Bastei Lübbe AG, Umschlagfoto Olivier Favre, Köln

Einzeltitel

Buchbesprechung: „Spinnen die Deutschen?“

von Klaus Jochen Arnold

Von bürgerlicher Standfestigkeit und Freiheit, Meinungsfreude und Überzeugungskraft

Besprechung des Bestsellers von Peter Hahne: Seid ihr noch alle ganz bei Trost! Schluss mit Sprachpolizei und Bürokraten-Terror, Quadriga Verlag, Köln 2020, 128 Seiten, 12,- € (Altersempfehlung ab 16 Jahren)

Eine kompakte Empörung

Die tapferen Gallier Asterix und Obelix pflegen die ihnen kulturfremd scheinenden Römer als „Spinner“ zu bezeichnen. Auf Peter Hahne, lange Jahre stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros des ZDF und vielen noch als Moderator des „heute journals“ bekannt, wirken viele Vertreter von Politik, Medien und Kirchen in Deutschland ähnlich: der bürgerlichen Kultur entfremdet und ideologisch eigen. Wie in seinen bisherigen Bestsellern, versammelt er in seinem neuen Buch „Seid ihr noch ganz bei Trost!", das seit vier Wochen auf Platz eins der Spiegel Bestsellerliste steht, strittig diskutierte Themen in kurzen Abschnitten, eine kompakte Empörung, sozusagen ein Stammtischgespräch, das allerorten so ablaufen könnte. Hahne präsentiert 29 kurze Abschnitte unter Überschriften wie "Allah, Kita, Gummibärchen" zur schleichenden Islamisierung unserer Gesellschaft, "Klassenkampf an der Wursttheke", "Kann man sich das Sparen sparen?", "Justiz in der Vertrauenskrise", „Keine Willkommenskultur für die Bundeswehr“, „Greta und die Gnadenlosigkeit der Klima-Religion“, „Der Herzinfarkt einer blutleeren Kirche“, „Selbstbedienungsladen namens Staat“, „Politik, ein gnadenloses Geschäft“ oder "Meinungspolizei mit Maulkorberlass". In der Ankündigung des Buches heißt es: „Peter Hahne entlarvt den Schwachsinn unserer Zeit. Mit spitzer Feder und klaren ethischen Standpunkten.” Typisch für den Autor ist, dass er als Titel für sein neues Buch ein der christlichen Überlieferung entspringendes Sprachbild wählt: das fehlenden Trostes, also mangelnder innerer Stärke und Festigkeit.

Gegen zu viel Gleichklang

Hahne ist nicht allein in der wachsenden Zahl ehemaliger und aktiver Journalisten, die sich gegen einen beklagten Gleichklang in wichtigen Medien wenden: diese würden zu regierungsnah agieren und kritische Fragen vermeiden, so der Vorwurf. Er kämpft im Gegensatz zu vielen Kollegen – wie etwa Roland Tichy, Wolfgang Herles oder Henrik M. Broder – seit Jahren bereits gegen den Vertrauensverlust in unsere Demokratie, vor allem gegen die Politisierung des Glaubens durch die Kirchen. Seine Bücher wurden Bestseller, etwa „Schluss mit lustig. Das Ende der Spaßgesellschaft" 2004 oder „Rettet das Zigeunerschnitzel!" 2014. Früh machte er die unter Journalisten oder Prominenten verbreitete Erfahrung, durch besorgte Volkspädagogen in die „rechte“ Ecke gestellt zu werden. Davon allerdings ließ er sich nicht schrecken. Hahne ruht als protestantischer Theologe fest in seinem Glauben an Gott und in der Überzeugung, dass der Mensch in der Regel ein vernunftbegabtes Wesen ist.

In der Regel. Denn die Genderideologie und ihre „Sprachpolizei" empfindet er schlicht als Verhöhnung deutscher Kultur und rationalen Denkens. Sind denn jetzt alle verrückt geworden? Fragt er. Besonders der Fridays for Future-Aktionismus bringt ihn auf die Palme: „Ich, Jahrgang 1952, lasse mich jedenfalls nicht von dieser Klimasekte als Umweltsünder beschimpfen, von Kindern, die elektronisch hochgerüstet und durch Flugreisen verwöhnt sind. Wenn einer nachhaltig gelebt hat, dann meine Generation: zu Fuß zur Schule, defekte Kleidung gestopft, Essen nach Jahreszeit aus der Region, Spielen in der Natur und nicht auf Konsolen, Ferien mit dem Fahrrad ...". Was sei eigentlich von Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags zu halten, die 2019 für eine Reise 41.000 Kilometer in der Business-Klasse flog und dabei 17 Tonnen CO2 verbrauchte, um sich auf den Fidschi-Inseln über die bevorstehende Klimakatastrophe zu informieren? Eine Radtour im Spreewald hätte es auch getan, so Hahne.

Kirche, Politik, Islamismus

Als Evangelikaler, so bezeichnet er sich selbst, wendet sich Hahne seit Jahren gegen den Niedergang der Kirchen. Er bedauert den „Herzinfarkt einer blutleeren Kirche“ und kritisiert, dass es kaum Predigten gebe, in denen der Bibeltext und Glaube im Zentrum stünde und bei denen die Pfarrer ohne „die Wörter Flüchtling, Seenot, Klimakatastrophe, Rechtsradikalismus oder Migration“ auskämen. Die Kirchen mischten sich in tagespolitische Fragen ein, sie vergäßen darüber ihren Auftrag - die Verkündung des Wortes Gottes. Diese Entwicklung geht ihm wegen seines seit Jahren aufwendigen – offenbar vergeblichen – kirchlichen Engagements spürbar nahe.

Das schwindende Vertrauen in Politiker und Medien führt er u.a. auf das egozentrische Verhalten vieler Politiker zurück, die sich innerhalb der eigenen Parteien bekämpften und gegeneinander hetzten. Als Beispiel führt er u.a. den entwürdigenden Umgang der SPD mit der zuvor hochgelobten Vorsitzenden Andrea Nahles an. Wie sich Politiker der Lächerlichkeit preisgeben, zeigt er auch am Beispiel Franz Münteferings, der es 2006 nach der Bundestagswahl empört ablehnte, sich an seinen freimütigen Versprechungen im Wahlkampf messen zu lassen. Die Mehrwertsteuer, deren Erhöhung die SPD damals vor der Wahl vehement ablehnte, wurde nach der Wahl nicht nur um einen, sondern gleich um drei Punkte erhöht. Woran, fragt Hahne, sollen sich die Bürger aber orientieren, wenn nicht an Versprechen, die die Parteien im Wahlkampf machen? Es gibt Grenzen, deren Überschreitung Politiker mit Glaubwürdigkeitsverlust bezahlen. Allerdings scheine dies manchen Politikern egal zu sein, weil ihre Nominierung für Positionen von Parteikollegen abhängt, kaum vom Bürger im Wahlkreis. So machten es sich einige in einer Parallelwelt reichlich bequem.

Kein Verständnis zeigt er für die Verharmlosung von Islamismus und Scharia, die sich verbreiteten und von naiven Wegbereitern in Deutschland profitierten. „Das Gebot der Stunde: nicht verschweigen, verharmlosen, verniedlichen! Anprangern, was gegen die Freiheit unseres Grundgesetzes steht." Hahne gesteht allen Muslimen ihren Glauben zu, allerdings gilt in Deutschland das Grundgesetz, nicht die Scharia. Polizeibeamte, die Frauen nicht die Hand geben wollen, könnten als beamtete Staatsdiener nicht akzeptiert werden. Was tun wir, um Frauen und Kinder vor Gewalt zu schützen? Und wieso interessiert es kaum, dass Christen weltweit die am stärksten verfolgte Minderheit sind? Das sind wichtige Fragen, die er anspricht.

Neue Leidenschaft für Wahrheit

Mit Recht empört sich Hahne über bedrohliche Tendenzen, abweichende Meinungen in eine Ecke zu stellen und die sachliche Auseinandersetzung auf diese Weise von vornherein zu vermeiden: „Es kann doch nicht sein, dass das, was vor Jahren noch gängige Meinung war, plötzlich via Meinungsdiktatur mit dem Verdikt 'extrem' versehen wird." Er habe sich bis zu seinem letzten Arbeitstag als Journalist nicht „disziplinieren“ lassen. „Meinungsfreude und Überzeugungskraft einschränken zu wollen, das hat seit dem 9. November 1989 keinen Platz mehr auf deutschem Boden.“ Gegen den Mainstream setzt er die Aufforderung an alle Vernunftbegabten zu einer „neuen Leidenschaft für die Wahrheit", die es zu entfachen gelte. Das erinnert an den Aufruf des Berliner Politikwissenschaftlers Arnulf Baring Anfang des 20. Jahrhunderts, der den „Bürger" auf „Barrikaden" sehen wollte. Ein Aufruf, der nicht erfolgreich war.

Peter Hahne sucht angesichts der grassierenden Irrationalität Trost in der Bibel. Er hätte, abgesehen von seiner in vieler Hinsicht treffenden Anklage, aber immerhin den Versuch wagen sollen, die Frage zu beantworten, wie die Deutschen die in seiner Sicht geradezu kulturfremden und „durchgeknallten" Politiker, Kirchenleute, Journalisten und Wissenschaftler zur Vernunft bringen könnten. Dazu findet sich in seinem Band wenig. Obwohl von dieser Frage für uns alle viel abhängt. Das Plädoyer Hahnes für ein vernünftiges Maß und eine bürgerliche Mitte bleibt über das, was er im negativen Sinne aufspießt, doch eher im Allgemeinen.

 

Zum Buch-Autor: Peter Hahne, Jahrgang 1952, studierte evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik. Er arbeitete in der Chefredaktion Politik des Saarländischen Rundfunks, seit 1985 beim ZDF als Moderator und Redakteur der Nachrichtensendungen heute und heute-journal. Von 1999 bis 2010 war er stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, anschließend erhielt Peter Hahne eine nach ihm benannte sonntägliche Talkshow. Zahlreiche Buchveröffentlichungen und Beiträge als Kolumnist und Autor.

 

Zum Rezensenten: Dr. Klaus Jochen Arnold, Historiker, Wissenschaftlicher Referent im Politischen Bildungsforum Brandenburg der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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Dr. Klaus Jochen Arnold

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Herausgeber

Konrad-Adenauer-Stiftung, Politisches Bildungsforum Brandenburg

erscheinungsort

Potsdam

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