Die WM wartet noch auf ihr Publikum
Ein breites, nationales Fußballfieber lässt sich in den USA bislang nicht feststellen. Umfragen zeichnen vielmehr das Bild eines bislang geringen Interesses ab. Nach Erhebungen des Pew Research Center halten es 66 Prozent der Amerikaner für wenig oder gar nicht wahrscheinlich, die WM zu verfolgen; 28 Prozent zeigen sich zumindest etwas interessiert, davon 14 Prozent sehr oder äußerst interessiert.
Besonders ausgeprägt ist das Interesse an der Weltmeisterschaft bei jüngeren Menschen, in Großstädten und in Bevölkerungsgruppen mit internationalem Hintergrund. Auch unter Hispanics und asiatischstämmigen Amerikanern liegt das Interesse für das Turnier über dem Durchschnitt, beispielsweise in Los Angeles, welches eine hispanischen Bevölkerung von rund 50 Prozent hat. Insgesamt zeigt sich, dass die wachsende Popularität des Fußballs in den USA vor allem von einer jüngeren, vielfältigen und international geprägten Bevölkerung getragen wird. Hinzukommt Migration, die hohe Präsenz europäischer Spitzenligen in den Medien sowie die zunehmende Verankerung des Sports bei jüngeren Generationen.
Zwischen Globalem Turnier und Nationaler Politik
Die politische Dimension der Weltmeisterschaft zeigt sich nicht nur in der prominenten Begleitung durch das Weiße Haus, sondern auch im Umfeld, in dem das Turnier stattfindet. Die USA empfangen die Fußballwelt zu einem Zeitpunkt, an dem Fragen von Migration, Grenzsicherung und innerer Sicherheit die politische Debatte des Landes prägen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei auch den Einreisebeschränkungen. Die US-Regierung hat seit 2025 mehrere Maßnahmen erlassen, die die Einreise von Staatsangehörigen mehrerer Länder erschweren oder einschränken. Besonders betroffen sind hiervon Staaten in Afrika, dem Nahen Osten und teilen Asiens. Fans einiger Länder könnten somit mit zusätzlichen Hindernissen bei der Einreise und Visavergabe konfrontiert werden. Kritiker sehen darin einen möglichen Wiederspruch zu dem Anspruch eines globalen Sportereignisses, das von internationaler Offenheit und grenz-überschreitender Mobilität lebt. Weiterhin fraglich bleibt auch, ob und wie das besondere Arrangement für die iranische National-mannschaft funktionieren soll: Das Team hatte ihe Lager in Tijuana, Mexiko, bezogen, nachdem eine Übernachtung in den USA untersagt worden war. Demnach fliegt die Mannschaft für ihre Gruppenspiele jeweils ein und nach dem Spiel unmittelbar zurück nach Mexiko.
Intensiv diskutiert wird in diesem Zusammen-hang auch die Rolle der Einwanderungsbehörde „Immigration and Customs Enforcement“ (ICE). Außenminister Rubio stellte einen Verzicht auf ICE-Einsätze in den Stadien in Aussicht, während Heimatschutzminister Mullin bestätigte, dass ICE während des Turniers an den Spielorten aktiv sei – mit Fokus auf Sicherheit, etwa die Bekämpfung von Menschenhandel und Ticketfälschung, und nicht auf gezielte Abschiebungen. In Städten wie Atlanta, Seattle und Los Angeles kündigte die örtliche Polizei eine Nichtkooperation an; in Los Angeles steht zudem - Berichten zufolge - ein möglicher Streik von über 2.000 Hospitality-Beschäftigten des SoFi Stadium im Raum, sollte ICE dort präsent sein. Auch die Landesweite Kampagne unter dem Motto „No ICE in the Cup“ nimmt an Fahrt auf.
Zwischen Weltmeisterschaft und Jubiläumsjahr
Die Debatten um Einreisepolitik und Sicherheit verdeutlichen, dass die Weltmeisterschaft in den USA nicht losgelöst vom politischen Umfeld betrachtet werden kann. Zugleich fällt das Turnier in ein für das Land symbolträchtiges Jahr: 2026 begehen die Vereinigten Staaten den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit.
Damit treffen zwei Ereignisse zusammen, die weltweit Aufmerksamkeit auf die USA lenken. Für die Regierung bietet die Weltmeisterschaft die Möglichkeit, das Land als leistungsfähigen und selbstbewussten Gastgeber zu präsentieren. Die Grenzen zwischen nationalem Jubiläum, sportlicher Großveranstaltung und politischer Symbolik erscheinen dadurch fließend. Die Weltmeisterschaft wird so nicht nur zu einem sportlichen Wettbewerb, sondern auch zu einer Gelegenheit, das internationale Bild der Vereinigten Staaten aktiv mitzugestalten.
Großer Sport, begrenzte gesamtwirtschaftliche Wirkung
Während die öffentliche Aufmerksamkeit für das Turnier bislang begrenzt bleibt, werden an die WM weitreichende Erwartungen an Wachstum, Beschäftigung und Investitionen verbunden. Ein genauerer Blick auf die Zahlen relativiert diese jedoch. Im vergangenen Jahr veröffentlichten Schätzungen der FIFA und der Welthandelsorganisation zur Folge soll das Turnier rund 17 Milliarden US-Dollar zum Bruttoinlandsprodukt der USA beitragen. So erheblich diese Summe zunächst wirkt – sie entspricht lediglich etwa 0,05 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes.
Der Grund liegt in der Größe und Reife der amerikanischen Volkswirtschaft. Anders als kleinere oder weniger etablierte Tourismus-märkte – etwa Katar als Gastgeber 2022 – ziehen die USA bereits jedes Jahr zig Millionen internationale Besucher an, sodass kaum mit einem nennenswerten Zustrom von Erst-besuchern zu rechnen ist. Auch verteilen sich die Zugewinne ungleich: Am stärksten profitieren tourismusnahe Sektoren, allen voran Beherbergung und Gastronomie, gefolgt von Immobilien, Einzelhandel und Transport.
Zu erwähnen ist darüber hinaus, dass an die Stelle anfänglicher Euphorie zunehmendes Erwartungsmanagement getreten ist. Nach Zahlen des US-Hotelverbands AHLA (American Hotel & Lodging Association) gibt die FIFA rund 70 Prozent der zunächst blockierten Zimmerkontingente zurück; teils stehen Buchungen aus, teils liegt die Auslastung bei nur 15 Prozent. Das Bild entspricht einem bekannten Muster: Großereignisse wie eine Fußball-Weltmeisterschaft sorgen zwar für spürbare Impulse in einzelnen Städten und Branchen. Für die Gesamtwirtschaft eines großen Landes fallen die Effekte jedoch meist deutlich geringer aus, als es die öffentliche Aufmerksamkeit vermuten lässt.
Mit Blick auf die wirtschaftliche Lage fällt zudem ein neuerliches Inflationshoch von 4,2 Prozent ins Auge. Für viele Amerikaner findet die Weltmeisterschaft zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt statt. Der tägliche Blick auf die Zapfsaele, besonders im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran, prägt den Alltag zahlreicher Bürger und lässt die Begeisterung für das sportliche Großereignis teilweise in den Hintergrund treten. Die Umfrage des Instituts TIPP/TechnoMetrica ergibt, dass 43 Prozent der Befragten Lebenshaltungskosten und Inflation als eines der drei drängendsten Probleme des Landes sehen – ein deutlicher Anstieg gegenüber 31 Prozent im Winter und mit Abstand der Spitzenwert. Bei den wirtschaftlichen Sorgen im engeren Sinne stehen die Benzinpreise mit 35 Prozent an der Spitze. Die wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes dürften daher ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Euphorie rund um die WM vielerorts verhalten ausfällt. Mit Blick auf die anstehenden Midterm-Wahlen im November richtet sich die Aufmerksamkeit vieler Amerikaner stärker auf die innenpolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen als auf das Geschehen auf dem Spielfeld.
USMCA: ein offener handelspolitischer Faktor
Parallel zum Turnier rückt auch ein handelspolitisches Thema in den Blick. Im Juli 2026 steht der Joint Review des nord-amerikanischen Freihandelsabkommens USMCA an, der darüber entscheidet, ob die USA, Mexiko und Kanada das Abkommen verlängern. Wie aus Medienkreisen zu vernehmen ist, hat Präsident Trump signalisiert, an einer Fortführung in der bisherigen Form nicht ohne Weiteres festhalten zu wollen; ob es tatsächlich zu einer Nichtverlängerung kommt, ist derzeit offen und Gegenstand laufender Verhandlungen. Festzuhalten bleibt, dass während sich die drei Länder demonstrativ als gemeinsame Gastgeber präsentieren, Handelskonflikte parallel dazu das Bild von Geschlossenheit überlagern könnten. Die Symbolik der Region als verflochtener Raum, die das Turnier transportieren soll, steht damit in einem gewissen Spannungsverhältnis zur wirtschaftspolitischen Lage.
Bedeutung für Deutschland und Europa
Auch aus europäischer Perspektive lohnt ein genauer Blick auf diese Weltmeisterschaft. Das Turnier dient als wichtiger Praxistest für die USA als Gastgeber internationaler Großereignisse - nicht zuletzt mit Blick auf die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028. Fragen der Infrastruktur, Sicherheit, Besuchersteuerung und Krisen-koordination werden dabei unter realen Bedingungen getestet.
Darüber hinaus zeigt die WM, welche Rolle athletische Großveranstaltungen heute über den Sport hinaus einnehmen können. Sie sind zugleich Wirtschaftsereignis, Sicherheits-aufgabe und Instrument internationaler Sichtbarkeit. Die Erfahrungen Nordamerikas dürften daher auch in Europa aufmerksam verfolgt werden.
Schließlich richtet die Weltmeisterschaft den Blick auf einen Markt, der für den internationalen Fußball zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zwar bleibt Fußball in den USA hinter den traditionellen Profiligen zurück, doch wächst seine wirtschaftliche und kulturelle Reichweite seit Jahren. Für europäische Vereine, Medienunternehmen, Sponsoren und Verbände ist Nordamerika längst mehr als ein Expansionsmarkt – es entwickelt sich zu einem zentralen Schauplatz für die künftige Vermarktung des globalen Fußballs.
Fazit
Die WM 2026 ist in vielerlei Hinsicht mehr als Sport, gerade auch dieses Mal. Sie ist zugleich nationale Selbstdarstellung und Testlauf. Wirtschaftlich wirkt sie eher lokal als national, ihre größten Unsicherheiten liegen weniger auf dem Rasen als bei Einreise und Sicherheit. Und während die Ausrichtung politisch hohe Sichtbarkeit erfährt, bleibt das auffällige Nebeneinander bestehen – zwischen einer prominent inszenierten Erwartungshaltung und einer Bevölkerung, die dem Ball mehrheitlich gelassen entgegensieht.Themen
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