Mit einer Boeing 787 der Uzbekistan Airways startet der fünfstündige Flug von Frankfurt am Main direkt nach Urgentsch und bietet Komfort wie in den früheren Zeiten der Lufthansa: mehrfach mit Speisen und Getränken verwöhnt, werden für den Verdauungsschlaf Kissen, Decken und Pantoffel gereicht.
In Urgentsch empfängt uns nach einer pragmatischen Passkontrolle der fließend deutschsprechende, fürsorgliche und humorige örtliche Guide.
Bereits am nächsten Tag katapultiert Chiwa jeden Reisenden in die Geschichte der Region Zentralasiens, zwischen Europa und Fernost, mitten auf den Handelsrouten zum Kaspischen Meer, nach Persien und China.
Die von einer acht Meter hohen Lehmmauer umgebene Altstadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und war eine der Oasenstädte im reichen Choresmien südlich des Aralsees. Unter freien Himmel sitzend, mit Blick auf Minarette und Moscheen und mit typischem Essen vertraut gemacht, fällt es schwer, sich Chiwa auch als einen der bedeutendsten Orte des Sklavenhandels bis zum russischen Protektorat 1873 vorzustellen.
Auf der Busfahrt nach Buchara durch die Wüsten Karakum und Kysylkum wird nachvollziehbar, wie lebenswichtig der von den Griechen Oxus genannte Amurdarja war und ist. Nach der Eingliederung als Usbekische Sowjetrepublik 1924/25 und noch bis Mitte der 80er Jahre führte der Ausbau der Baumwollproduktion zu gigantischen Bewässerungsprojekten. Flüsse wurden umgeleitet – mit dramatischen Folgen z.B. für den Aralsee, dessen große Trocken- und Salzflächen bereits beim Reise-Anflug zu sehen waren. Das lebenswichtige Wasser muss Usbekistan mit seinen Nachbarländern, auch Afghanistan, teilen, künftig vor Verdunstung und Versickerung in den größtenteils maroden Kanälen schützen und effizienter nutzen.
Mit Buchara erwartet uns das erste Luxushotel der Reise und eine perfekt für den Tourismus wieder hergestellte „Perle der Seidenstraße“: Nicht mehr aus Lehm, sondern aus Ziegeln gebaut, zeigt sich die Altstadt in ihrer alten Bedeutung als Handels- und Karawanenstadt. Doch in die Oasenstadt kamen nicht nur Händler. Viele Jahrhunderte war Buchara eines der wichtigsten Bildungs- und Wissenszentren der islamischen Welt. In den Medresen wurde neben dem Koran und der islamischen Rechtslehre auch Mathematik, Astronomie, Medizin und Philosophie gelehrt. Täglich, u.a. im Tea House Silk Road Spices, bei orientalischen Aromen in Tee und Gebäck, offeriert unser Reiseleiter ideelle Kostproben aus der islamischen und zoroastrischen Philosophie. Ein Genuss für Gaumen und Geist und die Aufforderung, unser westliches Weltbild (zumindest für den Moment) zu verlassen. Auch im Gespräch mit dem Imam des nahe gelegenen Pilger-Klosters des Nashbandi-Sufiordens stellt sich die Frage nach der Relevanz von Religion und Spiritualität; leider ergibt sich kein „Masterplan“ für die Rettung der Westkirche in Europa.
Mit dem Hochgeschwindigkeitszug Afrosiyob (benannt nach der antiken Siedlung Afrasiab, deren Ausgrabung wir später besuchen) führt die Reise weiter nach Samarkand.
Am früheren Morgen des kommenden Tages (aber stets nach einem üppigen Frühstück) und unter blauem Himmel bezaubern die perfekt symmetrisch angeordneten Medresen des Registan-Platzes mit ihren türkisenen, hellblauen Fassaden und perfekten Bögen. Sie scheinen aus der Zeit zu schweben. Samarkand erzählt die Geschichte der Großen Herrscher Timur Lenk (Tamerlan) und Ulugh Beg: Timur war fest entschlossen, Dschingis Khans Großreich wieder auferstehen zu lassen, machte Samarkand 1370 zur Hauptstadt seines Reiches und unterwarf mittels brutaler Eroberungen Teile der heutigen Türkei, Pakistans, des Kaukasus und Nahen Ostens. Sein Enkel Ulugh Beg war weniger ein großer Feldherr, als Astronom und Mathematiker. In seinem Observatorium stehend, lässt sich die Präzision seiner Kartographierung des Sternenhimmels und Kalenderberechnung bewundern, die der europäischen Astronomie ca. einhundertfünfzig Jahre voraus war.
Die Seidenstraße könnte ebenso Papierstraße genannt werden: Nicht nur mit der Seide gelang der große wirtschaftliche Transfer von Ost nach West. Aus der Rinde des Maulbeerbaumes wurde in Samarkand preiswertes, dünnes und feines Papier hergestellt, verwendet und massenhaft auf den Karawanenrouten nach Westen gebracht.
Unmittelbar nach dem 60. Jahrestag des großen Erdbebens, der aber offenkundig kein Thema in dieser modernen, quirligen, nie zur Ruhe kommenden Stadt ist, treffen wir in Taschkent ein.
Das Stadtbild wird geprägt von jungen Menschen (das Durchschnittsalter der ca. 38 Millionen Usbeken liegt bei 28 Jahren, auch nach der Unabhängigkeit 1991 blieb das Bevölkerungswachstum hoch und es gab keinen Geburtenknick wie in den neuen Bundesländern). Wir sind mit unserem Altersdurchschnitt sofort als Westeuropäer erkennbar und werden besonders höflich behandelt. Die konservativ geprägte, von früher Eheschließung und Kinderfreundlichkeit geprägte Gesellschaft zeigt sich uns u.a. beim abendlichen Essen angesichts großer Hochzeitfeiern, bei denen auch leidenschaftlich getanzt wird. Gemeinsam mit dem präsenten Staat (Überwachungskameras, Verkehrskontrollen) führen der stark gelebte Erziehungs- und Bildungsanspruch der Eltern und das weiterhin kollektive Sozialgefüge zu einem hohen Maß öffentlicher Sicherheit.
Noch aus Zeiten der Zugehörigkeit zur Sowjetunion und nun gemäß seiner Verfassung ist Usbekistan ein laizistischer Staat, in dem Religion und Politik strikt voneinander getrennt sind und der seinen Bürgern das Recht garantiert, sich zu einer beliebigen oder auch zu keiner Religion zu bekennen. Allerortens sichtbar ist jedoch die Prägung durch den Islam: Er wird als integraler Bestandteil der Nationalkultur gepflegt und inzwischen bekennen sich ca. 90 Prozent (!) zum überwiegend sunnitischen Islam und dem Ziel, ein gottgefälliges Leben zu führen. An den Leiter des Regionalprogramm Zentralasien der KAS, André Algermißen, richtet sich die Frage, wie sich dies mit der seit 2016 unter Präsident Shavkat Mirziyoyev erfolgenden Liberalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft vereinbaren lässt. Fazit: Usbekistan öffnet sich auf eigene Weise der Außenwelt und es bleiben viele Gründe, es erneut zu besuchen.
Über diese Reihe
Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.