Veranstaltungsberichte

„Glückliche Bescheidenheit“

von Josephine Landertinger Forero

3. Internationale Fairtrade Konferenz

Verbraucher interessieren sich zunehmend für Produkte aus fairem Handel. Dies bestätigen Wachstumszahlen trotz Wirtschaftskrise. Weltweit stieg der Fairtrade-Umsatz von 1,6 Milliarden Euro im Jahr 2006 auf 3,4 Milliarden Euro im Jahr 2009, so TransFair, der Verein zur Förderung des Fairen Handels. Auch in Deutschland ist dieser Trend festzustellen. Hier lag der Umsatz aus fairen Produkten bei 264 Millionen Euro im Jahr 2009 – mehr als das Doppelte im Vergleich zu 2006.

Das steigende Interesse auf dem Weltmarkt für Produkte aus fairem Handel stand im Zentrum der Vorträge und Diskussionen auf der 3. Internationalen Fairtrade Konferenz (IFK). Die IFK, eine Kooperationsveranstaltung von TransFair e. V., dem Wirtschaftsmagazin „Der Handel“ und der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) fand in der Akademie der KAS in Berlin statt.

Für Renate Künast, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, ist dieser Zuwachs einem Stimmungswechsel in der Bevölkerung geschuldet. Die Bürgerinnen und Bürger würden sich immer häufiger fragen, wie man sein Leben gestalten könne, ohne dies auf Kosten anderer zu tun, so Künast in ihrer Rede. Dass Produkte aus fairem Handel eher gutverdienenden, gebildeten Konsumententypen – den sogenannten LOHAS - vorbehalten seien, wies sie zurück. „Von dieser Kritik lass ich mich nicht abschrecken, denn irgendwo muss man mit der Veränderung anfangen.“

Um das Bewusstsein für faire Produkte zu vergrößern, müsse mehr Lobbyarbeit betrieben werden. „Das Kantinenessen in Unternehmen aus fair gehandelten Lebensmitteln zuzubereiten ist ebenfalls ein Schritt in diese Richtung.“ Künast, die von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft war, sprach sich klar gegen industrielle Monokulturen aus. „Eine ökologische und kleinbäuerliche Produktion muss das Ziel sein. Sie ist die einzige Lösung gegen Armut und der Hungerkrise.“ Die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen forderte am Ende ihrer Rede alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich als Teil der Lösung von Armut und Hunger zu sehen und Produkte aus fairem Handel zu kaufen.

Prof. Simonetta Carbonaro, Expertin für Konsumpsychologie und Mitbegründerin der Unternehmensberatung Real_Ise, kündigte, ähnlich wie ihre Vorrednerin, ebenfalls einen Paradigmenwechsel an. Ein Lebensstil, der auf Konsum ausgerichtet sei, würde den Menschen der heutigen Zeit nicht mehr die Sicherheit und das Glück bringen, dass sie sich wünschen. „Gerade die Exzesse, die gesättigten Märkte und das Überangebot führen den Menschen dazu, sich für eine ‚glücklichen Bescheidenheit’ zu entscheiden“, erklärte Carbonaro, Professorin für Humanistisches Marketing an der Universität von Borås in Schweden. Die Konsumenten seien bereit mehr Geld für ein Produkt auszugeben, wenn die Qualität stimme und die Nachhaltigkeit garantiert sei. „Das Essen bildet momentan ein neues Wohlstand-Verständnis in der westlichen Welt.“ Dazu gehöre auch das Bewusstsein über soziale Gerechtigkeit und die Rückverfolgbarkeit der Wertschöpfungskette, so Carbonaro. Dies sei durch Lebensmittel aus fairem Handel garantiert. Die Expertin nannte als Positiv-Beispiele einige Lebensmittelverpackungen aus Schweden und den Niederlanden, auf denen ein Aufkleber mit Foto und Kontaktdaten Klarheit über die Produktion verschafft.

Dass Konsumenten weltweit mehr Wert auf Transparenz und Nachhaltigkeit legen, haben große Unternehmen, wie die Supermarktkette Spar Austria oder der Eiscreme-Hersteller Ben & Jerry’s bereits erkannt. Ben & Jerry’s brachte im Jahr 2005 das weltweit erste Eis aus fairem Handel auf den Markt. Bis Ende 2011 sollen alle Eissorten in Europa aus fairen Zutaten hergestellt werden, sagte Philippa Marshall von Unilever/Ben & Jerry’s. Carmen Wieser von Spar Austria sagte: „In unseren Supermärkten sind 25 % der verkauften Bananen aus fairem Handel. Es reicht jedoch nicht alibi-mäßig faire Produkte zu verkaufen. Man muss schon den Sinn dahinter verstehen und das mit Herzblut machen.“

INFO-BOX:

  • LOHAS ist ein Akronym für den englischen Begriff „Lifestyle of Health and Sustainability“, was so viel bedeutet wie ein Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit. Das Akronym wird üblicherweise verwendet, um einen bestimmten Konsumententyp zu beschreiben. LOHAS soll für die Menschen stehen, die in der Regel ein gutes Einkommen haben und die durch eine gezielte Produktauswahl ganz bewusst Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern wollen.

  • FLO International (Fairtrade Labelling Organizations International) ist eine Dachorganisation für fairen Handel. Sie vergibt über ihre 24 nationalen Siegelorganisationen ein Label für Produkte des fairen Handels. Eine komplette Liste der Mitglieder finden sie hier.
  • In Deutschland vergibt TransFair e. V. den grün-blauen Siegel auf schwarzem Hintergrund. Fairtrade-Standards sollen eine Produktion unter menschenwürdigen und umweltschonenden Bedingungen sichern. Dazu gehören das Verbot von Kinderarbeit und Preisaufschläge für biologische Anbaumethoden. Die Existenz von Kleinbauern soll durch stabile Preise gesichert werden. Dabei werden die Produkte üblicherweise über dem jeweiligen Weltmarktpreis gehandelt. Die Handelsbewegung von Fairtrade konzentriert sich zurzeit auf Waren, die aus Ländern der südlichen Halbkugel in den Norden exportiert werden.

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Veranstaltungsberichte
10. September 2009
2. Internationale Fairtrade Konferenz (2009)

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