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Was Corona in der Mongolei mit 30 000 Schafen zu tun hat

von Johann C. Fuhrmann

Namensartikel für die Neue Osnabrücker Zeitung

Der Osnabrücker Johann Fuhrmann leitet seit Juli 2018 das Auslandsbüro der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in der Mongolei. In einem Gastbeitrag schildert er, wie die Hauptstadt Ulan Bator derzeit einer Geisterstadt gleicht und warum die Coronavirus-Krise für die Mongolei auch Chancen birgt.

ULAN BATOR Im Anschluss an einen Staatsbesuch in China haben sich der mongolische Staatspräsident Khaltmaa Battulga und sein Außenminister Tsogtbaatar Damdin freiwillig für 14 Tage in Quarantäne begeben. Als Zeichen der Solidarität im Kampf gegen das Coronavirus hatte Präsident Battulga seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jingping zuvor 30 000 Schafe als Geschenk übergeben.

Über mehr als 4600 Kilometer erstreckt sich die gemeinsame Grenze der Mongolei mit der Volksrepublik China. Dass es bislang nicht zu einem Ausbruch von Covid-19 in dem asiatischen Binnenstaat gekommen ist, ist auch auf das resolute Handeln der mongolischen Regierung zurückzuführen. Die Hauptstadt Ulan Bator gleicht in diesen Tagen einer Geisterstadt. Seit Wochen sind die Kindergärten, Schulen und Universitäten in der Millionenmetropole geschlossen. Sämtliche Fluglinien nach China, Thailand, Südkorea und Japan sind gekappt. Fluggäste werden vor der Einreise auf Fieber und weitere Symptome untersucht. Mehr noch: Sogar die Feierlichkeiten anlässlich des Mondfestes, des traditionellen Neujahrs, wurden Ende Februar kurzerhand abgesagt.

Große Sorge

„Die Regierung handelt entschlossen, denn die Mongolen sind in großer Sorge. Unser Gesundheitssystem ist nicht mit jenen der westlichen Industriestaaten vergleichbar“, berichtet Ariunbayar Bazarvaani, Experte von der Akademie für Politische Bildung, einer mongolischen NGO, die die gesellschaftspolitische Situation vor Ort seit 1993 analysiert. Im Kampf gegen das Coronavirus hat die mongolische Regierung deshalb früh um internationale Unterstützung gebeten. „Medizinisches Gerät wurde aus Japan geliefert, und auch das ehrenamtliche Schnelleinsatzteam des deutschen Arbeiter-Samariter-Bundes soll die Behörden und Krankenhäuser dabei unterstützen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten“, so Bazarvaani.

Besondere Sorge bereitet den Verantwortlichen derweil der Blick auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Nach einem drastischen Einbruch ausländischer Direktinvestitionen musste die Mongolei im Mai 2017 einen Beistandskredit des Internationalen Währungsfonds aufnehmen. Und dies, obwohl die Mongolei mit nur rund drei Millionen Einwohnern zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Welt zählt. Mehr als 90 Prozent der Exporte werden nach China ausgeführt.

„Aus Angst vor Infektionen hat die Mongolei am 10. Februar sämtliche Ausfuhren nach China gestoppt, da befürchtet wird, dass sich die Lastwagenfahrer mit dem Virus anstecken könnten. Am 15. März soll der Export von Kohle und Eisenerz gen Süden wieder geöffnet werden – diese machen einen Großteil der Wirtschaftsleistung des Landes aus“, erklärt Rebecca Schmücking, die Geschäftsführerin des Deutsch-Mongolischen Unternehmensverbandes (DMUV). Der seit Jahren geplante Bau einer Eisenbahnstrecke zur Abwicklung der Ein- und Ausfuhren zwischen der Mongolei und China wurde bis heute nicht verwirklicht. „Die ökonomischen Folgen der Corona-Krise sind für Unternehmen, Investoren und die Mongolei allgemein bislang kaum abschätzbar“, sagt Schmücking.

Der Staatsbesuch des mongolischen Präsidenten Battulga in China steht auch für den von ihm angestrebten Paradigmenwechsel in den Außenbeziehungen. Mit der Doktrin der sogenannten „Politik des dritten Nachbarn“ hat die Mongolei in den vergangenen Jahren vor allem eine Intensivierung der Bindungen an die hochentwickelten Demokratien des politischen Westens, insbesondere an die EU, Japan und die USA, angestrebt. Als erfahrener Geschäftsmann zeigt sich Battulga davon überzeugt, dass wirtschaftlicher Fortschritt in der Mongolei nur im Verbund mit den beiden Nachbarstaaten, Russland und China, möglich ist.

Stabile Demokratie

Trotz häufiger Regierungswechsel hat sich in der Mongolei seit den 1990er- Jahren eine stabile Demokratie entwickelt. In der Bevölkerung des ehemals sozialistischen Staates herrschen dementsprechend Vorbehalte gegenüber einer Annäherung an das autoritär regierte China. Noch vor zwei Jahren war Battulga mit seiner Forderung einer Mitgliedschaft der Mongolei in der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) auf große Ablehnung sowohl beim Parlament als auch in der Bevölkerung gestoßen. In der mongolischen Bevölkerung wird das politische und ökonomische Übergewicht Chinas innerhalb der SOZ mit Besorgnis betrachtet. Der Ausbruch des Coronavirus hat in den vergangenen Wochen jedoch große Solidarität mit den chinesischen Nachbarn ausgelöst. „Hilfe von Herzen an unseren ewigen Nachbarn“ lautete der Name der Wohltätigkeitsaktion, bei der die mongolischen Bürger Tausende Schafe spendeten. Die Krise könnte somit auch Chancen für einen Neustart in den Beziehungen zwischen der Mongolei und China eröffnen.

 

Der Text, der im Original am 12. März 2018 in der NOZ erschien, ist mit einer Bildergalerie auch hier abrufbar: Link zur Neuen Osnabrücker Zeitung.

Ansprechpartner

Johann C. Fuhrmann

Johann C

Leiter des Auslandsbüros Mongolei

Johann.Fuhrmann@kas.de +976 11 31 91 35