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Übrig bleibt nur ein kleines Zeit- und Nervenbudget

Knapp 50 Prozent der Eltern in Deutschland fühlen sich zeitweise unter Druck gesetzt. Zwei von drei Elternteilen erlebt sich sogar überlastet mit der Rolle als Mutter oder Vater. Diese Ergebnisse brachte eine Studie der Universität Bielefeld hervor. Erziehungs- und Bildungsexperten diskutierten über Ursachen von solchem Druck, der auf den Eltern heutzutage scheinbar lastet.

Die Empfindung von Druck, kann viele Quellen haben, sagt die Kinderpsychologin und Psychotherapeutin Nina Heinrichs, die die Bielefelder Studie betreute. „Es fängt schon damit an, wie Eltern in den Medien präsentiert werden“, berichtet die Professorin und zeigt eine exemplarische Zusammenstellung von Überschriften aus Printmedien. Zu lesen sind da „Die Elternkatastrophe“ oder auch „Verzogen statt erzogen“.

Ursache für solch ein negatives Bild auf Eltern und Kinder sieht Christine Henry-Huthmacher, Koordinatorin für Familienpolitik in der Konrad-Adenauer-Stiftung, auch in der gegenwärtigen Gesellschaft: „Kinder müssen heute funktionieren und egal was Eltern machen, um diesen Anspruch gerecht zu werden, es ist in den Augen der Gesellschaft immer falsch.“ Zu diesem Druckelement "richtige Erziehung" geselle sich auch die finanzielle Situation hinzu.

Armutsrisiko Kind

„Kinder gelten hierzulande als Armutsrisiko“, sagt Pastor Bernd Siggelkow, der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerkes Arche in Berlin ist, wo er vor allem mit Kindern aus sozial schwächeren Familien arbeitet. In Hellersdorf, wo Siggelkow sein Einsatzgebiet hat, gebe es 36 Prozent allein erziehende Mütter, die zum Teil bis zu fünf Kinder ohne Unterstützung eines Partners durch zu bringen hätten. „Bei den Eltern hier könnte man den Druck nehmen, indem man ihnen Ansprechpartner auf ihrer Ebene bereit stellt“, betont Siggelkow, der selbst Vater von sechs Kindern ist. Die Eltern vom unteren Rand der Gesellschaft würden bei Sorgen kaum zum Jugendamt gehen und dort um Hilfe bitten, weil sie immer gleich befürchten, dass ihnen ihre Kinder weggenommen würden.

Es fehlt an Anerkennung

Ähnliche Probleme sieht auch die Chefredakteurin der Ratgeber-Zeitschrift „Eltern“, Marie-Luise Lewicki: „Viele Eltern werden in ein Leben gezwungen, dass weder eltern- noch kindgerecht ist, sondern durch Berufstätigkeit nur noch ein kleines Zeit- und Nervenbudget lässt." Auch fehle es den Eltern in Deutschland an Anerkennung. Ein Mensch könne viel über seine Grenzen hinaus schaffen, wenn er weiß, dass seine Aktivitäten genug geachtet würden.

Die psychische Gesundheit des Kindes ist wichtig

Doch nicht nur äußere Einflüsse tragen zu dem Empfinden von Druck und Belastung bei, auch innere Komponenten haben ihren Anteil daran. „Die psychische Gesundheit des Kindes ist auch wichtig in diesem Kontext: Umso auffälliger das Kind, desto mehr geraten die Eltern unter Druck und sind zunehmend verunsichert. Und eben diese Verunsicherung der Eltern kann wiederum zu psychischen Auffälligkeiten beim Kind führen“, erklärt Heinrichs eine Theorie. Eine wichtige moderierende Variable sieht sie auch in den Erwartungen, die Eltern an ihre Erziehung und die Entwicklung des Kindes haben: Diese könnten auch einfach zu hoch sein.

Ein Patentrezept für die „richtige“ Erziehung gibt es schließlich nicht. „Erziehung ist nun mal die schwierigste Aufgabe, die ein Erwachsener zu bewältigen hat“, so die Psychologin Heinrichs. Immerhin sei unter den Eltern, die sich in ihrer Studie als überlastet einschätzten, auch eine große Mehrzahl gewesen, die sich durch ihre Mutter- oder Vaterrolle erfüllt fühlten. „Sogar 2/3 der befragten Eltern haben Freude an der Erziehung - das ist doch ein optimistisches Ergebnis“, so die Psychologin.

Die Politische Meinung
3. März 2008
Studie "Eltern unter Druck"

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