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Nachruf

Nachruf auf Papst Benedikt XVI.

von Michael Borchard

„Ein unerhörter Auftrag“

Aus seinem tiefen Jesusglauben hat der zurückhaltende Mensch Benedikt XVI. immer auch einen Optimismus und die Kraft gezogen.

Als der bisherige Kurienkardinal Joseph Ratzinger am 24. April 2005 nunmehr als Papst Benedikt XVI. im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes auf dem Petersplatz mit dem Fischerring und dem Pallium die Insignien seines Amtes vor mehreren hunderttausenden Gläubigen auf dem römischen Petersplatz entgegennahm, sprach er in seiner allerersten Rede als Papst von einem „unerhörten Auftrag, der doch alles menschliche Vermögen überschreitet.“ Mit Blick auf die krisenhaften Erscheinungen, die die Weltkirche zu Beginn des Dritten Jahrtausends erschüttert haben und nach dem Pontifikat des „polnischen Papstes“ Johannes Paul II, der auch durch seine politische Bedeutung beim Fall des Eisernen Vorhanges zwischen Ost und West epochale Wirkung entfaltet hatte, schien der Satz noch einmal mehr zu gelten. Zugleich war kaum jemals zuvor die verschmitzte alte „Weisheit“, dass derjenige, der das Konklave als „Papst“ betrete, es als „Kardinal“ wieder verlasse, weniger zutreffend als in diesem Fall. Schon während der Trauerfeierlichkeiten, die Joseph Kardinal Ratzinger als Dekan des Kardinalskollegiums mit einer bemerkenswerten Predigt und „in schlichter Würde“, wie es die Süddeutsche Zeitung damals formulierte, leitete, traten namhafte Fürsprecher für eine Wahl des 78-jährigen ein, obwohl Joseph Kardinal Ratzinger mehrfach betont hatte, er bete, „dass ein anderer gewählt wird“.

Bereits am zweiten Tag des zum 18. April einberufenen Konklave stieg weißer Rauch auf und Joseph Ratzinger wurde von einer Mehrheit der 115 wahlberechtigten Kardinäle zum 265 Papst der katholischen Kirche gewählt; zum ersten deutschen Papst seit dem Pontifikat von Hadrian VI (1522-1523). Mit seiner Namenswahl spielte der Papst damals gleich auf zwei prominente Namensträger an, auf den heiligen Benedikt von Nursia, der als Ordensgründer die mönchische Gelehrsamkeit geprägt und große Bedeutung für Europa erlangt hatte und auf Benedikt den XV (1914-1922), der wegen seines engagierten Eintretens gegen die Schrecken des Ersten Weltkrieges als „Friedenspapst“ in die Geschichte eingegangen ist.

Anfänge und theologische Ausbildung

Eigentlich hatte sich Ratzinger, der zuvor mehrfach vergeblich bei Papst Johannes-Paul II. um seine Demission als Kardinal und als Präfekt der Glaubenskongregation gebeten hatte, einen „ruhigen Ausklang meiner Tage“ erhofft, wie er es selbst Journalisten gestand. Schon bis zum Tage seiner Wahl hatte Joseph Kardinal Ratzinger ein beachtliches Lebenswerk vorzuweisen. In Marktl am Inn wuchs er in einem sehr religiös geprägten Elternhaus und Umfeld auf und wurde auch noch von den Wirren des Zweiten Weltkrieges erfasst. Zwangsweise wurde er in den Pflichtdienst der Hitlerjugend übernommen und musste als Flakhelfer dienen, wurde dann aber auch noch Ende 1944 als Soldat der Wehrmacht eingezogen und geriet zum Kriegsende hin kurz in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Abitur, das er kurz nach dem Kriegsende in Traunstein ablegte studierte er in Freising und München Philosophie und katholische Theologie. Im Juni 1951 wurde er, der später eigentlich „Maurer“ als seinen Traumberuf angegeben hatte, gemeinsam mit seinem älteren Bruder Georg, der später Domkapellmeister von Regensburg werden sollte, vom damaligen Münchner Erzbischof Kardinal Faulhaber zum Priester geweiht.

Der Publizist Peter Seewald spricht von einer „sehr speziellen Verbindung von Genialität und einfacher, ländlicher Frömmigkeit“, die Joseph Ratzinger ausgemacht habe. Früh zeichnet sich das Bild eines Menschen ab, der die seltene Fähigkeit besitzt, persönlich bescheiden aufzutreten und andere nicht im Schatten seiner geistigen Überlegenheit stehen zu lassen. Schnell erfolgt neben und nach der priesterlichen Tätigkeit die Promotion und die Habilitation und 1958 schließlich die Berufung als außerordentlicher Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Freisinger Hochschule, dann Lehrstühle an beinahe allen Universitäten, die damals das theologische Leben in Deutschland prägten: Bonn (bis 1963), Münster (bis 1966), auf Empfehlung von Hans Küng, Tübingen (bis 1969) und Regensburg! An diesen Universitäten macht Ratzinger nicht nur mit seiner herausragenden theologischen Begabung, mit origineller Intellektualität, sondern auch mit offenen und herausfordernden Fragestellungen von sich reden. Der Titel seiner Antrittsvorlesung in Münster, „was ist das eigentlich, ‚Gott?‘“ spricht dafür Bände. In diesen Lehrstühlen erfährt er zwar während der Studentenproteste Ende der 1960er Jahre auch Ablehnung, aber es gelingt ihm zugleich einen Schülerkreis um ihn zu scharen, mit dem er bis in seine Zeit als emeritierter Papst regelmäßig in Verbindung bleibt. 

Der „Konzilstheologe“ Joseph Ratzinger und das II Vatikanische Konzil

International und weltkirchlich machte er erstmals als Berater und Redenschreiber des Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings während des Zweiten Vatikanischen Konzils auf sich aufmerksam. Dass Frings damals trotz seiner traditionellen Haltungen und seines hohen Lebensalters zu den führenden Köpfen des Konzils gehörte, war nicht zuletzt auf die die Arbeit seines Beraters Joseph Ratzinger zurückzuführen. Sein Einfluss macht auch den Vatikan auf den deutschen Theologen aufmerksam. Von 1963 an wird Joseph Ratzinger von Papst Paul VI zum offiziellen Konzilstheologen (Peritus) ernannt, zusammen mit anderen Periti wie Karl Rahner und Hans Küng. Gemeinsam mit Küng gehört Ratzinger zu jenen, die sich für Reformen stark machten, nicht zuletzt auch für eine grundlegende strukturelle Umgestaltung des damaligen Heiligen Offiziums in die Heilige Kongregation für die Glaubenslehre und damit für die Reform jener päpstlichen Behörde der Joseph Ratzinger später über zwei Jahrzehnte lang vorstehen sollte. Auch wenn sich Joseph Ratzinger später durchaus auch kritisch über das Zweite Vatikanum äußert, so begründet und beschleunigt gerade die Rolle, die der junge Theologe dort spielt und sein damaliger Einsatz für Reformen und sein Mut auch heiße Eisen wie die Zölibatsdiskussion anzupacken – gemeinsam mit Walter Kasper, Karl Lehmann und Karl Rahner plädiert er 1970 für eine eindringliche Überprüfung dieses Postulates - seinen steilen Aufstieg in der Kirchenhierarchie. Sowohl Papst Johannes der XXIII als auch sein Nachfolger Paul VI werden auf den bayerischen Priester aufmerksam. Folgerichtig wird er am 25. März 1977, kurz vor seinem 50. Geburtstag, zum Erzbischof von München und Freising ernannt und im Mai in der Münchner Liebfrauenkirche zum Bischof geweiht. Nur einen knappen Monat später wird er bereits in das Kardinalskollegium aufgenommen.

Die vergleichsweise kurze Zeit von fünf Jahren, die er der Diözese München und Freising vorsteht, ist erst im Nachhinein durch die Missbrauchsaffäre zu jener Zeit geworden, die in den Augen vieler Betrachter und vor allem der Betroffenen einen deutlichen Schatten auf das Wirken des späteren Papstes und auf sein Lebenswerk wirft. Dabei geht es unter anderem um die Wiedereinsetzung eines Priesters, der des sexuellen Missbrauchs verdächtig, aus Essen kommend nach München versetzt worden war, in eine Position, in der er erneut sich an Kindern vergangen hatte. Nachdem der emeritierte Papst zunächst angab, keine Erinnerungen an eine Sitzung gehabt zu haben, in der dieser Fall 1980 verhandelt worden ist, wurde er durch eine Rechtsanwaltskanzlei der Lüge geziehen, was ihn dazu bewog noch einmal Stellung zu nehmen und ein Versehen einzugestehen. In einem Brief bringt er noch im Februar 2022 „seine tiefe Scham, seinen großen Schmerz und seine aufrichtige Bitte um Entschuldigung“ allgemein gegenüber allen Missbrauchsopfern zum Ausdruck: Jeder einzelne dieser Fälle sei furchtbar „und nicht wieder gutzumachen“.

Wirken als Präfekt der Glaubenskongregation

Schon gleich zu Beginn seines Pontifikates hatte Papst Johannes Paul II. den Versuch unternommen, den anerkannten Theologen gerade wegen seiner besonderen rhetorischen und theologischen Begabungen auf den Stuhl des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre nach Rom zu locken, der aber mit Hinweis darauf, dass er erst eineinhalb Jahre in München Bischof sei, sich einen Aufschub dieser Entscheidung erbat. Zwischenzeitlich war auch das Gerücht aufgekommen, Joseph Kardinal Ratzinger werde als Nachfolger des Kölner Kardinals Höffner den Vorsitz der deutschen Bischofskonferenz übernehmen. Schließlich gab er dem Drängen aus Rom nach, legte das Amt des Münchner Erzbischofs im März 1982 nieder und übernahm den Vorsitz der einflussreichen Kirchenbehörde.

Auch in Rom sei Ratzinger, so das Munzinger-Archiv, geblieben was er nach Beobachtermeinung immer gewesen sei: „Professor, Bekenner, Lehrer, Zensor – kein Mann der Kanzel, sondern des Katheders, der mit intellektueller Schärfe und Sorge zugleich die Schwächen von Gesellschaft und Kirche bloßlegte“. Zuspitzungen wie der Titel der Süddeutschen Zeitung vom September 1996, der Ratzinger als „Großinquisitor aus Marktl am Inn“ tituliert oder der Spiegel, der ihn als „Wächter der reinen Lehre“ sieht und die etwas nettere Variante der Zeit, die ihn als „leisen Absolutisten“ betrachtete, dienen der pointierten Unterhaltung verkennen aber, dass der Kardinal aus Bayern weit mehr war als nur der strikte konservative deutsche Erfüllungsgehilfe des polnischen Papstes, der ihm in scheinbar blindem Gehorsam folgte.

So schwer verständlich für viele Christen in Deutschland es war, dass der Präfekt in Rom einer Abmilderung des Kommunionverbotes für wiederverheiratete Geschiedene eine Abfuhr erteilt hatte oder mit seiner Haltung zur kirchlichen Beteiligung an der Schwangerschaftskonfliktberatung, die zur Gründung der Laienorganisation Donum Vitae beitrug, so unübersehbar waren aber auch die Aufbruchszeichen, die Ratzinger schon in dieser Zeit aus Überzeugung setzte. Seine ausdrückliche Unterstützung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ von Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche kann bis heute als Meilenstein der Ökumene gelten. Auch seine demonstrative Teilnahme am Weltgebetstreffen in Assisi konnte nur als starkes Zeichen für ein Miteinander der christlichen Konfessionen gewertet werden, wenngleich das wenig überraschende Festhalten von Ratzinger an der Vorherrschaft der katholischen Kirche freilich auf heftige Kritik in der evangelischen Kirche gestoßen war.

Auch sein fragwürdiger Umgang in den letzten Jahren seines Lebens mit seiner persönlichen Rolle im Missbrauchsskandal in seiner Münchner Diözese bedeutet gleichwohl nicht, dass die Kongregation nicht unter seiner Führung eine sehr klare Haltung gegenüber den aufkommenden Missbrauchsfällen eingenommen hätte. Früher als andere erkennt Ratzinger, wie sehr die unerträglichen Taten, die immer offener zutage treten, die Glaubwürdigkeit der Kirche als moralische Instanz in einer Zeit der Herausforderungen der Moderne erschüttern. Mehrere Hundert Priester, die sich schuldig gemacht haben, werden auch durch sein Zutun schon vor dem Beginn seines Pontifikates aus dem Amt entfernt und in den Laienstand versetzt. Er war es, der auf eine Verschärfung des kirchlichen Strafrechtes drängte, um, wie er es sagte, „vor allem auch schneller zugreifen zu können.“ Über die Schwere der Krise macht er sich keine Illusionen. Im Rahmen der Karfreitagsmeditation, kurz vor seiner eigenen Wahl zum Papst, bekennt er eindringlich: „Wieviel Schmutz gibt es in der Kirche…“ Mit dem heiligen Augustinus teilt er das Bild von der Kirche als einem Gebilde, „in dem immer auch Weizen und Unkraut gemeinsam wachsen“.

Die Gleichzeitigkeit von Traditionsbewahrung und Aufbruchsdynamik hat seinen später nicht unumstrittenen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, den Kardinal von Genua, schon zu Benedikts Zeiten als Präfekt der Kongregation zu dem etwas ungelenken, aber am Ende durchaus zutreffenden Fußballer-Vergleich bewogen, dass Ratzinger in der Kirche als Präfekt der Kongregation die „Trainerrolle“ einnehme. Er sei, so Bertone, - anspielend auf den damaligen italienischen Nationaltrainer so etwas wie der Giovanni Trapattoni der katholischen Kirche gewesen.

Joseph Ratzinger und der gesellschaftliche Diskurs

Dass Joseph Kardinal Ratzinger bei aller Bescheidenheit und gelegentlicher Schüchternheit und bei aller akademischen Brillanz tatsächlich nicht selbstgenügsam im Elfenbeinturm seiner religiösen Überzeugungen verblieb, sondern sehr deutlich und mit „heißem Herzen“ in einer breiteren Öffentlichkeit eine Verantwortung von Christen in der modernen Welt einforderte symbolisiert wie kaum ein anderes Ereignis zumindest aus deutscher Sicht ein Höhepunkt seiner Amtszeit als Präfekt der Kongregation, das Treffen im Januar 2004, das der damalige Direktor der Akademie, Florian Schuller, nicht ganz ohne eigenen Schaffensstolz als Gespräch „eines der aufregendsten Gesprächspaare, die man sich augenblicklich – vielleicht nicht nur im deutschsprachigen Raum – für Grundsatzreflektionen menschlicher Existenz denken kann“, bezeichnet hat: Ein denkwürdiger Disput zwischen dem wichtigsten katholischen Intellektuellen Joseph Kardinal Ratzinger und dem bedeutenden Gegenwartsphilosophen Jürgen Habermas. Ein bedeutendes Zusammentreffen von „Dogma und Diskurs“, wie die FAZ es später genannt hat. Was als Streitgespräch geplant ist fördert erstaunliche Gemeinsamkeiten zutage, darunter das Bekenntnis von Habermas, dass religiöse Gemeinschaften „jahrhundertelang Werte wie Vergebung und Dialog, Verfehlung, Rettung, Erlösung, Mitleid lebendig erhalten“ hätten, die in der Moderne oft verloren gegangen seien. Das Überleben der Religion, nicht als Sozialverband, sondern als fester und lebendiger Kulturfaktor in einer säkularen Umgebung, muss von Vernunft und Philosophie als positive Herausforderung ernst genommen werden.“ Auch säkularisierte Bürger dürften religiösen Weltbildern nicht grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, selbst wenn es so schwierige Themen wie die Abtreibung beträfe. Damit gießt Habermas gleichsam Wasser auf die Mühlen Ratzingers, der wie er die Gefahr einer „entgleisenden Modernisierung“ sah.

Auch nach der Wahl Ratzingers zum Papst 2005 bleibt die „Springprozession“ bestehen, die einerseits aus Sorge vor der Eigendynamik der Aufbruchszeit des Zweiten Vatikanums dogmatischer und fortschrittsskeptischer agiert, aber andererseits auch eindrucksvolle Aufbrüche markiert. Auffällig ist zunächst der neue Ton und der neue Stil, der im Vatikanstaat herrscht. Er mache ernst, so stellen viele Beobachter fest, mit einer neuen Kultur des kollegialen und offenen Austausches mit den Kardinälen und mit dem Anspruch, die Kirche gemeinsam mit ihnen führen zu wollen. Tatsächlich geht Benedikt schnell Reformen innerhalb der Kurie an und strafft die Aufteilungen und Zuständigkeiten der verschiedenen Dikasterien, seiner „Ministerien“.

Der Papst als „Pilger“. Die Auslandsreisen Benedikts XVI.

Päpste wirken in der Gegenwart und im 20. Und 21. Jahrhundert stets besonders stark durch die Auslandsreisen, die sie unternehmen. Dass den Papst sein erster Besuch nach Deutschland führt ist weniger seiner Heimat geschuldet, sondern er markiert damit das, was er schon in seiner „Antrittsrede“ auf dem Petersplatz als zentrales Vorhaben seines Pontifikates beschreibt, den Dialog mit der Jugend. Beim XX. Weltjugendtag in Köln überzeugt Ratzinger nicht zuletzt die jungen Leute in Deutschland, darunter bei weitem nicht nur alleine die enthusiastischen Anhänger aus der selbsterklärten „Generation Benedikt“, sondern auch viele Jugendliche, die der Kirche distanzierter gegenüberstehen gerade durch sein bescheidenes und menschlich authentisches Auftreten. Dass er gleich seine nächste Reise der polnischen Heimat seines Amtsvorgängers gewidmet hat wurde ebenso positiv aufgenommen wie die Tatsache, dass er – so wie Johannes Paul II das als erster Papst getan hatte – das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besuchte. Auf viele Menschen machte sein vielleicht persönlichster Besuch, der zugleich auch als eine Art Abschied von seiner Heimat fungieren sollte, im September 2006 in Bayern großen Eindruck. Tiefe Wirkung hatten seine Besuche in der Türkei, der nicht nur den orthodoxen Christen in der Region gewidmet war, sondern auch einen Akzent in den Beziehungen zur islamischen Welt setzen sollte. Aufmerksamkeit erregte, dass er im Rahmen seines USA-Besuches, der insgesamt vom Missbrauchsskandal deutlich beeinflusst war, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York nicht nur die universelle Geltung der Menschenrechte propagierte, sondern auch humanitäre Interventionen rechtfertigte. Schon in seinem Gespräch mit Habermas hatte er davor gewarnt, dass die Stärke des Rechts nicht vor dem Recht des Stärkeren kapitulieren dürfe. Ein Satz, der vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, den Benedikt in seinen letzten Lebensmonaten mitverfolgen musste, ganz neue brennende Aktualität erhält.

Von großer Bedeutung, auch im Sinne der Ökumene mit den anglikanischen Kirchen ist die Tatsache, dass er als erster Papst seit der Abspaltung nach Großbritannien fährt. Und schließlich ist seine dritte apostolische Reise in seine deutsche Heimat von herausragender Bedeutung. Höhepunkt des Besuches ist, dass Benedikt als erster Papst eine Rede im Deutschen Bundestag hält auf Einladung des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. Dabei gelang es mit einer bemerkenswerten Rede über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates auch einige von jenen Kritikern zu überzeugen, die in dieser Einladung eine Verletzung der weltanschaulichen Neutralität des Staates gesehen hatten. Mit dem Begriff der „Ökologie des Menschen“ und seinem Plädoyer auch die naturrechtlichen Grundlagen, die zu den modernen staatsrechtlichen Auffassungen mitgeführt hätten, nicht zu vernachlässigen, setzt er einen Debattenimpuls. Im Rahmen dieses Besuches im Bundestag kommt es im Dienstzimmer des Bundestagspräsidenten auch zu einer Begegnung mit Vertreterinnen und Vertretern der Jüdinnen und Juden in Deutschland.

Der Papst und der interreligiöse und innerchristliche Dialog

Über die berechtigt kritische Debatte zur Karfreitagsfürbitte und zur Aufhebung der Exkommunikation für Bischöfe der Piusbrüderschaft, darunter Richard Williamson, der den Holocaust geleugnet hatte – Entscheidungen, die nicht zu Unrecht viele Jüdinnen und Juden irritiert hatten - sind große Verdienste des Papstes auf einem wichtigen Feld zu Unrecht in den Hintergrund geraten. Mit Nachdruck hat Benedikt XVI. den Kurs seines Vorgängers bei der weiteren Verbesserung und Vertiefung des katholisch-jüdischen Dialoges gesetzt. Gleich nach seinem Amtsantritt hatte er eine internationale jüdische Delegation in seinen Amtsräumen empfangen und sich zur Erklärung „Nostra aetate“ und der darin enthaltenen Aufforderung zu einem steten Dialog bekannt. Im Rahmen seines Besuches beim Weltjugendtag besteht Papst Benedikt darauf, die dortige Synagoge zu besuchen. Noch im gleichen Jahr empfing Benedikt die beiden Oberrabiner Israels. Ein Treffen, das die Beziehungen so beeinflusst hat, dass der israelische Oberrabiner Jona Metzger nach dem Rücktritt Benedikts erklärt, es habe während seiner Amtszeit die besten Beziehungen zwischen der Kirche und dem Oberrabinat gegeben. Rabbiner David Rosen, der seit Jahrzehnten für das American Jewish Committee den interreligiösen Dialog betreibt und der langjährig dem „International Jewish Committee for Interreligious Consultations vorstand, stellte 2012 fest, die Beziehungen zwischen Juden und Katholiken sei nie besser gewesen.

Nicht nur dem interreligiösen, sondern auch dem innerchristlichen Dialog hat er große Bedeutung beigemessen, mit einem insgesamt eher weiten Ökumenebegriff. So war ihm nicht zuletzt auch eine Annäherung an die Orthodoxe(n) Kirche(n) besonders wichtig. Die bahnbrechende Entscheidung, den Ehrentitel „Patriarch des Abendlandes“ abzulegen, hat zu einer Entspannung geführt, ebenso wie andere Schritte, die in diese Richtung ergriffen wurden. Wechselhafter gestalteten sich die Beziehungen zum Protestantismus. Ein Papier der Glaubenskongregation, das Benedikt unterstützt hatte, betonte nicht alleine die Einzigartigkeit der katholischen Kirche, sondern sprach in gewissen Ausmaßen auch der protestantischen Kirche das Recht ab, sich als Kirche im eigentlichen Sinn zu bezeichnen, weil ihr das sakramentale Priesteramt fehle, was der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland als „brüskierend“ empfand. Tiefen und mehr als nur symbolischen Eindruck machte hingegen seine Rede im Rahmen seines Deutschland-Besuches von 2011 im Erfurter Augustinerkloster. Hier ließ, so formuliert es der gegenwärtige Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing, „keinen Zweifel daran, dass es Martin Luther mit seiner immensen geistlichen Kraft um den Glauben und um einen Gott der Gnade, Barmherzigkeit und Liebe ging – und nicht etwa um die Spaltung der westlichen Christenheit.“ 

Freilich steht auch sein Pontifikat von Beginn an bis zum Ende ganz im Zeichen des Missbrauchsskandals, in dem die Rolle des Papstes gelegentlich undifferenziert betrachtet wird. Ausgerechnet der italienische Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi, ein scharfer Kritiker der Kirche, der mit der Verwendung von geheimen Dokumenten, die durch den Kammerdiener des Papstes entwendet wurden, den „Vatileaks“-Skandal mit herbeigeführt hat, fällt in Sachen Missbrauch ein eindeutig positives „Urteil“ über die Rolle des Papstes. „Der Kampf Papst Benedikts XVI. gegen den Missbrauch war entschiedener und härter als der seines Nachfolgers.“ Benedikt habe „den Mantel des Schweigens weggezogen und seine Kirche gezwungen, den Blick auf die Opfer zu richten.“ Tatsächlich hatte der Papst im Jahr 2010 bestätigt, dass das erste Interesse den Opfern zu gelten habe. „Wie können wir Wiedergutmachung leisten, was können wir tun, um diesen Menschen zu helfen, das Trauma zu überwinden, das Leben wiederzufinden? Sorge und Engagement für die Opfer ist die erste Priorität mit materieller, psychologischer, geistlicher Hilfe und Unterstützung“: Freilich gelte es auch, sicherzustellen, dass die Schuldigen „die gerechte Strafe finden“. Und schließlich sei auf die „Prävention in der Ausbildung und der Auswahl der Priesteramtskandidaten“ zu achten. Es kann kaum bezweifelt werden, dass nicht alle Maßnahmen wirksam waren und dass auch manche Äußerungen noch eindeutiger hätten sein können, aber es widersprach den Tatsachen, wenn man dem emeritierten Papst vorwarf, er habe den Missbrauchsskandal verschleiert und nicht eindeutig genug reagiert.

Unter seinen drei großen Enzykliken kann auch seine erste Enzyklika „Deus Caritas est“ (Gott ist Liebe) durchaus als auch der Versuch einer auch lehramtlichen Antwort auf den Missbrauch in der katholischen Kirche verstanden werden, weil in ihr nicht nur das christliche Liebesgebot stark gemacht worden ist, sondern auch die Leiblichkeit des Menschen erstmals so deutlich anerkannt worden ist. Seine dritte Enzyklika „Caritas in Veritate“ (Liebe in Wahrheit) baut fast schon eine unbewusste Brücke zu den Themen, die im Mittelpunkt des Pontifikates seines Nachfolgers Franziskus stehen, darunter die Frage, wie die katholische Soziallehre in Zeiten von Globalisierung, in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise, aber auch von Armut und Hunger sowie Umweltzerstörung und Klimakatastrophe fortgeführt und für eine gerechtere Welt zur Geltung gebracht werden kann.

Der Paukenschlag. Rücktrittserklärung nach acht Jahren Pontifikat.

Nach acht Jahren eines vielschichtigen Pontifikates überrascht Benedikt am 11. Februar 2013 mit einem Paukenschlag und erklärt während eines Konsistoriums zum Ende des Monats das Amt des Papstes und des Bischofs von Rom niederzulegen. Obwohl es auch Kritik an diesem Schritt gab, die vor allem eine Abwertung der Sakralität des Papstamtes fürchteten, so hat er mit seinem Rücktritt und dem Eingeständnis, dass seine Kräfte, wie er es selbst gesagt hat, „infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben“, nicht nur herausragenden Mut bewiesen, mit einer Tradition zu brechen, die über Jahrhunderte, ja im Grunde seit den Anfängen der Kirche Bestand hatte. Er hat damit vor allem auch einen neuen „Standard“ gesetzt. Jeder folgende Pontifex wird sich die Frage stellen – und sie gelegentlich auch gestellt bekommen – wie lange er seiner Aufgabe gesundheitlich noch gewachsen ist. Mit der Schaffung dieses Präzedenzfalles hat Benedikt XVI. das Papstamt für die Zukunft massiv verändert. In seiner letzten Ansprache als Pontifex sagt er im Februar 2013: „Ich bin einfach ein Pilger, der nun die letzte Etappe seines Weges auf dieser Erde antritt. Aber ich möchte weiterhin mit meinem Herzen, meiner Liebe, mit meinem Gebet, mit meinem Denken, mit allen meinen geistigen Kräften für das allgemeine Wohl der Kirche und der Menschheit weiterarbeiten.“ Ob die bis dahin nicht dagewesene Konstruktion des „papa emeritus“ und die Bitte, ihn weiterhin mit „Heiligkeit“ anzusprechen, ob gelegentliche Veröffentlichungen geeignet waren, die Autorität seines Nachfolgers in Frage zu stellen mag dahingestellt sein.

„Ein hörendes Herz“ – Das Vermächtnis von Benedikt XVI.

Eine journalistische Charakterisierung mag erklären, warum Benedikt weiterhin Einfluss auf die Debatten der drängenden theologischen Fragen behalten wollte und warum dies vielleicht weniger als Kritik an seinem Nachfolger Franziskus zu verstehen ist, mit dem er schon in den Zeiten seines eigenen Pontifikates trotz unterschiedlicher Sichtweisen ein enges und freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte: „Wenn Johannes Paul II ein Prophet und Mystiker war, dann ist Benedikt XVI. ein Lehrer. Er weiß wie wenig er voraussetzen kann, wie wenig einleuchtend das Christentum geworden ist.“ Das ist ein großes Vermächtnis des verstorbenen Papstes. Joseph Ratzinger gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit. Er ist mit seinen Millionenauflagen der meistgelesene Theologe der Neuzeit. In deutlich über 600 Werken und Abhandlungen, darunter Standardwerke wie sein 1967 erschienenes Buch, „Einführung in das Christentum“, das der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer als „Dokument der stürmischen ökumenischen Niederlegung alter Barrieren“ bezeichnet hatte und das noch heute von Studentinnen und Studenten als Einstieg in das Studium theologischer Fragen genutzt wird. Sich selbst und dem Fixpunkt seines eigenen Lebens, Jesus Christus, hat er zweifelsohne mit der dreibändigen Schrift „Jesus von Nazareth“, die in der Zeit seines Pontifikates veröffentlicht worden ist, ein bleibendes Denkmal gesetzt.  

Aus seinem tiefen Jesusglauben hat der zurückhaltende Mensch Benedikt XVI. immer auch einen Optimismus und die Kraft gezogen, jenseits von billiger Verdrängung den Blick auf die Kraft der Gläubigen zu richten und auf ihren Willen auch Freude in der Kirche zu vermitteln. Wenn dieser „Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große Mysterium der Kirche nicht mehr“, so betonte Benedikt in seiner Predigt im Gottesdienst im Berliner Olympiastadion 2011. Mit der ihm eigenen Demut formuliert er am Ende seiner Rede einen Satz, der in seiner schlichten Wahrheit auch als Orientierungsangebot weit über die Reihen der Katholikinnen und Katholiken hinaus als Vermächtnis gelten kann: „Ich denke, auch heute können wir nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“