Einzeltitel

Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften

von Dr. Annette Schavan

Serie: „Warum die Geisteswissenschaften Zukunft haben!“ (7)

Ein Jahr der Projekte und Aktionen geht zu Ende. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, über die Bedeutung und Aufgaben der Philologien.

Die Geisteswissenschaften sind in unserer Gesellschaft präsent, das Interesse an ihnen ist groß. Dennoch

werden sie im Alltag in ihrem wirklichen Wert und ihren besonderen Leistungen oft verkannt. Dabei sind allein die Theater und Museen, ja die gesamte Kulturwirtschaft ohne die Geisteswissenschaften nicht denkbar. Denkt man an

die klassischen Kompetenzen, die Geisteswissenschaftler während ihres Studiums erlernen, also Kommunikation, Analyse und Prognose, so gewinnt deren Beherrschung in Zeiten der Globalisierung an zusätzlicher Bedeutung.

Denn allein diese Kompetenzen ermöglichen die bessere Verständigung zwischen Regionen und Ländern, zwischen Kontinenten, zwischen Kulturen und Religionen. Die Globalisierung eröffnet uns aber auch einen neuen Blick auf

die Geisteswissenschaften. Ob es sich hier um Sinologie oder Indologie handelt, um die Islamwissenschaften oder um Afrikanistik: Diese Fächer sind wichtig im und für den internationalen Dialog, wichtig für eine Verständigung der Völker und Kulturen. Ohne diese Dialogkompetenzen wird es keine Geschäfte und keine politische Verständigung geben. Es ist also geradezu absurd, die Frage nach der Nützlichkeit der Geisteswissenschaften zu stellen, es sei denn, man legt einen völlig falschen Begriff von Nützlichkeit an.

 

 

 

Abc der Menschheit

Im Jahr der Geisteswissenschaften rücken Vielfalt und Bedeutung der

Geisteswissenschaften mit ihrer breiten Palette an Fächern, Themen und

Methoden in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Im Mittelpunkt

stehen dabei die Sprachen. Sprache ist die Ausgangsbasis für jede Art von

Denken und Mitteilen. Deswegen steht sie im Mittelpunkt des Jahres der

Geisteswissenschaften. Sprache ist Reden, aber auch Mimik und Gestik, Musik

und Tanz. Sprache macht die konstitutionelle Verbindung von Tradition,

Kontinuität, Aktualität und Zukunftsfähigkeit in den Geisteswissenschaften

erfahrbar.

 

 

17 Studienbereiche und 96 Fächer zählt der Wissenschaftsrat zu den

Geisteswissenschaften. Auf den ersten Blick mag ein gemeinsames

Wissenschaftsjahr für diese Vielfalt der geisteswissenschaftlichen Fächer

deshalb als ungerecht erscheinen. Weil die Geisteswissenschaften aber von

der interdisziplinären Zusammenarbeit leben und auf sie angewiesen sind,

bietet ein solches gemeinsames Jahr die Chance, der Öffentlichkeit die

Pluralität und die vielfältigen Kooperationen der Wissenschaften

untereinander vor Augen zu führen.

 

 

Die Öffentlichkeit braucht die Geisteswissenschaften, und die

Geisteswissenschaften brauchen Öffentlichkeit. Deshalb begleiten vielfältige

öffentlichkeitswirksame Aktionen dieses Wissenschaftsjahr. Sie stehen alle

unter dem Motto „Die Geisteswissenschaften. Das Abc der Menschheit". Mit den

26 Buchstaben des Alphabets sind Begriffe verbunden, die für alle

geisteswissenschaftlichen Fächer zentral sind - von A wie Aufklärung über C

wie Courage bis Z wie Zukunft.

 

 

Damit das „Abc der Menschheit" kein abstrakter Begriff bleibt, wurden

basierend auf einer Idee des Schweizer Künstlers Feiice Varini an

bedeutenden öffentlichen Gebäuden über ganz Deutschland verteilt

Buchstaben-Installationen angebracht. Diese Installationen sollen die

Neugier der Bürgerinnen und Bürger auf die Geisteswissenschaften wecken und

das Interesse auf die vielfältigen Veranstaltungen von rund 300 Partnern aus

Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft in ganz Deutschland richten. Die

Vielfalt der Veranstaltungen macht deutlich, dass die Geisteswissenschaften

schon längst aus ihren Lesestuben und Elfenbeintürmen herausgekommen sind.

Das Jahr der Geisteswissenschaften bietet ihnen eine Plattform, ihre

Aktivitäten vorzustellen und so die öffentliche Sichtbarkeit der

Geisteswissenschaften deutlich zu erhöhen. Mit großem Erfolg übrigens, wie

sich schon zur Halbzeit sagen ließ.

 

 

Darüber hinaus hat das Jahr der Geisteswissenschaften eine Debatte in den

Geisteswissenschaften und in der Öffentlichkeit angeregt. Auf öffentlichen

Podien und in den Medien diskutieren Vertreter aus Politik, Wissenschaft und

auch aus der Wirtschaft die Bedeutung der Geisteswissenschaften für unsere

Gesellschaft. Gerade diese Debatten, so kontrovers sie auch geführt werden

mögen, sind wichtig und halten die Geisteswissenschaften lebendig. Anders

als die Naturwissenschaften, deren Nutzen für die Gesellschaft im täglichen

Gebrauch neuer Erfindungen unmittelbar zutage tritt, leben die

Geisteswissenschaften davon, neue Denkhorizonte aufzuzeigen. Die

Geisteswissenschaften reflektieren Kriterien und Maßstäbe zur Bewertung von

Modernisierungsprozessen.

 

 

 

Selbstbewnsst statt verzagt

Geisteswissenschaften sind immer diskursiv. Diesen Diskurs in die

Öffentlichkeit zu tragen ist ein wichtiges Anliegen des Jahres der

Geisteswissenschaften.

 

 

Öffentliche Sichtbarkeit der Geisteswissenschaften kann aber nicht nur durch

öffentlichkeitswirksame Aktionen und Mediendebatten hergestellt werden - sie

braucht ebenso das Engagement der Geisteswissenschaften selbst. Sie müssen

mobilisiert werden, sie müssen motiviert werden, um die Bedeutung und

Relevanz ihrer.Arbeit in der Mitte der Gesellschaft sichtbar zu machen.

Gleichzeitig müssen sie sich in Profildiskussionen an den Hochschulen

selbstbewusst positionieren und nach neuen und innovativen Formen

wissenschaftlicher Zusammenarbeit sowie neuen Kooperationsformen mit

Wirtschaft und Kultur suchen.

 

 

Ein wichtiger Impuls ging von dem Wettbewerb „Geist begeistert" aus, der vom

Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgeschrieben und von der

Universität Bremen durchgeführt wurde. Fast 170 Hochschulinstitute nahmen

daran teil und stellten ihre zum Teil sehr originellen Ideen zum

öffentlichkeitswirksamen Engagement der Geisteswissenschaften vor. 15

Projekte wurden mit je 15 000 Euro prämiert, weitere 24 erhielten aufgrund

der Qualität ihrer Vorhaben einen Anerkennungspreis von jeweils 7500 Euro.

Aktionen wie „Zugßildung", ein Hörprogramm für die Bahn, „Philosophie mit

Musik", eine multimediale Erschließung von Wittgensteins Werk, oder „Die

Sprache einer Ausstellung", eine Dialogreihe auf der Documenta 12 in Kassel,

zeigen, dass Geisteswissenschaftler sehr wohl |n der Lage sind, ihre Themen

und Anliegen allgemein verständlich und anschaulich zu vermitteln und dass

die oft beschworene Erlebnisqualität kein Privileg der Naturwissenschaften

sein muss.

 

 

Der Ausweis des eigenen Profils der

Geisteswissenschaften spielt auch für die Mobilisierung der

Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle, um konstruktive Selbstreflexion

zu betreiben, sich zu vernetzen und neue Arbeitsformen zu entwickeln. Auf

Veranstaltungen wird selbstbewusst die internationale Exzellenz der

deutschen Geisteswissenschaften vorgestellt, offensiv mit der Wirtschaft

über den Geist des Managements diskutiert und die Debatte um Standards für

und durch die Geisteswissenschaften angestoßen. Hier wird deutlich, dass die

Geisteswissenschaften in der immer wichtiger werdenden Profilbildung von

Hochschulen national wie international eine bedeutende Rolle spielen.

Innovative Kraft.

 

 

Die Geisteswissenschaften sind in der modernen Gesellschaft von größter

Relevanz: Das zeigt sich an den vielfältigen neuen Kooperationen und

Vernetzungen; die das Jahr der Geisteswissenschaften angestoßen hat. Wenn

sich beispielsweise erstmals die Union der Deutschen Akademien der

Wissenschaften und die Staatlichen Museen zu Berlin zu einem gemeinsamen

Projekt zusammentun und daraus eine große Ausstellung über die kulturund

politikgeschichtliche Bedeutung des Alten Orients entsteht; wenn das

deutsche Literaturarchiv Marbach und die Gerda-Henkel-Stiftung gemeinsam die

Gerda-Henkel-Stipendien für Ideengeschichte begründen; wenn sich über den

Deutschen Städtetag rund 30 Städte in Partnerschaften zur Erschließung

geistesgeschichtlicher Großthemen zusammenfinden, zeigt sich, welch

innovative Kraft die Geisteswissenschaften tatsächlich haben und wie sie

sich in die Gesellschaft einbringen. Schon im ersten Halbjahr 2007 ist es

gelungen, einen Mobilisierungseffekt zu erzielen, der den

Geisteswissenschaften eine neue und starke Positionierung unter den

Wissenschaften ermöglichen wird. Dies ist der Beginn einer strukturellen

Stärkung, die sich fortsetzt in den förderpolitischen Maßnahmen, die das

Bundesministerium für Bildung und Forschung in diesem Jahr der

Geisteswissenschaften auf den Weg bringt.

 

 

Die Geisteswissenschaften leisten einen unersetzbaren Beitrag zum

kulturellen Gedächtnis, sie vermitteln zwischen den Kulturen, sie

reflektieren und bieten Orientierung über Werte und Entwicklungen in den

Teilbereichen der Gesellschaft und gestalten die Zukunft. Darüber hinaus

tragen die Geisteswissenschaften wesentlich zur Internationalisierung von

Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft bei und sind mit ihrer

spezifischen Expertise bei diesem Prozess unerlässlich. Die

Geisteswissenschaften reflektieren aber auch Kriterien und Maßstäbe zur

Bewertung von Modernisierungsprozessen. Sie sind nicht schlichte

Kommentatoren der Naturwissenschaften oder der Technik Sie sind zwingend

notwendige Partner im Dialog mit den Naturwissenschaften.

Geisteswissenschaften betreiben kulturelle Grundlagenforschung, die zwar

offen ist für die akademische Anwendung, deren Bedeutung sich aber

keinesfalls in konkreten Nutzanforderungen erschöpft. Ziel der Förderung der

Geisteswissenschaften ist es, den akademischen und gesellschaftlichen

Gedankenaustausch zu präzisieren, die Internationalisierung

geisteswissenschaftlicher Forschung zu intensivieren und zum Verständnis und

zur Nutzbarmachung der Globalisierung notwendiges Hintergrundwissen über

fremde Kulturen zu erarbeiten, vom Ausland zu lernen sowie die Entwicklung

entsprechender geisteswissenschaftlicher Methoden voranzutreiben.

Hier wird in Deutschland gute Arbeit geleistet. Dennoch muss sich die

deutsche geisteswissenschaftliche Forschung weiter öffnen. Kern der vom

Bundesministerium für Bildung und Forschung zur strukturellen Stärkung

initiierten Förderinitiative „Freiraum für die Geisteswissenschaften" sind

Internationale Kollegs für geisteswissenschaftliche Forschung. Sie geben

herausragenden Geisteswissenschaftlern Zeit, einer selbst gewählten

Fragestellung mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt nachzugehen.

Wichtig dabei sind die systematische Konfrontation mit anderen

Wissenskulturen und die interdisziplinäre Bearbeitung der

Forschungsfragestellung. Diese Initiative soll über das Jahr der

Geisteswissenschaften hinaus verstetigt werden. Konkret bedeutet das nicht

nur eine Steigerung der finanziellen Mittel, sondern auch einen

langfristigen Diskussionsprozess. Ein Forum Geisteswissenschaften soll Bund,

Ländern, Hochschulen, der Hochschulrektorenkonferenz, dem Wissenschaftsrat

und anderen als Diskussionsplattform dienen.

 

 

Sowohl die Resonanz, auf die das Jahr der Geisteswissenschaften bei den

Wissenschaftlern selbst, aber auch innerhalb der Bevölkerung gestoßen ist,

als auch die eingeleiteten neuen Fördermaßnahmen machen eines sehr deutlich:

Deutschland ist auch in Zukunft ein Zentrum geisteswissenschaftlicher

Spitzenforschung.

Einzeltitel
1. November 2007
Teil 5: Im Normierungswahn
Einzeltitel
4. Oktober 2007
Teil 1: Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften
Einzeltitel
18. Oktober 2007
Teil 3: Die Kunst der Unterscheidung
Einzeltitel
25. Oktober 2007
Teil 4: Wir lassen uns nicht dressieren
Einzeltitel
9. November 2007
Teil 6: Technokraten ante portas!
Einzeltitel
11. Oktober 2007
Teil 2: "Was die Eigenliebe heischet"

Bestellinformationen

Herausgeber

Prof. Günther Rüther und Prof. Jörg-Dieter Gauger

verlag

Herder

ISBN

978-3-451-29

erscheinungsort

Berlin Deutschland