Länderberichte

Wachsende Rolle der IT-Industrie

von Gert W. Kück
Seit Mitte der 90er Jahre ist Indien zu einem Konkurrenten von Weltgeltung auf den Gebieten der Entwicklung, Modifizierung und Wartung von Software geworden. Dabei geben nicht mehr nur das günstige Preisniveau, sondern auch Qualität und Termintreue den Ausschlag. Seit 1995 wuchs die indische IT-Industrie jährlich zwischen 33 und 56 Prozent. Für das Geschäftsjahr 1. April 1999 bis 31. März 2000 wird eine Wachstumsrate von 46 Prozent berichtet. Mittlerweile hat sich die indische IT-Industrie von der Softwareverarbeitung und bloßer personeller Unterstützung fremder Software-Ent-wicklung zu einem professionellen Partner im IT-Geschäft entwickelt.

Nach den Ergebnissen einer von der NASSCOM (National Association of Software and Service Companies) veröffentlichten Umfrage erzielte die indische Software-Industrie 1999/2000 Brutto-Einkünfte in Höhe von 5,7 Mrd. US-Dollar, mit einem Exportanteil von rund 3,9 Mrd. US-Dollar (1998/99: 2,65 Mrd. US-Dollar Export; 1992 hatte der Software-Export erst 150 Mio. US-Dollar betragen). Im Geschäftsjahr 2000/01 belief sich der IT-Export in den ersten sechs Monaten (01.4.00 - 30.9.00) auf 2,9 Mrd. US-Dollar und dürfte im gesamten Geschäfts-jahr 6,3 Mrd. US-Dollar erreichen. Für 2001/02 werden 9,5 Mrd. US-Dollar erwartet und für 2002/03 etwa 14 Mrd. Im Jahre 2008, so lauten Berechnungen von NASSCOM und McKinsey, werden die Software-Exporte Indiens aller Voraussicht nach 50 Mrd. US-Dollar überschreiten.

Software wird mehr und mehr zu einem der Artikel, mit denen Indien Deviseneinkünfte erzielt. Gemessen am Exportvolumen von Gütern in Höhe von 37, 6 Mrd. US-Dollar machten Software-Exporte (die unter Dienstleistungen fallen und daher in den statistischen Angaben für die Warenausfuhr nicht enthalten sind) 1999/2000 rund 10,5 Prozent und Anfang 2001 etwa 13 Prozent des gesamten indischen Exportwertes aus. Dieser Anteil soll bis 2003 auf über 23 Prozent ansteigen. Indische Software wurde in 95 Länder der Welt exportiert. Rund 62 Prozent der indischen Software-Exporte gingen 1999/2000 in die USA, 23,5 Prozent nach Europa. Dieses Wachstum zeigt, dass die indische IT-Industrie mehr und mehr auch in Europa wahrgenommen wird. Innerhalb Europas ist England das bevorzugte Ziel, wobei die indischen Unternehmen dort zunehmend auch Standorte sehen (Wales). Jeweils weitere 3,5 Prozent der Software-Exporte Indiens gingen nach Japan und Südost-Asien, jeweils 1,5 Prozent nach West-Asien und Australien/ Neuseeland sowie 4,5 Prozent in die übrige Welt.

Der Gesamtumsatz der indischen IT-Industrie wuchs von rund 6,1 Mrd. US-Dollar 1998/99 auf 8,6 Mrd. US-Dollar 1999/2000 (was allerdings nur etwa 2 Prozent des Weltmarktes ausmacht). Er soll sich nach der erwähnten McKinsey-Studie bis 2008 mehr als verzehnfachen und dann rund 87 Mrd. US-Dollar betragen.

Obwohl die indischen Softwareexporte insgesamt nur knapp ein Prozent des Weltmarktes ausmachen, lag der Anteil von auf spezielle Kundenwünsche zugeschnittener Software mit 19,5 Prozent in 2000 weit höher. Bis Mitte 2000 hatten auch 266 der von Fortune kategorisierten 1.000 großen Unternehmen der Welt ihren Bedarf an Softwareleistungen weitgehend oder in einigen Fällen komplett nach Indien ausgelagert. Von weiteren 150 bis 200 der Fortune 1000 wird dies bis in den nächsten fünf bis sechs Jahren erwartet. Deutsche Firmen wie Uhde, Lufthansa oder Mercedes-Benz nutzen dieses Softwarepotential schon seit längerem.

Dieses überaus starke Wachstum des Softwaresektors und der IT-Industrie insgesamt wurde erreicht bei einer wesentlich geringeren Zuwachsrate der indischen Volkswirtschaft insgesamt, die in den letzten fünf Jahren zwischen fünf und sechs Prozent lag. Gleichzeitig entwickelt sich die einheimische Computerindustrie, wenn auch in wesentlich geringerem Tempo, bisher allerdings fast ausschließlich auf der Basis importierter Zulieferungen an Einzelteilen bzw. Baugruppen. Der Anteil von Softwareprodukten am Gesamtumsatz der IT-Branche liegt jedoch immer noch bei über zwei Dritteln.

Der inländische Software-Markt ist ebenfalls stark wachsend, was im wesentlichen auf die Computerisierung staatlicher Einrichtungen und einer Marktbewegung hin zu "e-governance" der jeweiligen Bundesstaatsregierungen zurückzuführen ist. Im Geschäftsjahr 1998/99 wurden in Indien über 820.000 PC verkauft. Ende März 1999 entfielen 3,2 PC auf 1000 Einwohner.

Das ist im internationalen Vergleich zu entwickelten Ländern gering, aber auch mit Blick auf ein vergleichbares Land wie China immer noch wenig. Der Trend ist aber deutlich zunehmend, wobei Regierung und Behörden auf Unions- und Landesebene über 28 Prozent Anteil an den indischen Gesamtausgaben für Computerisierung und Software haben, der Bank- und Finanzsektor sowie die verarbeitende Industrie 15,6 bzw. 11,5 Prozent, der Telekomsektor 12,4 Prozent und das Transportwesen 12,6 Prozent. Großen Auftrieb erfuhr das IT-Geschäft durch das "Jahr-2000-Problem" (die "Y2K"-Kampagne) 1998/99. Der indische Markt für IT-Software und -Services wird sich nach Schätzungen von 2,3 Mrd. US-Dollar im Jahre 2000/2001 auf 37 Mrd. US-Dollar 2007/2008 vergrößern.

Die Anzahl der indischen Software-Export-Unternehmen wird auf etwa 1.250 geschätzt. Die 20 erfolgreichsten dieser Unternehmen vereinen etwa 44 Prozent der Software-Exporte auf sich. Es ist interessant zu wissen, dass die meisten dieser 20 Unternehmen überwiegend indische Software-Unternehmen sind, während IBM Global Services India sich auf dem zwölften Platz befindet.

Die Frage entsteht, welchen Rückkoppelungseffekt ein Wirtschaftssektor wie IT auf eine Volkswirtschaft haben kann, der 500 Millionen Arme anhängen und deren Infrastruktur so brüchig ist, dass sie fast der Hälfte der Bevölkerung nur das Überleben gestattet (und manchmal weniger), von Dienstleistungen wie Telefon, Straßen, Schulen, sanitären Einrichtungen und Gesundheitswesen gar nicht zu reden.

Untersuchungen zeigen jedoch, dass der IT-Sektor - obwohl in vieler Hinsicht elitär - mehr und mehr zu einem Motor der Entwicklung wird. Allein die Zahl der Arbeitsplätze im IT-Sektor hat sich von 1996 bis 1999 von 160.000 auf 340.000 mehr als verdoppelt und beläuft sich gegenwärtig auf rund 425.000. Für das Jahr 2005 wird erwartet, dass die IT-Industrie 800.000 Arbeitsplätze bereitstellt, für 2008 wird diese Zahl auf etwa 2,2 Mio geschätzt. Wenn man die Abwanderung ins Ausland einrechnet, schafft die IT-Industrie allein für Ingenieure jedes Jahr rund 100.000 neue Arbeitsplätze. Zählt man die "IT-enabled Services" hinzu, wie Call-Center, elektronische Buchhaltung, staatliche und private Datenverarbeitung anderer Art, medizinische Anwendungen), kommt man sogar auf das Doppelte. In den nächsten zwei Jahren wird allein das E-Commerce eine halbe Million neuer Jobs schaffen.

Aufgeteilt auf die verschiedenen Unternehmen ergibt sich, dass 525 Unternehmen, die 50 Prozent der IT-Industrie ausmachen, durchschnittlich 275 Angestellte beschäftigen. Weitere 150 Unternehmen, die 10 Prozent der gesamten indischen IT-Industrie ausmachen, beschäftigen durchschnittlich 726 Personen. Mindestens 40 Unternehmen haben mehr als 1.000 Mitarbeiter. Die indische Software-Industrie konnte ihre vorteilhafte Position durch gezielte Fortbildung und Umschulung ihrer Angestellten in den neuen Bereichen E-Commerce, Euro solutions, CRM, ASP und IT-Services erreichen.

Qualifikationsstatistiken zeigen, dass 70 Prozent der Arbeitskräfte der indischen Software-Exportunternehmen Hochschulabsolventen (Postgraduierte) und Diplom-Ingenieure sind. Bei den übrigen inlandsorientierten indischen Software-Unternehmen liegt die Anzahl immer noch bei 48 Prozent.

Voraussichtlich werden Software-Lösungen im Bereich des elektronischen Handels (e-commerce) der nächste größere Wachstumsbeschleuniger der indischen Software und IT-Service Industrie sein: IT-Servicedienstleistungen oder "Remote Processing" umfaßt einen weiten Bereich von Service-Dienstleistungen wie Call-Center, Medical Transcription, Datendigitalisierung, rechtliche Datenbanken und Informationsdienste, Buchhaltung, Datenverarbeitung, Back-Office Operations, Internet-Entwicklung, Animation usf. All dies wird nach einer jüngsten NASSCOM-McKinsey Umfrage mehr als eine Millionen zusätzliche Arbeitsplätze in diesem Bereich schaffen.

Ende März 2001 gab es in Indien 1,6 Mio Internet-Teilnehmer mit 5 Mio Nutzern, d.h. eine Verdoppelung zum Vorjahr. Es wird geschätzt, dass sich diese Zahl auf 4 Mio. in 2002, auf 8 Mio. in 2003 und 11 Mio. in 2003 (jeweils Ende März) erhöhen wird. Laut dem Human Development Report 2000 des UNDP kommen auf Tausend Menschen in Indien 22 Telefonanschlüsse (China: 70, USA: 661), 69 TV-Anschlüsse (China: 272, USA: 847), 3 Computer (China: 9, USA: 459) sowie 0,01 Internet-Verbindungen (China: 0,01, USA: 112,77).

Allerdings wird in vielen Dörfern ein Telefonanschluß von der ganzen Bevölkerung benutzt; auch die TV-Verbindung bedient in den meisten Dörfern nicht nur eine Familie, sondern ganze Quartiere, wo der Fernsehschuppen das Dorfkino ersetzt. Die Zahlen bei Computer und Internet weisen zudem eine derartige Dynamik auf, daß die üblichen statistischen Extrapolationen nicht mehr gelten. Private Firmen legen in den Ballungszentren gegenwärtig in raschem Tempo Glasfiberkabel.

Ursachen der raschen Entwicklung der IT-Industrie in Indien

Das anhaltende Wachstum der indischen IT-Industrie und seine Inanspruchnahme durch internationale Kunden wird in starkem Maße auf die Tatsache zurück geführt, dass Indien ein sehr großes Potential an englischsprachigen Fachkräften hat. Überdies haben hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Mathematik Tradition. Hinzu kommt nach einem Bericht der Weltbank die Professionalität der indischen Ingenieure, die sich der ständig fortschreitenden technologischen Entwicklung anzupassen und, was in dieser Branche besonders wichtig ist, Fristen und Budgets einzuhalten. Qualifizierte Arbeitskräfte waren zumindest in der Anfangsphase relativ billig. Das Bild änderte sich jedoch in den letzten Jahren: Da für die Leistungen mehr und mehr Weltmarktpreise zur Grundlage wurden, fordern Spitzenkräfte Gehälter ein, die ebenfalls mehr und mehr internationales Niveau erreichen. Obwohl für die Masse der im Softwaresektor beschäftigten Mitarbeiter das Lohnniveau immer noch relativ niedrig liegt und dieser Sektor daher nach wie vor sehr kostengünstig arbeitet, erzielen hochqualifizierte Spezialisten und Führungskräfte auch in Indien selbst zunehmend Einkünfte, die internationalem Niveau entsprechen, wenn sie nicht ins Ausland, vor allem in die USA gehen.

Nach der Unabhängigkeit 1947 setzte der erste Premierminister Jawaharlal Nehru das Ziel, Bangalore zur intellektuell-wissenschaftlichen Hauptstadt des Landes zu machen. In weniger als zwei Jahrzehnten wurde diese Stadt auf den Gebieten der Luftfahrt, Elektronik, Waffentechnik und Telekommunikation tatsächlich zu einem technischen Ballungsgebiet. Gebäude wurden zur Verfügung gestellt, Versorgungsleistungen wie Wasser und Elektroenergie garantiert, Computeranschlüsse und Satellitenverbindungen eingerichtet, Importe für Ausrüstungen der Datenverarbeitung zollfrei gestellt, steuerliche Vergünstigungen bis hin zu Steuerfreiheit in der Startphase gewährt, Ausfuhrbestimmungen für IT-Exporte vereinfacht; Gewinnrückführungen möglich gemacht. Besonders in ihren Anfängen hat die Computerindustrie in starkem Maße von diesen Investitionen profitiert.

Unterdessen wurde das Thema IT mittlerweile zu einem nationalen Anliegen. Die Regierung in New Delhi hat seit dem Beginn der achtziger Jahre versucht, den Export von Dienstleistungen zu fördern, aber auch ausländische Unternehmen anzulocken, indem man ihnen vorschlug, sich in privilegierten Enklaven anzusiedeln. Eine Reihe von indischen Bundesstaaten, besonders Karnataka mit seiner Metropole Bangalore (auch das Silicon Valley Indiens genannt), aber auch Andhra Pradesh mit der Hauptstadt Hyderabad sowie Maharashtra und Tamil Nadu legen bereits seit Jahren mit Erfolg großes Interesse an der IT-Industrie an den Tag. Das gleiche gilt für die Hauptstadt Delhi, seit einiger Zeit auch für Bundesstaaten wie Gujarat, Kerala, Goa, Himachal Pradesh oder West Bengal, von denen spezielle Strategien mit verschiedenen Initiativen ausgingen, um Investitionen in diesen Sektor anzuziehen. Dabei zeigen indische wie ausländische Investoren wachsendes Vertrauen.

Indien hat weltweit die größte englischsprachige Bevölkerung und mit über drei Millionen Hochschulabsolventen die zweitgrößte englischsprachige Gemeinschaft von Wissenschaftlern nach den Vereinten Staaten. Neben den exklusiven sechs Indian Institutes of Technology (technische Universitäten) gibt es Ausbildungsplätze an 17 Regional Engineering Colleges sowie -zig anderen staatlichen Universitäten und Colleges und an einer Vielzahl privater Ausbildungseinrichtungen.

Eine wichtige Rolle in dieser Hinsicht spielt das National Institute for Information Technology (NIIT). Vor zwanzig Jahren aus bescheidenen Anfängen heraus gestartet, ist das NIIT heute die weltweit größte Firma für Computer-Ausbildung, mit 1.634 Niederlassungen in Indien und Tochtergesellschaften in 31 Ländern. Jährlich bildet NIIT 240.000 Personen aus - von der Hausfrau, die in einem Zentrum einen Acht-Stunden-Kurs absolviert bis zum Programm-Designer über einen Vierjahreskurs.

Die genannten sechs IIT wurden 1951 vom ersten Premierminister Indiens, Jawaharlal Nehru, als "Kaderschmieden der Industriellen Revolution" geschaffen, mit denen er "die Tempel des modernen Indien" bauen wollte. Diese Vorstellung endete jedoch an den Grenzen der damals in Indien herrschenden "geplanten Wirtschaft". Die Folge war u.a. ein selbst verursachter "Brain drain": Rund 20 Prozent allein der hochqualifizierten und daher besonders begehrten IIT-Absolventen, das sind 27.000 Ingenieure und Wissenschafter, leben heute in den USA.

Das indische Bildungssystem wurde damit zu einem Lieferanten von Fachpersonal für entwickelte Länder, wobei die USA mit einer aggressiven Anwerbepolitik die besten Absolventen anzogen. Dieser Sog wurde und wird unterstützt dadurch, dass die indischen Spezialisten sich der Lebensbedingungen in den Industrieländern des Westens voll bewusst sind und der riesigen Armut und der unzureichenden Infrastruktur entrinnen wollen. In den erwähnten Wissenschaftsenklaven finden sie jedoch auch in Indien zunehmend exklusive Bedingungen, die einen Verbleib in Indien zumindest "erträglich" erscheinen lassen. Multinationale Firmen können aus einem großen Pool von Managern indischer Herkunft schöpfen, wenn es darum geht, Joint Ventures zu starten und zu führen.

Jährlich werden allein in die USA mit einem H1B-Visum bis zu 75.000 Software-Spezialisten verschiedener Qualifikation vermittelt. Der damit verbundene "Brain Drain" wird heute aber, wie noch vor kurzem, nicht mehr nur einfach als eine indirekte Subventionierung der reichen USA durch das arme Indien verurteilt. Die Inder in den USA bilden die ethnische Gruppe bei den Zuwanderern mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen, noch vor den Chinesen (abgesehen von der traditionell wirtschaftlich starken jüdischen Gemeinschaft). Sie transferieren große Beträge an ihre Großfamilien nach Indien und tragen somit auch zur Verbesserung der Devisensituation des Landes bei, sind aber nur in seltenen Fällen bereit , in ihre Heimat zurückkehren. Allerdings hat der Software-Boom der letzten Jahre im Heimatland dazu geführt, dass zunehmend auch Auslandsinder in IT-Startups investieren. Die "Indus Entrepreneurs", ein Zusammensch luss indischer Unternehmer aus dem amerikanischen Silicon-Valley, hat innerhalb eines Jahres mehr als 500 Mio. US-Dollar in Form von Risikokapital im Land angelegt. Aus dem "Brain Drain", wird so zugleich auch ein "Brain Gain".

Andererseits fehlen in Indien selbst zunehmend besonders hochqualifizierte IT-Spezialisten, was nicht nur die in Indien gezahlten Gehälter hochtreibt, sondern mehr und mehr zu einem ernsten Hemmnis für die weitere Expansion der IT-Industrie wird. Angesichts eines Bedarfs an Fachkräften aller Art ab 2001 von jährlich etwa 100.000 neu hinzukommenden Spezialisten beträgt der geschätzte "Ausstoß" in 2002 etwa 165.000. Darunter sind rund 21.000 Spitzenabsolventen, die an akademischen Eliteinstitutionen wie den IIT und anderen ausgebildet werden.

Äußerst problematisch für die Ausbildung dürfte der Umstand werden, dass in den nächsten fünf Jahren ein geschätzter Bedarf an zusätzlich 9.000 Lehrkräften jährlich entstehen wird, von dem nur etwas über die Hälfte gedeckt werden kann. Das ist jedoch nicht nur ein quantitativer, sondern vor allem ein qualitativer Engpass, weil besonders die Eliteausbildungsstätten mit einer zunehmenden Abwanderung oft der qualifiziertesten Lehrkräfte in die Industrie im In- und Ausland konfrontiert sind. Das betrifft nicht zuletzt jüngere Experten, so dass z. B. am IIT in New Delhi bereits 30 Prozent des Lehrkörpers über 55 Jahre alt sind. Auswege aus dieser Situation werden angesichts der angespannten Haushaltslage im Hochschulsektor weniger in einer attraktiveren Bezahlung gesehen, als vielmehr in einem geplanten Wechsel von Spezialisten zwischen Hochschulen und Industrie sowie in der Möglichkeit, diesen Spezialisten Mehreinkünfte über unbegrenzte Dienstleistungen für die Industrie einzuräumen.

Erwartungen indischer IT-Spezialisten in Deutschland und von deutschen Firmen

Zunächst erwarten indische IT-Spezialisten natürlich ein gutes Arbeitsumfeld und eine aufgeschlossene Atmosphäre. Was das politische Klima angeht, so gehen eigentlich die meisten indischen IT-Spezialisten davon aus, dass Angriffe auf Ausländer in Deutschland nicht die Regel und besonders in den Städten bzw. Ballungsgebieten, in denen die deutsche IT-Industrie konzentriert ist, nicht charakteristisch für das Umfeld sind. Dennoch besteht angesichts einschlägiger Vorfälle vielfach eine gewisse Zurückhaltung, zumindest aber ein Wunsch nach mehr Information, gegebenenfalls auch Garantien (Versicherungsmodalitäten).

Die Höhe des in Aussicht gestellten Gehaltes spielt verständlicherweise eine überaus große Rolle, obwohl das Gehalt nicht das allein entscheidende Kriterium ist, zumal Spitzenkräfte auf vielfache Angebote aus den USA zurückgreifen und zunehmend in Indien selbst auf hohe Bezahlung reflektieren können. In den USA und anderen englischsprachigen Ländern aber ist die Verständigung und damit die Eingewöhnung leichter; vor allem in den USA gibt es in den IT-Zentren auch seit längerer Zeit indische Kolonien. In Indien wiederum sind bestimmte Dienstleistungen, z.B. Mieten oder Hauspersonal, und viele Waren des täglichen Bedarfs - vor allem Lebensmittel (ganz abgesehen von der Geschmacksrichtung und Erhältlichkeit bestimmter Ingredienzien) - billiger, so dass auch ein niedrigeres Einkommen in Indien für Personen mit starken Bindungen in oder an Indien attraktiver sein kann.

Dazu kommen Fragen der Aufenthaltsdauer (Limitierung auf fünf Jahre), des Gehaltstransfers (viele Auslandsinder ernähren mit ihren Überweisungen oft eine mehr oder minder große Anzahl von Familienangehörigen), der Steuerbelastung (ist in den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland oder Singapur, also in bevorzugten Arbeitsorten der Auslandsinder, meist niedriger und auch einfacher durchschaubar) oder der Abfindung bei Vertragsablauf (sehr wichtig, da wieder beruflicher Anschluss in Indien bzw. an anderer Stelle gesucht und gefunden werden muss).

Wichtige Punkte für die Entscheidungsfindung indischer Spezialisten, nach Deutschland zu gehen, sind weiterhin:

  • Kann das deutschsprachige Umfeld gemeistert werden? Welche Möglichkeiten gibt es zum raschen und effizienten Erwerb von Deutschkenntnissen?
  • Kann die engere Familie (dazu zählen nicht nur Frau und Kinder, sondern z.B. auch die alleinstehende Mutter) mitgebracht werden?
  • Gibt es Arbeitserlaubnis für die Ehefrau? (Diese sind in IT-Spezialistenkreisen nicht selten ebenfalls hochqualifiziert.)
  • Inwieweit sind die Lehrpläne deutscher Schulen mit den bisher von den Kindern besuchten Schulen kompatibel? (In den o.g. bevorzugten Ländern sind diese zumeist weitgehend identisch oder ähnlich mit denen in Indien.)
  • Sind Schulen erreichbar, in denen in Englisch gelehrt wird? (Deshalb ist z.B. die in Deutschland für staatlich unterhaltene öffentliche Schulen bestehende Schulgeldfreiheit nicht unbedingt attraktiv, da für private Schulen mit englischem Unterricht in der Regel in Deutschland Schulgeld in beträchtlicher Höhe zu entrichten ist.)
  • Wie steht es mit dem Zugang zu indischen Filmen und Fernsehprogrammen? (Wiederum unter Bezug auf die o.g. Länder: Dort werden solche gezeigt bzw. unter-dessen ausgestrahlt.)
Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit wurde vom 1. August 2000 bis zum 5. Januar 2001 für insgesamt 4.441 ausländische IT-Fachkräfte eine Arbeitserlaubnis erteilt. Darunter waren 872 Spezialisten (794 Männer, 78 Frauen) aus Indien, die mit 19,6 Prozent die größte Gruppe stellten. Von ihnen reisten 828 ein und 44 waren Studienabgänger deutscher Hoch- und Fachschulen. 148 dieser IT-Fachkräfte erfüllten die vom deutschen Gesetzgeber festgelegte Voraussetzung eines einschlägigen Hochschul- bzw. Fachschulabschlusses nicht, sondern fanden nur über den Nachweis eines Bruttogehaltes von mindestens 100.000 DM pro Jahr Zugang zum deutschen IT-Arbeitsmarkt (wobei gerade im IT-Bereich oftmals praxisverbundene Fachkenntnisse mehr als Diplome zählen). 597 dieser indischen Fachkräfte waren in Unternehmen mit bis zu 100 Beschäftigten, 123 in solchen mit über 100 bis 500 Beschäftigten und 152 in Betrieben mit über 500 Beschäftigten tätig. Abgelehnt wurden nur fünf der indischen Bewerber; damit war die Ablehnungsquote die geringste in den Bewerbergruppen aus aller Welt. Literatur: NASSCOM, Press Releases, versch. Daten, und "Indian IT-Industry" vom 12. Februar 2001; N.N. Sachitanand, Optimism at Nasscom-2001, in: The Hindu vom 26. Februar 2001; Bernard Imhasly, Indiens IT-Revolution: ein Weg aus der Armut - oder Entwicklungshilfe für die reiche Welt?, in: Neue Zürcher Zeitung vom 7. Juli 2000.

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