vierzig Jahre zur Vorsicht gemahnt. De Bruyn hat weniger Kompromisse mit dem DDR-System geschlossen als die meisten in vergleichbarer Lage. Vom Traum des sozialistischen Experiments hat er nie etwas gehalten. So gering sein Interesse an Politik war, so sehr wollte er nach dem Krieg auf eigene Verantwortung leben und von jeglicher Ordnung, wenn sie schon sein mußte, in Ruhe gelassen werden. Aber ein Broterwerb mußte sein, und um als Lehrer oder danach als Bibliothekar in Ruhe gelassen zu werden, auch um an Bücher zu kommen, machte er zwar so wenig wie möglich, aber eben doch auch so viel wie nötig mit. Im Lebensbericht beschreibt er seine Mitwirkung in einer bibliothekarischen Bestandskommission, eine Art Volksgerichtshof für Bücher, ein Ausschuß zur Reduzierung überkommener Bestände, derjenigen Werke also, die das Verbot nazistischer oder unter Nazismus-Verdacht stehender Literatur überstanden hatten, aber ihres Erscheinens in den 20er und 30er Jahren wegen verdächtigt wurden, bürgerlich infiziert, also feindlich zu sein". Dabei kam eine allgemein gehaltene Anleitung zur Verbesserung der Buchbestände" und eine Beispielsammlung heraus, die anhand weniger Titel deutlich machte, woran pazifistisches und unwissenschaftliches Gift zu erkennen war: ein Faltblatt, in dem er zu seinem Entsetzen unter mehreren Mitarbeitern auch seinen Namen las. Wiewohl beschämt, zog er damals nicht die Lehre, daß mitmachen Mitverschulden bedeutet, sondern hielt an der Meinung, daß man, um Schlimmeres zu verhüten, schlimme Posten wenn möglich besetzen sollte, noch lange Zeit fest". Wenn man die Tarnmethode nur gut genug entwickelte, konnte man durchaus gegen die Intention der Oberen auch in Einzelfällen erfolgreich sein. Die Vermutung", schließt de Bruyn dieses Kapitel, daß diese edlen Motive, so echt sie auch waren, teilweise doch der Kaschierung von Ehrgeiz dienten, schließe ich heute nicht aus." Spröder, aber auch mitleidloser gegen sich selbst, kann man es nicht ausdrücken. Daran knüpft die Bemerkung an, daß er sich willig und wendig" zeigen mußte, um Druckerlaubnis zu bekommen, weil er als Schriftsteller Bestätigung durch Publikation brauchte. Daß sich Aushilfszensoren dabei oft als schärfer erwiesen als die richtigen Zensoren, weil sie um ihre Geldquelle bangten und weil in diesem Metier noch nie jemand wegen zu großer Strenge bestraft worden war, wohl aber wegen Freizügigkeit", das fügt sich gut in diese Geschichte. Denn zu dieser Geschichte gehört, daß mit dem Erfolg auch die Freiräume etwas größer wurden - für de Bruyn und für andere. Als der ,Hohlweg', so hieß der Roman, mit dem Heinrich-Mann-Preis geehrt wurde, konnte ich zum ersten Mal die Beobachtung machen, daß die Gesprächskonventionen, trotz der engen Grenzen, die ihnen gesteckt waren, sich auf den verschiedenen Ebenen unterschiedlich entwickelt hatten; sie wurden, zumindest in Kunstbereichen, um einige Nuancen lockerer nach oben hin. Das hing vielleicht auch mit dem höheren Bildungsgrad, der vorausgesetzt werden konnte, zusammen, in weit höherem Maße aber mit der größeren Selbstsicherheit. Auch war man geschützter in diesen der Macht näheren Kreisen. Man wußte, wie Gnade und Ungnade zustande kamen; man bekam eher Wind von Änderungen des Kurses, so daß man sich darauf einstellen konnte; man hatte Freunde in Machtpositionen, an die man in Notfällen sich wenden konnte; und der eigene Name, wenn er bekannt genug war, schützte auch." So relativiert de Bruyn seinen eigenen Mut, der ihn 1976 zum Unterzeichner des Biermann-Protestes werden ließ, worauf er mit anderen aus dem Berliner Vorstand des Schriftstellerverbandes verstoßen wurde. Und wenn er über die Mitgliederversammlung des Berliner Schriftstellerverbandes 1979 berichtet, in der über den Ausschluß von neun Kollegen befunden wurde und in der de Bruyn seinen Vorsatz flammenden Protestes nicht verwirklichte, dann schließt er mit dem nüchternen Satz: Die Klugheit, oder anders betrachtet: das Ruhebedürfnis hatte gesiegt." Durch Vorsicht gebremste Rebellions-Atmosphäre" nennt de Bruyn das an anderer Stelle. In diesen Zusammenhang gehört auch die lange Gesch ichte der Schriftstellerprivilegien, die de Bruyn unnachsichtig beschreibt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hatte sich die gängige Praxis, durch Lebensmittelpakete, Wohnungszuweisungen, Autos, Reise- und Informationsmöglichkeiten Zustimmung und Treuebekenntnisse zu erkaufen, glänzend bewährt." Den Nationalpreis 1. Klasse, der ihm im Oktober 1989 verliehen werden sollte, lehnte de Bruyn dann zwar ab, aber im Rückblick erkennt er, daß individueller Mut, eigener Gewinn", wie er schreibt, nur ein Ausläufer des Stroms der Zeit gewesen ist. Daß autonom gefaßte individuelle Entschlüsse sich aus zeitlicher Distanz gesehen als Teil allgemeiner Tendenzen erweisen, hatte ich oft schon erlebt." Wer so unnachsichtig sich selbst analysiert, der darf auch mit anderen ins Gericht gehen. Und er hält uns den Spiegel vor, den westdeutschen Intellektuellen in ihrer Neigung, die DDR in einer Mischung aus Fürsorge, Überheblichkeit und Engagement für ein sozialistisches Experiment, unter dessen Schattenseiten man selbst nicht zu leiden hatte, zu verklären. Nachdem er den armseligen Raum beschrieben hat, in dem sein Freund hauste und in dem man sich traf, voller Regale, die Fenster halb unter der Erdoberfläche, so daß auch am Tage Elektrobeleuchtung notwendig war, folgt der Satz: Hier war die Nische, mit der zwei Jahrzehnte später ein prominenter Zugereister, ein DDR-Kenner und -Liebhaber, das Leben in diesem Staat zu charakterisieren meinte, dabei aber die Bedrohung, die bis in diese freundliche Abgeschiedenheit reichte, zu erwähnen vergaß." An die Endgültigkeit der Teilung hat de Bruyn nie geglaubt. Und daß die DDR kaum antimarxistischen Widerstand hatte und jahrzehntelang als der treueste Vasall der Sowjetunion gelten konnte, hing weniger, wie oft behauptet wurde, mit dem deutschen Nationalcharakter als vielmehr mit der deutschen Teilung zusammen, die Freiheitsdurstigen den Ausweg nach Westen ließ" - was wiederum für die Einheit der Nation sprach, von deren Fortbestehen de Bruyn immer ausging, so wie er eine eigene DDR-Literatur nicht sieht, sondern sein und seiner Kollegen Schaffen immer als Teil deutscher Literatur verstand. Wie scharf de Bruyn beobachtet, das spüre ich auch in dem letzten Kapitel - Martinstag" überschrieben - seiner Vierzig Jahre. Der Abschiedsschmerz, den er in all dem Jubel über die Öffnung der Mauer auch empfindet, galt nicht etwa dem Staat, der uns eingesperrt und gedemütigt hatte, sondern einem Kreis von Freunden, der sich unter dem Druck von Bedrohung und Einschränkung gebildet hatte und nun zerfiel. Er war einer jener Gemeinschaften, die im Westen den Eindruck von einem menschlicheren und gemütvolleren Zusammenleben im Osten erweckt hatten. Falsch war der Eindruck nicht, aber kurzsichtig. Denn es handelte sich um Notgemeinschaften, die mit dem Ende der Not ihr Ende finden. Auch die einst so gefeierte Frontkameradschaft währt nur solange, wie Kriege dauern. Dankbar und wehmütig kann man sich an sie erinnern; sie sich zurück zu wünschen, empfiehlt sich nicht." Die Unerbittlichkeit, mit der de Bruyn mit der Erinnerung nach der Wahrheit sucht, wird mir in dem Kapitel Streng geheim" fast bedrückend. Wie er seine Erinnerung an Stasi-Versuchung dann nach der Wende mit der Erfahrung der Akteneinsicht vergleicht und sich, der er nichts und niemanden verraten hat, quälend vorwirft, doch schon zu willfährig gewesen, sich aus Angst untreu geworden zu sein, das hat mich von dem fürchterlichen Nachwirken des Stasi-Systems, von Bedrohung und Verführung mehr verstehen lassen. Bei soviel Strenge im Urteil gegen sich selbst muß einer wie ich auch die Kritik ertragen, wenn de Bruyn im Spiegel"-Gespräch am 25. Juli 1994 zu meiner Aussage, ich wüßte nicht, wie ich mich in der DDR verhalten hätte, sagt: Das klingt ehrlich und ist anbiederisch. Wichtig erscheint mir, den Leuten zu sagen, wie sie sich hätten verhalten müssen. Wer ein Menschenrecht auf Mitläufertum propagiert, trägt dazu bei, daß politisch-moralische Maßstäbe schwinden." Ein Menschenrecht auf Mitläufertum will ich nicht propagieren. Vielleicht aber könnten wir uns doch darauf verständigen, daß diejenigen, die unter einer Diktatur nicht zu leben hatten, im Urteil über Bestehen und Versagen in der Diktatur zurückhaltender sein sollten und daß wichtiger als das besserwisserische Urteil über die anderen die offene Aussprache und das aufmerksame Zuhören sind. Zuhören, genau lesen, das lohnt sich bei Günter de Bruyn, und damit Sie das hoffentlich auch so empfinden, habe ich ihn jetzt viel zitiert, ihn selbst sprechen lassen. Für das, was ich selbst dabei erfahren habe, möchte ich danken. Nun habe ich mich mit dem deutschen Schriftsteller Günter de Bruyn nur unter dem politischen Blickwinkel von deutscher Teilung und Einheit beschäftigt. Den Dank für viel umfassendere Bereicherung und Lesevergnügen will ich noch nachschieben. Ich mag den unprätentiösen, ehrlichen, klaren und schlichten, manchmal fast kargen Erzählstil, der seine Akzente nicht durch laute Töne oder verblüffende Effekte, sondern eher durch das einvernehmliche Augenblinzeln, die feine Ironie setzt. Und bei aller Strenge schimmert bei de Bruyn immer eine große Menschenfreundlichkeit durch. Da stimme ich Christa Wolf in ihrer Laudatio anläßlich der Vergabe des Lion-Feuchtwanger-Preises 1981 ausdrücklich zu. Wenn er die Schwächen der Menschen beschreibt, ist es nie verletzender Spott, sondern verführt immer zum Schmunzeln. Die Schwierigkeiten von Teo Overbeck bei der Preisverleihung verstehe ich inzwischen besser. Und Buridans Esel - für die Probleme des Bibliotheksleiters Karl Erp haben wir ja in unserer Ministerialverwaltung längst eine bürokratische Variante, den Ministerialrat, der die absolute Ruhe in der ihm wegen Überarbeitung verordneten Kur nicht erträgt, zum Kartoffelsortieren eingeteilt wird und nach zwei Tagen zusammengebrochen den Arzt wieder um Entbindung dieser zu schweren Tätigkeit bittet. Was, fragt der Arzt, soll denn daran schwer sein, Kartoffeln in große und kleine einzuteilen? Eigentlich nichts, antwortet unser Ministerialrat, aber immer diese Entscheidung... Nichts gegen unsere Verwaltungen. Als 1990 eine unerhörte Begebenheit überraschend zur deutschen Einheit führte, haben viele mit nicht für möglich gehaltenem persönlichen Einsatz und Entscheidungsfreude nicht gezögert und zu dem beigetragen, was Günter de Bruyn so beschreibt: 40 Jahre lang hatte ich den anderen Teil Deutschlands, mit dem ich kritisch immer mitgelebt hatte, als den freien empfunden, war aber, hauptsächlich aus Gründen der Bodenhaftung, nicht in ihn übergewechselt und schließlich, ohne die Gegend, die es mir angetan hatte, aufgeben zu müssen, doch in ihm angelangt." Noch bleibt freilich viel zu tun, um die Einheit zu vollenden. In seinem Essay Jubelschreie, Trauergesänge - Bemerkungen zum Literatenstreit", der im August 1990 veröffentlicht wurde, hat Günter de Bruyn so etwas wie eine Grunderkenntnis - und zugleich sein Grundbekenntnis - formuliert, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, weil sie besser, eindringlicher und dabei zugleich unaufgeregter als so viele sich als hohl erweisende Befindlichkeitsphrasen unsere Probleme miteinander beschreibt. Das Gespräch zwischen Ost und West, das mit einem Mißklang begann, muß fortgesetzt werden, damit die abgerissene Mauer nicht in den Köpfen noch fortbesteht. Es wird schwierig werden, weil unterschiedliche Lebenserfahrungen und Denkgewohnheiten das Verständnis erschweren, und es neigt dazu, heftig und unfair zu werden, weil beide Seiten die Angst vor Überfremdung beherrscht. Die einen, die Überlegenen, die das Glück hatten, in Freizügigkeit und Weltoffenheit aufzuwachsen, verlangen mit Recht von den anderen, den einerseits Leidgeprüften, Enttäuschten, Gegängelten, andererseits aber auch Kritikungewohnten, Machtbeflissenen, Gehätschelten, eine Analyse ihrer Irrtümer, Versäumnisse oder Schuldverstrickungen; doch die fordernden, manchmal verletzenden Töne, die Einfühlung in Unterdrückungsverhältnisse vermissen lassen, provozieren statt Selbstauseinandersetzung Gegenvorwürfe, die oft die alte ideologische Schulung verraten und unausgesprochen im Gegenüber die Vorstellung erzeugen sollen: er sei, weil er sich, statt einer Utopie anzuhängen, mit einer zugegebenermaßen von Fehlern nicht freien Staatsform begnüge, ein schlechterer Mensch. Während die einen darauf insistieren, ihre in vier Jahrzehnten gewachsene Identität zu bewahren, fragen die anderen, ob das nicht nachträgliche Identifizierung mit dem Unrechtsstaat ist. Eine Verständigung scheint also beiden Seiten kaum möglich. Aber nicht nur darin sind die Kontrahenten sich ähnlich. Beide nämlich neigen dazu, Pauschalurteile übereinander zu fällen, als hätten die zwei deutschen Staaten zwei ganz nach ihrem Bilde geformte Geisteskollektive geschaffen, während die offensichtlichen Tatsachen doch zeigen, daß die Geistes- und Meinungsgrenzen anders verlaufen, als die Mauer einst lief. Beide vermutlich müssen noch lernen, eine Meinung, die man nicht teilen kann, gelten zu lassen. So kann man zum Beispiel, wie der hier Schreibende, unfähig sein zu begreifen, daß das Ende eines verhaßten Staates, der einen bedrückte, würdelos machte, zu feigem Schweigen verdammte, eine dem Heimatverlust vergleichbare Trauer erzeugen könne, und trotzdem glauben, daß dieser Schmerz, sollte er echt sein, einen Dichter zu etwas Bleibendem anstiften kann." Wer so erkennt und bekennt, der müht sich mehr als andere um die Vollendung der Einheit. Und so ist Günter de Bruyn ein Schriftsteller der deutschen Einheit, mit seinen zu Zeiten der deutschen Teilung entstandenen Werken so sehr wie mit denen, die nach dem Herbst 1989 geschrieben wurden. Davon können wir gar nicht genug haben, und in der Hoffnung auf weiteres ehren wir heute Günter de Bruyn.

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23. Januar 2003
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