Länderberichte

Das rasch wachsende AIDS-Problem in Indien

von Helmut Reifeld
Anders als in Südostasien wird die Imunschwäche AIDS in Südasien noch vielfach ignoriert oder bagatellisiert. Dabei gilt unter Experten Indien als der "schlafende Riese" dieser Epidemie, die dort in den kommenden zehn Jahren ähnliche Ausmaße erreichen kann, wie sie bereits heute in Afrika zu sehen sind.

Dennoch spielen nicht nur eine große Mehrheit der Bevölkerung, sondern auch die offiziellen Stellen die Gefahr herunter. Besonders gerne wird AIDS als ein Synonym für den Verfall des Westens dargestellt.

Aber allein schon die offiziellen Zahlen sind besorgniserregend. Demnach sterben zur Zeit pro Jahr etwa 300.000 Inder an AIDS, mindestens 500.000 werden neu infiziert. Die Gesamtzahl der HIV positv Infizierten wird auf derzeit fünf Millionen geschätzt. In einigen Bundesstaaten sind dies bereits mehr als zwei Prozent der Bevölkerung, in einigen Großstädten 5%. Und betroffen sind keineswegs nur die ärmeren Schichten der Bevölkerung, sondern alle.

Selbst in den am stärksten betroffenen Gebieten sind die Hilfs- und Vorsorgemaßnahmen der Regierung äußerst gering. Im Vergleich zu Thailand zum Beispiel wendet Indien nur 1/15 der dort investierten Gelder für Vorsorge auf. Es gibt kaum Möglichkeiten einer stationären Behandlung, und das Phänomen der Aids-Waisen wird überhaupt noch nicht problematisiert. Krankenhäuser insbesondere in abgelegenen Gebieten sind häufig gar nicht in der Lage, AIDS als Todesursache zu diagnostizieren; unter anderem aus diesem Grunde ist der Anteil der TB-Opfer überproportional hoch.

Die meisten Initiativen zur AIDS-Bekämpfung werden von indischen Nichtregierungsorganisationen durchgeführt, die vor allem durch internationale Hilfsprogramme unterstützt werden. Diese Gruppen arbeiten zum Teil unentgeltlich und mit sehr viel Engagement. Über die internationale Hilfe hinaus ist es für diese Gruppen oft leichter, selbst von der indischen Industrie Unterstützung zu bekommen als von der Regierung.

Aber selbst wenn die international zur Verfügung gestellten Hilfsgelder optimal genutzt werden, wird sich die Zahl der Infizierten in den kommenden vier Jahren verdoppeln. Sollten die offiziellen Stellen so passiv bleiben wie bisher, wird sie sich verdreifachen. Würden sich allerdings die bisher nur vermuteten Dunkelziffern bestätigen, können es im Jahre 2005 sogar sechs bis acht mal so viele sein wie heute.

Experten der WHO und der Weltbank empfehlen Indien dringend, insbesondere die Zuständigkeitsstrukturen zu straffen. Die chronisch schwerfällige und ineffiziente Bürokratie des Landes muß sich nicht nur bei jeder Katastrophe immer wieder neu internationale Schelte anhören, sie hat sich als besonders unfähig erwiesen, in irgendeiner Form präventiv tätig zu werden. Auch von vielen indischen Hilfsorganisationen und -gruppen wird deshalb gefordert, die AIDS-Bekämpfung zur "Chefsache" zu erklären und sie direkt dem Premierminister zu unterstellen. Analog müßten die Programme in den Ländern direkt in der Verantwortung der Ministerpräsidenten liegen. Erste Initiativen in diese Richtung wurden im Bundesstaat Andhra Pradesh, der zu den am stärksten betroffenen zählt, bereits umgesetzt.

Als weitere Maßnahmen müßten viele der seit langem anstehenden Reformen im allgemeinen Gesundheitswesen beschleunigt umgesezt werden. Ohne mehr Hygiene in den Krankenhäusern, mehr Sicherheit bei Bluttransfusionen und verbesserte Gesundheitsaufklärung steht es schlecht um die Chancen für AIDS-Bekämpfung. Das wichtigste aber dürfte sein, mehr Problembewußtsein zu schaffen, und zwar schon in den Schulen, sowie das Thema insgesamt zu enttabuisieren.

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Sankt Augustin Deutschland