Länderberichte

Kommunalwahlen in Ungarn (II):

von Klaus Weigelt

Überzeugender Sieg der Regierungsparteien

Die Kommunalwahlen am 20. Oktober 2002 endeten mit einer ernüchternden Bilanz für die FIDESZ/MDF-Opposition und mit einem überzeugenden Sieg der MSZP/SZDSZ-Regierung. Damit setzte sich die bisherige Erfahrung, die in Ungarn bereits Tradition hat, ein weiteres Mal durch: wer die Parlamentswahlen im Frühjahr gewinnt, der hat auch die größeren Chancen für die Kommunalwahlen im Herbst.

Bei 51,11% Wahlbeteiligung, der höchsten bei Kommunalwahlen seit 1990, errangen die Regierungsparteien – bezogen auf die Hauptstadt Budapest und die 19 Komitate – 48,6% der Stimmen, während FIDESZ, MDF und ihre Verbündeten nur 32,88% der Stimmen erreichten. Auf Gruppierungen, die nicht im Parlament vertreten sind, entfielen 18,52% der Stimmen.

Lagen nach den April-Wahlen MSZP/SZDSZ und FIDESZ/MDF noch mehr oder weniger gleichauf und konnte die Opposition darauf verweisen, dass die Regierung zwar Budapest, die Opposition aber das Land, also die Mehrzahl der Komitate, gewonnen habe, so ist jetzt die Situation völlig anders: die Regierungskoalition hat sowohl die Mehrheit der Bezirksbürgermeister in Budapest und der Bürgermeister in den Städten mit Komitatsrecht gewonnen als auch die Mehrheit in 15 von 19 Komitatsversammlungen.

Die Tatsache, dass FIDESZ wegen der Sonderrolle, die Viktor Orbán für sich in Anspruch nimmt, im Grunde führungslos ist, was für den MDF wegen der schwachen Rolle von Ibolya David in gleicher Weise gilt, ist die Hauptursache für die herbe Niederlage. Die inzwischen über 11.000 bürgerlichen Kreise, die Viktor Orbán bisher ins Leben gerufen hat, haben allenfalls dazu beigetragen, dass der Rückschlag nicht noch härter ausgefallen ist.

Budapest

Die Wahlbeteiligung lag mit 52,68% in Budapest bei der Oberbürgermeisterwahl höher als landesweit, was sicher auf den Wahlkampf der drei ersten Kandidaten zurückzuführen ist. Der Wahlausgang entsprach aber weitgehend den Erwartungen. Oberbürgermeister Gábor Demszky wurde wieder gewählt:

Dr. Gábor Demszky (SZDSZ)348.052 Stimmen46,67%
Dr. Pál Schmitt (unabhängig)267.306 Stimmen35,84%
Gy. Erzsébet Németh (MSZP)98.281 Stimmen 13,18%

Die Mandatsverteilung in der 66köpfigen Budapester Stadtversammlung sieht wie folgt aus (in Klammern die Mandate von 1998-2002):

MSZP24 (20)
FIDESZ, MDF, MKDSZ21 (22)
SZDSZ16 (19)
MIÉP5 ( 6)

Von den Bezirksbürgermeistern in Budapest konnten FIDESZ/MDF nur drei behaupten (I., IV. und XII.), einen neu hinzugewinnen (XIV.), während sie sieben an MSZP/SZDSZ verloren (II., V., VI., X., XI., XIX., XXII.). Insbesondere der Verlust des II. Bezirks, traditionell eine Hochburg von FIDESZ/MDF, trifft die Opposition hart. Folgende Bürgermeister wurden in den Bezirken gewählt:

  1. Nagy G. Tamás (FIDESZ/MDF) wieder gewählt
  2. Horváth, Csaba (MSZP/SZDSZ) 1998-2002 FIDESZ/MDF
  3. Tarlós István (unabhängig) wieder gewählt
  4. Derce, Tamás (FIDESZ, FKGP, MDF, UE) wieder gewählt
  5. Steiner, Pál (MSZP/SZDSZ) 1998-2002 FIDESZ, FKGP, MDF, MDNP
  6. Verók, István (MSZP,SZDSZ,Centrum) 1998-2002 FIDESZ,FKGP, MDF, MKDSZ
  7. Hunvald, György (MSZP/SZDSZ) neuer Kandidat MSZP/SZDSZ
  8. Csécsei, Béla (SZDSZ/MSZP) wieder gewählt
  9. Gegesy, Ferenc (SZDSZ/MSZP)wieder gewählt
  10. Andó, Sándor (MSZP) 1998-2002 FIDESZ, FKGP, MDF, MDNP
  11. Molnár, Gyula (MSZP/SZDSZ) 1998-2002 FIDESZ, FKGP, MDF,MDNP
  12. Mitnyan, György (FIDESZ, MDF, MKDSZ, MDNP) wieder gewählt
  13. Tóth, József (MSZP, SZDSZ) wieder gewählt
  14. Rátonyi, Gábor (FIDESZ, MDF, MKDSZ) 1998-2002 SZDSZ, MSZP
  15. Hajdú, László (MSZP) wieder gewählt
  16. Szabó, Lajos Mátyás (MSZP/SZDSZ) wieder gewählt
  17. Hoffmann, Attila (MSZP/SZDSZ) neuer Kandidat MSZP/SZDSZ
  18. Mester, László (MSZP) wieder gewählt
  19. Steinerné Török, Katalin (MSZP/SZDSZ) 1998-2002 FIDESZ, FKGP, MDF, MKDSZ, PKKW
  20. Szabados, Ákos (MSZP) wieder gewählt
  21. Tóth, Mihály (MSZP) wieder gewählt
  22. Bollók Istvanné (MSZP/SZDSZ) 1998-2002 FIDESZ, FKGP, MDF
  23. Giger, Ferenc (Bürgerorganisation) wieder gewählt
  24. Die Wahlen in den größeren Städten Ungarns

    Auch die Bürgermeister der größeren Städte in den Komitaten wurden überwiegend von der Regierungskoalition MSZP/SZDSZ gewonnen. Nur in Debrecen konnte sich Bürgermeister Lajos Kósa (FIDESZ/MDF) behaupten.

    BékéscsabaPap János (SZDSZ)59,41%
    DebrecenKósa Lajos (FIDESZ/MDF)61,92%
    EgerNagy Imre (MSZP/SZDSZ)61,72%
    DunaújvárosKálmán András (MSZP)48,10%
    GyörBalogh József (MSZP)58,55%
    HódmezövásárhelyLázár János (FIDESZ)46,60%
    KaposvárSzita Károly (FIDESZ/MDF u.a.)73,24%
    KecskemétSzécsi Gábor (FIDESZ/MDF)49,90%
    MiskolcKáli Sándor (MSZP/SZDSZ)64,03%
    NagykanizsaLitter Nándor (MSZP/SZDSZ)60,27%
    NyíregyházaCsabai Lászlóné (MSZP)73,41%
    PécsToller László (MSZP)67,84%
    SalgótarjánPuszta Béla (MSZP)62,30%
    SopronWalter Dezsö (MSZP/SZDSZ)52,30%
    SzegedBotka László (MSZP/SZDSZ u.a.)59,85%
    SzekszárdKocsis Imre Antal (SZDSZ)38,91%
    SzékesfehérvárWarvasovszky Tihamér (MSZP/SZDSZ u.a.)70,03%
    SzombathelyIpkovich György (MSZP/SZDSZ)51,06%
    SzolnokBotka Lajosné (MSZP)50,98%
    TatabányaBencsik János (unabhängig)61,37%
    VeszprémDióssy László (SZDSZ/MSZP)56,19%
    ZalaegerszegGyimesi Endre József (FIDESZ/MDF/MKDSZ)53,23%

    Von diesen 22 so genannten „Städten mit Komitatsrecht“ konnte die Opposition nur fünf gewinnen und den Bürgermeister stellen.

    Wieder gewählt wurde auch der bekannte MDF-Politiker György Gémesi, Vorsitzender von MÖSZ (Ungarische Selbstverwaltungsvereinigung), der als Kandidat des Patriotischen Klubs von Gödöllö für eine weitere Amtszeit Bürgermeister von Gödöllö bleibt.

    Die Wahlen in den 19 Komitaten Ungarns

    Die Komitatsversammlungen sind zwar politisch unbedeutend, aber die Tatsache, dass FIDESZ/MDF nur noch zwei Komitate im Westen des Landes gewinnen konnte (Györ-Moson-Sopron und Vas), ist kennzeichnend für den politischen Abwärtstrend, in dem sich die früheren Regierungsparteien derzeit befinden. In Veszprém gibt es eine Patt-Situation (20:20), und evtl. kann noch Zala – wo die Opposition auf die Entscheidung einiger unabhängiger Abgeordneter, eine evtl. Zusammenarbeit betreffend, wartet – gewonnen werden. Also in den vier Komitaten westlich des Plattensees konnten sich FIDESZ/MDF mit einigen weiteren Verbündeten behaupten. In den übrigen 15 Komitaten setzten sich die Regierungsparteien klar durch.

    Folgendermaßen setzen sich die Komitatsversammlungen bis Herbst 2006 zusammen (in Klammern die Gesamtzahl der Abgeordneten):

    Baranya (40)MSZP
    FIDESZ/MKDSZ u.a.
    MDF
    SZDSZ
    Zwei weitere Gruppen
    22
    11
    2
    2
    3
    Bács-Kiskun (46)MSZP
    FIDESZ
    SZDSZ
    MDF
    23
    18
    2
    3
    Békés (40)MSZP
    FIDESZ/MKDSZ u.a.
    MDF
    SZDSZ
    20
    14
    3
    3
    Borsod-Abaúj-Zemplén (59)MSZP
    FIDESZ/MDF/MKDSZ
    36
    23
    Csongrád (40)MSZP/SZDSZ
    FIDESZ/MDF/MKDSZ u.a
    Fünf weitere Gruppen
    19
    14
    7
    Fejér (40)MSZP
    FIDESZ/MDF
    Zwei weitere Gruppen
    18
    17

    5

    Györ-Moson-Sopron (41)MSZP
    FIDESZ/FKGP
    MDF
    MDF/MKDF
    Eine weitere Gruppe
    17
    17
    5
    1
    1
    Hajdú-Bihar (40)MSZP
    FIDESZ/MDF u.a.
    SZDSZ
    Eine weitere Gruppe
    20
    13
    4
    2
    Heves (40)MSZP
    FIDESZ/MDF/MKDSZ u.a.
    Drei weitere Gruppen
    23
    11
    6
    Jász-Nagykun-Szolnok (40)MSZP
    FIDESZ/MDF/MKDSZ
    SZDSZ
    Zwei weitere Gruppen
    22
    12
    3
    3
    Komárom-Esztergom (40)MSZP
    FIDESZ/MDF
    SZDSZ
    Vier weitere Gruppen
    19
    12
    2
    7
    Nógrád (40)MSZP
    FIDESZ/MKDSZ/MDF u.a.
    MDNP
    23
    16
    1
    Pest (80)MSZP
    FIDESZ/MKDSZ
    SZDSZ
    MDF
    Zwei weitere Gruppen
    39
    28
    5
    4
    4
    Somogy (40)MSZP
    FIDESZ/MDF/MKDSZ u.a.
    Verein für Somogy
    15
    13
    12
    Szabolcs-Szatmár-Bereg (48)MSZP
    FIDESZ/KPE/MKDSZ
    Komitats-Zusammenschluß
    Unabhängige Bürgermeister
    21
    13
    11
    2
    Tolna (41)MSZP
    FIDESZ/MDF/MKDSZ/KPE
    SZDSZ
    Eine weitereGruppe
    22
    17
    1
    1
    Vas (40)MSZP
    FIDESZ/MDF/MKDSZ
    Selbstverwaltung
    SZDSZ
    14
    21
    4
    1
    Veszprém (40)MSZP/SZDSZ
    FIDESZ/KPE/MKDSZ
    MDF
    20
    17
    3
    Zala (40)MSZP
    FIDESZ/MDF/MKDSZ
    Drei weitere Gruppen
    16
    16
    8

    Für FIDESZ, MDF, MKDSZ und die anderen Mitte-Rechts-Gruppierungen wird es nach dieser Erfahrung bei den Kommunalwahlen darum gehen, endlich eine Strategie zu finden, um die Kräfte zu bündeln und zu verstärken. Während Péter Harrach von den Christdemokraten (MKDSZ) sich nach der Wahl dafür aussprach, jetzt auf eine Unionspartei hinzuarbeiten, beharrte Ibolya David (MDF) unter Hinweis auf die Erfolge bei diesen Wahlen auf einem eigenständigen Weg des MDF. Viktor Orbán hat sich bisher zum Wahlausgang nicht geäußert, aber es ist bekannt, dass er innerhalb des kommenden Jahres die Bildung einer großen Unionspartei der rechten Mitte anstrebt. Es wird also schwierige Verhandlungen mit dem MDF geben.

    Die nächste große Bewährungsprobe findet im Sommer 2004 anlässlich der Europawahlen statt, für Ungarn zum ersten Mal, wenn der Beitritt wie geplant erfolgen kann. Die EVP erwartet dann einen hohen Anteil der wahrscheinlich 22 ungarischen Abgeordneten in ihrer Fraktion im Europäischen Parlament. Viktor Orbán als neu gewählter Vizepräsident der EVP wird seine Strategie auf dieses Ziel ausrichten müssen.

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