Gemeinwohlorientiertes Mietmodell – bezahlbare Kleinstwohnungen nach Baukastenprinzip
Van Bo Le-Mentzel | Architekt | Gesellschafter und Mitgründer Gemeinwohlbau COB Holding UG
Deutschland ist im europäischen Vergleich Schlusslicht bei der Wohneigentumsquote: Laut Statistischem Bundesamt wohnte über die Hälfte der Bevölkerung 2025 hierzulande zur Miete. Bezahlbarer Wohnraum hat daher besondere Brisanz und stand im Fokus des zweitätigen Treffens des Netzwerks Städtebau zum Thema Städtebau und Demokratie. Für mehr Miteinander. Das Netzwerk ist ein Kooperationsprojekt der KommunalAkademie mit dem Deutschen Institut für Stadtbaukunst. Die Präsenzveranstaltung folgte auf das letzte digitale Treffen, bei dem die Mitglieder Erkenntnisse zusammentrugen, wie Städtebau Begegnungen und sozialen Zusammenhalt fördern kann.
Wohnungspolitik ist immer auch Gesellschaftspolitik.
Kroatien führt mit rund 91 Prozent Wohneigentumsquote die eingangs erwähnte Statitik-Skala am anderen Ende mit an und hebt sich überdurchschnittlich vom EU-27-Durchschnitt ab. Dass dieser besondere Anteil historisch bedingt ist und mit massiven Privatisierungen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems zusammenhängt, erfuhren die Netzwerkmitglieder beim digitalen Blick über den Tellerrand am ersten Veranstaltungstag von Dr. Norbert Eschborn, Leiter der Auslandsbüros Kroatien und Slowenien der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., der sich aus Zagreb dazuschaltete.
In seinem erkenntnisreichen Impuls zum Thema „Gemeinwohlorientierte Bau- und Wohnungspolitik: Trends und Perspektiven aus Südosteuropa am Beispiel Kroatien“ unterstrich er die Bedeutung von bezahlbarem Wohnraum für die soziale Teilhabe und demokratische Stabilität. Wohnungspolitik sei immer auch Gesellschaftspolitik; Kommunen spielten dabei unter anderem durch aktive Bodenpolitik eine zentrale Rolle: „Wie wir wohnen, bestimmt letztlich auch, wie wir zusammenleben“, resümierte Dr. Eschborn.
Städtebau als demokratischer Aushandlungsprozess heißt Dialog von Stadtgesellschaft und Kommunalpolitik.
Stadtinnovationsforscher Stephan Willinger vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR und Projektleiter für die Nationale Stadtentwicklungspolitik hob in seinem Vortrag „Macht Stadt gemeinsam!“ das Ziel hervor, möglichst viele Akteure der Stadtgesellschaft in den städtebaulichen Prozess mitzunehmen. Am Städtebau zeige sich als Gradmesser, ob es gelinge, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und gemeinsam akzeptierte Lösungen zu schaffen. Städtebau berühre eine Vielzahl von emotionalen Triggerpunkten: Es gehe um Fachfragen, aber immer auch um Werte, Gerechtigkeitsempfinden und Selbstbestimmung. Willinger appellierte, Städtebau als demokratischen Aushandlungsprozess zu verstehen, mit einem dauerhaften Dialog zwischen Stadtgesellschaft und Rathaus.
Bei einem abendlichen Get-Together auf der Dachterrasse kamen die bundesweit angereisten Netzwerk-Mitglieder mit ihren ganz unterschiedlichen Städtebau-Perspektiven zusammen und tauschten sich intensiv über die jeweiligen Herausforderungen im eigenen Tätigkeitsbereich aus.
Am zweiten Veranstaltungstag ging es nach dem Big Picture vom Vortag über zu vielen konkreten kommunalen Beispielen für gemeinwohlorientiertes Bauen und Wohnen: Hierbei ging es um das Potenzial von Genossenschaften, kooperative Wohnformen, Initiativen für den Wohnungsbau oder alternative Eigentumsmodelle ebenso wie den Nutzen bestimmter Gebäudetypen und Beispiele partizipativer Stadtgestaltung. In der Marginalspalte finden Sie Vorträge der Referentinnen und Referenten.
Kommunale Bau- und Wohnungspolitik braucht Verlässlichkeit, finanzierbares Bauland und überschaubare Vorschriften.
Moderiert von Dr. Sarah Al Doyaili-Wangler, Referentin Soziale Marktwirtschaft der Hauptabteilung Analyse und Beratung in der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., erläuterte Eva Majewski Sparacino, Bezirksstadträtin und Leiterin der Abteilung für Stadtentwicklung und Facility Management, Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg die kommunale Bau- und Wohnungspolitik am Beispiel Berlin. Hierbei ging sie auf das Berliner Modell ein, demnach soziale Infrastruktur integraler Bestandteil des Städtebaus ist: Bei neuen Bauprojekten müssen Bauträger Folgekosten beispielsweise für Kitas und Schulen mittragen, mit dem Ziel, lebenswerte Quartiere zu schaffen. Die Bezirksstadträtin ging auf weitere kommunale Instrumente ein, um Tempo, Quantität und Qualität im Bausektor zu steigern, wobei sie kritisch anmerkte, dass die Baulandkosten viel zu hoch seien, zu viele Regeln und auch berechtigte Kritik an der Verlässlichkeit als Investitionsstandort den Wohnungsbau in Berlin hemmten.
Bezahlbarer, lebenswürdiger Wohnraum von 350 Euro Warmmiete ist unter Einhaltung der Baustandards möglich.
Es lohne sich, motivierte Van Bo Le-Mentzel, Gesellschafter und Mitgründer der Wohnungsbauinitiative Gemeinwohlbau.de in seinem Beitrag, ergänzend zum klassischen Bauprojekt die Zielmiete an den Beginn des Wohnungsbaus zu setzen. Während beim üblichen Ablauf Architekturbüros an Hand von Grundrissen Bauprojekte entwerfen, die Genehmigungsfähigkeit prüfen, Investoren suchen und dann erst die Miete errechnen würden, befürwortet Architekt Le-Mentzel den umgekehrten Weg, um bezahlbaren Wohnraum für unter 350 Euro warm zu ermöglichen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie bezahlbarer Wohnraum im Neubau machbar wird und sucht unter den o.g. Rahmenbedingungen durch innovative Gestaltung von Grundrissen nach guten Lösungen. Die kleinsten Wohnungen, die sein Unternehmen umsetzt, sind zwei Zimmerwohnungen von 22 qm² Grundfläche. Hohe Decken, Sprossenfenster und Gründerzeit-Style werden bei der Realisierung kleiner Raumkonzepte geschickt genutzt, versichert Le-Mentzel. Mikroappartements mit Hoteltypologie lehnt er ab, weil diese nur zu Vereinsamung führten – stattdessen seien Rückzugsorte für Hygiene und Kochen essentiell für gesundes Leben, ergänzt durch Gemeinschaftsbereiche. Sein Motto: „Wir machen Stadt und ihr alle seid willkommen!“
Genossenschaften können ihr Potenzial entfalten, wenn Kommunen gezielt die Zusammenarbeit fördern und gemeinsam Quartiere für nachhaltiges und gemeinschaftsorientiertes Wohnen entwickeln.
Ein Plädoyer für das Potenzial von Genossenschaften hielt Dr. Barbara König: Genossenschaften orientierten sich an ihren Mitgliedern, an den Bewohnenden und seien deswegen ein nachhaltiges und gemeinschaftsförderndes Modell, so die Überzeugung der Geschäftsführerin des Vereins Genossenschaftsforum. Der Zusammenschluss von Wohnungsgenossenschaften und weiteren Mitgliedern verfügt über knapp 150.000 Wohnungen in Berlin und Potsdam mit über 250.000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Auch die Genossenschaften haben mit den hohen Kosten zu kämpfen und setzen hierbei auf die Zusammenarbeit mit Kommunen.
Genossenschaftsprojekte aus München oder Hamburg zeigen, wie die gemeinsame Entwicklung von Quartieren gelingen kann.
Vorreiterin für eine wertschätzende Zusammenarbeit von Kommunen und Genossenschaften sei die Schweiz, die diese Kooperation gezielt fördere, indem beispielsweise Grundstücke bereitgestellt würden, so Dr. König. Leider gelinge diese Form der Kooperation in Berlin viel zu selten, bedauerte die passionierte Genossenschaftsexpertin.
Architekt Werner Schührer zeigte am Beispiel von München Freiham, wie ein komplexes Wohnprojekt mit vielen verschiedenen Beteiligten gelingen kann und nahm die Netzwerk-Mitglieder mit auf eine visuelle Reise durchs neu entstandene Quartier, bei dem genossenschaftliches Wohnen ein Herzstück bildet.
Gute Beteiligung ist aufwändig und kostet, aber dann kann sie ein Planungsinstrument für Stadtplanung sein, viele Ideen einsammeln, aufgreifen und Betroffene mitnehmen.
Isabella Costa lenkte den Blick auf das Obermünsterviertel im südwestlichen Teil der Regensburger Altstadt. In diesem Viertel im Wandel, das ab 2028 umfassend saniert werden soll, werden bereits vor Baubeginn temporäre Sofortmaßnahmen im öffentlichen Raum realisiert, um schon jetzt positive Veränderungen zu zeigen und die Umgestaltung vorzubereiten. Die Stadtplanerin und Landschaftsarchitektin ist Leiterin der Abteilung Planung Innenstadt und Vorbereitende Bauleitplanung im Amt für Stadtplanung und Mobilität der Stadt Regensburg. Ansteckend positiv stellte Costa umfassende Beteiligungsinitiativen ihrer Abteilung vor. Der bisherige Aufwand habe sich gelohnt, um die vielen Bedürfnisse, veränderungsbedingten Frust und Protest gewinnbringend zu kanalisieren, so Costa. Das Regensburger Projektteam hat sich intensiv damit beschäftigt, wie die Stadt das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen kann und wie die Beteiligung als Planungsinstrument genutzt werden kann, damit das mehrstufige Verfahren nicht Selbstzweck ist, sondern für die Entwicklung des Viertels genutzt werden kann. Gemeinsam erarbeitete, einzelne Nutzungsideen, die als Testformat Anwendung finden, sind aus einem Kraftakt von Kommune und Betroffenen entstanden. Beteiligung in Phase 0 umfasst Beteiligung von Anfang an und setzt die Offenheit der Kommune voraus, sich ohne vorgefertigte Pläne veränderungsbereit auf einen Aushandlungsprozess mit den Betroffenen einzulassen.
Flexible Wohnformen geben Denkanstöße für alternative Lebens- und Eigentumsmodelle und realisieren bezahlbaren Wohnraum.
Dass es sich lohnt, über kooperative Wohnformen und alternative Eigentumsmodelle nachzudenken, veranschaulichte Roman Grabolle, Wohnprojektberater für die Programme „Kooperatives Wohnen Chemnitz“ und „Dezentrale – Netz für gemeinschaftliches Wohnen in Sachsen“. Seine Beispiele für verschiedene gemeinschaftliche Modelle des Zusammenlebens in verschiedenen Rechtsformen zeigen, wie Gemeinschaft gelebt werden kann. Vielfältig, initiativ und auch für Wohnen bzw. Pflege im Alter geeignet, kennt er zahlreiche Modelle, die in weniger nachgefragten Städten und ländlichen Räumen Potenziale für gutes Leben bieten.
Es lohnt sich, neue Gebäudetypen zu bauen, die den Anspruch städtischer Dichte und ästhetischer Stadtgestaltung erfüllen und gleichzeitig Identifikation, soziale Vielfalt sowie private Gemeinschaftsflächen mit hoher Aufenthaltsqualität realisieren.
Welche Bedeutung Haustypen haben können, zeigte Stephan Schaefer am Beispiel der Flügelhäuser, bei denen gesellige und nachbarschaftsfördernde Höfe entstehen, die zufällige Begegnungen und Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen. Der Architekt ist Vorstandsmitglied beim Deutschen Institut für Stadtbaukunst, das unter den gegenwärtigen bau- und planungsrechtlichen Bedingungen verschiedene Grundrisstypen von Flügelhäusern ausgearbeitet hat. Ein positiver Beitrag für den Städtebau entstehe durch die kleineren Parzellen und Hauseinheiten mit individueller Fassadengestaltung. Ziel dieses Gebäudetyps ist soziale Vielfalt durch unterschiedliche Wohnraumangebote in einem Haus, Nutzungsmischung auf einer Parzelle, Reduzierung von Erschließungsflächen im öffentlichen Raum sowie die Schaffung von städtischer Dichte bei klarer Trennung von privatem und öffentlichem Raum. Die Höfe bieten Mieterinnen und Mietern Außenraumflächen, die sonst nur bei Reihen- oder Einfamilienhäusern entstehen.
Das Netzwerk Städtebau bringt regelmäßig Nachwuchskräfte aus unterschiedlichen Disziplinen mit etablierten Städtebau-Verantwortlichen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen. Nachwuchskräfte lernen anhand konkreter städtebaulicher Aufgabenstellungen und Lösungen von den praktischen Erfahrungen der Städtebau-Verantwortlichen und von der wissenschaftlichen Expertise, können eigene Entwürfe und Ideen vorstellen und professionell reflektieren lassen. Etablierte Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker lassen sich von neuen Ideen inspirieren, lernen Entscheider von morgen kennen und bereichern ihr eigenes Netzwerk.
Potenziale von Genossenschaften für die Stadtentwicklung und die Gesellschaft
Dr. Barbara König | Dipl.-Ing. Architektur, Soziologin | Geschäftsführerin Genossenschaftsforum e.V.
Macht Stadt gemeinsam! Städtebau als demokratischer Aushandlungsprozess
Stephan Willinger | Dipl. Ing. Raumplanung, Stadtinnovationsforscher | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR, Projektleiter für die Nationale Stadtentwicklungspolitik
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Hauptabteilung Politische BildungÜber diese Reihe
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